„Du weißt ja selbst“ sagte Sabine Beck und legte eine Fahrkarte für Finn auf den Tisch

Unfaire Entscheidung, verletzend und zutiefst kontrollierend.
Geschichten

— Sandra, bitte stell dich jetzt nicht gleich quer, aber Finn Weiß ist kein kleines Kind mehr. Und Johanna Fuchs schafft es mit dem Säugling allein einfach nicht.

Meine Schwiegermutter sagte das in einem Ton, als hätte ich längst genickt, meinem Sohn die Tasche gepackt und ihm sogar noch belegte Brote für die Fahrt eingewickelt.

Die Fahrkarte neben der Zuckerdose

Sie legte einen Zettel auf den Tisch. Weiß, festes Papier, in der Mitte eine dick gedruckte Zeile: Dresden — Augsburg. Abfahrt am Montag, 07:40 Uhr.

Eine Fahrkarte.

Ich stand am Herd und schöpfte den Schaum vom Aprikosenmus. Der Löffel schlug gegen den Topfrand, ein klebriger Tropfen fiel auf die Wachstuchdecke. Draußen hing nach dem Regen schwere, warme Luft.

— Was soll das sein?

— Na, die Fahrkarte. Ich habe mich um alles gekümmert. Ein ordentlicher Bus, sogar mit Klimaanlage. Finn kommt gut an, Johanna holt ihn ab. Dort ist ein Baby im Haus, du weißt ja selbst, wie das ist.

Du weißt ja selbst.

Das war Sabine Becks Lieblingsformel. Erst entschied sie alles allein, dann stellte sie es hin, als ginge es um eine gemeinsame Familiensache. Und sobald man widersprach, wirkte man kleinlich.

Finn Weiß kam aus seinem Zimmer, um sich Wasser zu holen. Groß, schmal, schwarzes T-Shirt. Als er den Zettel neben der Zuckerdose bemerkte, blieb er stehen.

— Mama?

— Warte kurz. Wir klären das gleich.

Meine Schwiegermutter hatte sich inzwischen das Kopftuch abgenommen und machte es sich bequem. Die Tasche stellte sie auf den Hocker, ein Taschentuch zog sie aus dem Ärmel, die Lippen presste sie zusammen.

— Was gibt es da groß zu klären? Juni, Juli, August. Ferien. Dem Jungen wird das guttun. Früh aufstehen, den Kinderwagen schieben, mal zum Laden laufen. Dann kann Johanna wenigstens ein bisschen schlafen.

Ich sah noch einmal auf die Fahrkarte.

Montag. 07:40 Uhr.

Alle hatten offenbar schon alles besprochen. Nur ich war zuletzt davon unterrichtet worden.

Ein Sommer nach fremdem Plan

— Mama, wohin fahre ich denn? — fragte Finn.

— Zu Tante Johanna, wohin sonst. Für den Sommer. Dann wirst du mal nützlich, statt dauernd am Handy zu hängen.

— Ich hänge nicht dauernd am Handy. Ich wollte ab Montag zu Onkel Michael Schmitt in die Werkstatt.

Sabine Beck wedelte mit der Hand, als verscheuche sie eine Fliege.

— Ach, diese Werkstatt. Als wäre das eine richtige Beschäftigung. Der Familie zu helfen ist wichtiger.

Ich drehte den Herd aus.

— Und was genau soll er dort machen?

— Das habe ich doch gesagt. Nichts Besonderes. Mit dem Kinderwagen rausgehen, die Flasche anreichen, sein Geschirr abwaschen. Und nachts eben manchmal das Kind wiegen. Er ist jung, davon fällt er nicht auseinander.

Finn blieb mit dem Glas in der Hand stehen.

Nachts das Kind wiegen.

Da begriff ich es endgültig. Es ging nicht um Ferien, nicht um Verwandtschaft und auch nicht darum, dass er „mal rauskommt“. Für meinen Sohn war bereits ein Dienstplan aufgestellt worden.

— Kann Johanna sich keine Hilfe nehmen?

— Was denn für eine Hilfe, Sandra? Geld fällt nicht vom Himmel.

— Und bei uns ist es gratis?

— Fang doch nicht gleich wieder an. Wir sind doch Familie.

Genau so begann es immer.

Daniel Krause war bei der Arbeit. Ich hörte schon seine Stimme am Abend: „Man hätte doch helfen können, was ist denn dabei.“ Nicht aus Güte. Aus Müdigkeit. Für ihn war Nachgeben leichter, als sich mit seiner Mutter anzulegen.

Nur sollte diesmal nicht seine Zeit verschenkt werden.

— Finn, geh bitte erst mal in dein Zimmer. Bleib hier nicht so stehen.

Er ging nicht sofort. Erst sah er mich an, dann die Fahrkarte, dann seine Großmutter. Schließlich nickte er und zog die Tür leise hinter sich zu.

Kaum war er draußen, beugte sich Sabine Beck zu mir herüber.

— Hauptsache, du bringst den Jungen jetzt nicht gegen sie auf.

LebensKlüber