Denn wer fremde Ferien so selbstverständlich verplant, verrät damit im Grunde schon alles.
— Er arbeitet, sagte ich.
Johanna lachte leise, nicht fröhlich, eher spöttisch.
— Was soll das denn für eine Arbeit sein, mit fünfzehn?
— Eine ganz normale. Halbtags in der Werkstatt.
— Sandra, bitte. Er wird in seinem Leben noch oft genug Geld verdienen.
Meine Schwiegermutter wurde sofort munter.
— Eben. Und der Schwester kann man einmal helfen.
— Der Tante, verbesserte ich sie.
— Wie bitte?
— Sie ist nicht meine Schwester. Sie ist die Tante meines Sohnes. Das ist nicht dasselbe.
In diesem Augenblick kam Daniel herein. Nach der Schicht, mit Thermobecher in der Hand und dem Gesicht eines Mannes, der sich nach Ruhe gesehnt hatte und mitten in einen Streit geraten war.
— Was ist denn hier los?
— Hier ist los, dass dein Sohn den ganzen Sommer als kostenlose Betreuungskraft weggeschickt werden soll.
— Nicht Betreuungskraft, empörte sich Johanna auf dem Bildschirm. Was redest du denn da?
— Wie soll ich es sonst nennen? Gratis-Schicht?
Daniel stellte den Becher ab und sah auf das Handy.
— Ihr wollt ihn wirklich den ganzen Sommer nehmen?
— Und was ist daran schlimm? Familie ist Familie.
Da riss mir innerlich etwas.
Das waren keine Ferien.
Ich nahm das Ticket mit zwei Fingern hoch.
— Hört mir jetzt genau zu. Das sind keine Ferien. Das ist ein Dienstplan ohne Bezahlung.
Sabine Beck lief rot an.
— Was du wieder für Wörter benutzt.
— Welche Wörter passen denn besser? Morgens Kinderwagen. Mittags einkaufen. Abends Fläschchen. Nachts schaukeln. Das nennt man Arbeit.
— Er ist ein Junge, sagte Johanna.
— Das wird ihm guttun.
— Genau. Ein Junge. Kein Mann für alles und keine fremde Haushaltshilfe.
Daniel rieb sich über die Stirn.
— Mama, hast du das Ticket wirklich schon gekauft?
— Ja. Und?
— Dann stornier es, sagte ich.
Ich legte den Ausdruck auf den Tisch und zerriss ihn langsam in zwei Hälften. Dann noch einmal.
Das Papier knackte trocken.
Meine Schwiegermutter sprang fast auf.
— Bist du verrückt geworden?
— Nein. Aber man hätte vorher fragen müssen.
Johanna wurde auf dem Bildschirm blass.
— Und was soll ich jetzt machen?
— Dasselbe, was erwachsene Menschen tun, wenn sie Unterstützung brauchen. Sich absprechen. Mit dem Mann. Mit der Mutter. Mit einer bezahlten Hilfe für ein paar Stunden. Mit uns hätte man auch reden können. Vor dem Ticketkauf.
Sabine schlug mit der Hand auf den Tisch, doch es klang kraftlos.
— Finn Weiß ist doch schon groß.
Ich sah sie direkt an.
— Eben. Groß genug, selbst zu entscheiden, wo er sein will.
Finn stand in der Tür. Ich hatte nicht einmal bemerkt, wann er gekommen war. Seine Schultern waren gerade.
— Ich fahre nirgendwohin, Oma, sagte er.
— Wenn wirklich Hilfe gebraucht wird, kann ich später für ein paar Tage kommen. Wenn man mich darum bittet.
In diesem Moment hörten alle, dass er eine eigene Stimme hatte.
Meine Schwiegermutter geriet in hektische Bewegung, stopfte Servietten, Papierfetzen und ihr Handy in die Tasche.
— Na gut. Ich habe verstanden. Johanna geht es schlecht, und euch ist das allen völlig egal.
— Nicht allen, sagte Daniel plötzlich.
Wir drehten uns beide zu ihm um.
Er stand am Fenster, groß, erschöpft, und wirkte, als traue er seinen eigenen Worten kaum.
— Mama, das war mein Fehler. Mit den Daten. Ich hätte zuerst mit Sandra sprechen müssen.
Sabine Beck erstarrte.
— Zähle ich als Mutter jetzt gar nicht mehr?
— Darum geht es nicht. Finn Weiß ist mein Sohn.
