„Du weißt ja selbst“ sagte Sabine Beck und legte eine Fahrkarte für Finn auf den Tisch

Unfaire Entscheidung, verletzend und zutiefst kontrollierend.
Geschichten

— Er ist doch ein hilfsbereiter Junge. Johanna wird sich hinterher noch bedanken. Und pack ihm nicht zu viel ein, dort ist es heiß.

Ich nahm mein Handy, öffnete die Kamera und fotografierte die Fahrkarte.

— Wozu soll das denn gut sein?

— Damit nichts verloren geht.

Mehr sagte ich nicht.

In Finns Zimmer hing sein Rucksack mit dem Aufnäher über der Stuhllehne. Aus der Seitentasche ragte ein Schraubenzieher. Am Abend zuvor hatte er ihn lange mit einem Lappen poliert, als wäre es kein Stück Metall, sondern etwas, das Gewicht hatte.

— Mama, ich will nicht fahren, sagte er leise.

— Das habe ich verstanden.

— Wirklich?

— Ja.

— Ich habe schon mit Michael gesprochen. Er wollte mir für den Monat achtzig Euro geben. Und er zeigt mir, wie man Glas sauber schneidet.

— Ich weiß.

Finn setzte sich auf die Sofakante und verschränkte die Hände. Noch ein Junge, aber er saß da wie ein Erwachsener, der sich vorsorglich dafür entschuldigt, Nein gesagt zu haben. So etwas kennt man: Man hat nichts Falsches getan und sieht trotzdem aus, als müsste man sich rechtfertigen.

— Wusste Papa davon?

— Gleich finden wir heraus, wie viel er wusste.

Ich ging zurück in die Küche und legte die Fahrkarte vor mich auf den Tisch. Woher hatte Sabine Beck überhaupt die Passdaten ihres Enkels?

Ich rief Daniel an.

— Hast du kurz Zeit?

— Ich stehe an der Endhaltestelle. Was ist los?

— Hast du deiner Mutter Finns Daten geschickt?

Am anderen Ende blieb es einen Moment still.

— Ja, habe ich. Und?

— Und jetzt liegt hier ein Ticket auf meinem Küchentisch.

Typisch. Diese männliche Bequemlichkeit. Schnell etwas weiterleiten, dann schlafen gehen, Hauptsache, die Mutter gibt Ruhe. Und am Morgen sitzt jemand anders mit den Folgen da.

Daniel atmete schwer aus.

— Sandra, Johanna hat es wirklich nicht leicht. Vielleicht kann er ja einen Monat helfen.

— Deine Mutter sprach von drei Monaten.

— Das sagt sie jetzt so. Später wird man schon sehen.

Genau. Wenn ich jetzt schwieg, würde man später auch über seinen Urlaub und meine freien Tage „schon sehen“.

Sabine Beck rief Johanna selbst per Video an. Laut genug, dass die ganze Küche mithören musste, als hätte sie eine Zeugin geladen.

— Johanna, erklär du es ihr. Sie stellt sich quer.

Das Bild wackelte. Hinter Johanna standen ein Wäscheständer, Babysachen und ein Kinderwagen an der Wand. Sie sah erschöpft aus, das stimmte. Ihre Stimme klang dagegen munter und geschäftig.

— Sandra, stell dich doch nicht so an. Finn soll ja keine Zementsäcke schleppen. Nur ein bisschen helfen. Morgens mit dem Wagen rausgehen, während ich dusche. Wasser holen. Fläschchen in den Sterilisator stellen. Wenn Ben abends nicht zur Ruhe kommt, ihn ein wenig schaukeln. Er ist doch ein Junge, das schafft er.

— Und tagsüber?

— Tagsüber fast nichts. Nur falls ich mal ins Bad muss oder in die Küche. Oder wenn ich eine Stunde schlafen kann. Manchmal einkaufen. Windeln hochtragen, die sind schwer.

— Und nachts vielleicht kurz wiegen, ergänzte Sabine.

— Nur im Notfall, sagte Johanna schnell.

— Ihr seid doch Familie.

Zuckerdose, Fahrkarte, Telefon und der Topf mit Marmelade standen auf dem Tisch.

Und mittendrin mein Sohn, als wäre er ebenfalls nur ein Gegenstand, den man verschieben konnte.

Johanna sah kurz nach unten, als lese sie vom Handy ab:

— Um elf die Milch anrühren. Um eins mit dem Kinderwagen raus, im Hof ist Schatten. Nach dem Mittag den Müll runterbringen. Wäsche abnehmen, wenn ich es nicht schaffe. Abends die Mulltücher falten. Na ja, lauter Kleinigkeiten.

Kleinigkeiten.

Ich hörte sogar auf zu widersprechen. Wenn jemand seine Pläne derart genau ausbreitet, ist eigentlich schon alles gesagt.

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