„Wenn du dieses Haus hinter meinem Rücken verkauft hast, verzeihe ich dir das nie“ Hannah greift nach ihrer Handtasche und droht, die Polizei zu rufen

Ein unverzeihlicher Verrat schleicht sich grausam ins Heim.
Geschichten

unter den Apfelbaum in den Schatten. Aus dem Haus holte er einen alten Becher mit angeschlagener Henkelstelle, genau jenen, aus dem sie früher Tee getrunken hatte, wenn sie ihn noch in den Kindergarten brachte. Dann füllte er ihr heißen Tee aus einer Thermoskanne ein.

„Du bleibst sitzen“, sagte Jonas Möller mit einer Strenge, die keine Widerrede zuließ. „Deine Aufgabe besteht heute darin, zuzuschauen. Kein ‚ich fege nur schnell hier‘, kein ‚ich gieße eben die Gurken‘. Haben wir uns verstanden?“

Hannah Hermann öffnete schon den Mund, um zu widersprechen. Nicht einmal aus echtem Anlass, sondern aus Gewohnheit; schließlich hatte sie gefühlt vierzig Jahre lang gegen alles und jeden Einwände erhoben. Doch diesmal schloss sie den Mund wieder. Sie lehnte sich zurück und sah einfach zu.

Sie beobachtete, wie Anton Friedrich und sein Helfer Bretter zusägten, während die Säge so schrill kreischte, dass irgendwo hinter dem Zaun ein Hund zu bellen begann. Sie sah Markus Krüger, der früher der Rothaarige gewesen war und nun weder rote Haare noch überhaupt viele Haare hatte, dafür aber einen stattlichen Bauch und eine ruhige, gewichtige Art. Er rührte Mörtel an und erklärte dabei einer jungen Frau mit Setzlingen irgendetwas. Und Jonas ging von einem zum anderen, fragte nach, half hier beim Festhalten, nickte dort zustimmend, gab kurze Anweisungen. Sein Gesicht war ernst, gesammelt, erwachsen. Wie das eines Mannes, der wusste, was er tat.

Ihr Sohn.

Der Herr über diesen Hof.

Nein, dachte Hannah plötzlich. Nicht nur über den Hof. Er war zum Herrn über jenes Stück Leben geworden, das er ihr nun zurückgab. Ihr, seiner Mutter.

Gegen drei Uhr nachmittags hielt sie es dennoch nicht länger auf dem Stuhl aus. Zusehen war ja schön und gut, aber alles hatte seine Grenzen.

„Ich mache Mittagessen“, erklärte sie Jonas.

„Mama …“

„Nichts Mama. Hier stehen zwanzig Leute seit acht Uhr morgens auf den Beinen. Was haben sie denn gegessen? Belegte Brote?“

„Na ja, wir haben Brot da und Wurst …“

„Eben.“ Sie erhob sich entschlossen. „Ich bin gleich so weit.“

Damit verschwand sie im Haus. Drinnen war es angenehm kühl, und in der Luft hing dieser trockene Geruch nach Sommerstaub, der sich in alten Datschen und Gartenhäusern festsetzt. Hannah öffnete den Kühlschrank. Wie immer zu Saisonbeginn sah er erbärmlich leer aus: ein paar Eier, ein Stück Butter, eine Packung Kefir, dazu ein Glas Senf, das vermutlich schon drei Jahre bessere Zeiten gesehen hatte. Sie seufzte. Gut. Dann musste eben improvisiert werden.

Als sie jedoch auf die Veranda trat, um Jonas zum Einkaufen zu schicken, wartete bereits jemand auf sie. Eine der jungen Frauen, die mit den Phloxen, hielt ihr zwei prall gefüllte Einkaufstaschen entgegen.

„Hier sind Gemüse, Hähnchen, Eier, Mehl und Butter“, sagte sie. „Jonas hat gestern alles besorgt. Er meinte: ‚Mama wird kochen wollen. Diskutiert nicht mit ihr, gebt ihr einfach die Sachen.‘“

Hannah nahm die Taschen entgegen. Erst sah sie die junge Frau an. Dann wanderte ihr Blick zu Jonas, der ein paar Schritte entfernt stand und so tat, als sei die Befestigung der Dachsparren plötzlich das Interessanteste auf der Welt.

„Du“, sagte sie in seine Richtung. „Wann hast du das alles eigentlich geschafft?“

„Mama, ich bereite mich seit drei Monaten darauf vor“, antwortete ihr Sohn, ohne sich umzudrehen. „Sag lieber, wann es Pfannkuchen gibt.“

Das war zu viel. Hannah ging wortlos ins Haus, zog die Tür fest hinter sich zu und blieb einen Augenblick stehen, beide Hände gegen ihr Gesicht gedrückt. Erst dann atmete sie tief aus, krempelte die Ärmel hoch und machte sich an den Teig.

Eine Stunde später stand im Hof ein langer Tisch. Die Männer hatten ihn in kaum fünfzehn Minuten aus denselben Brettern zusammengeschlagen, die eben noch aufgestapelt gewesen waren. Darauf dampften Kartoffeln, die Hannah nacheinander in drei Pfannen geschmort hatte, weil es im Haus keinen großen Topf gab. Daneben lagen grob geschnittene Gurken und Tomaten, so schlicht wie früher, als niemand aus Salat eine Wissenschaft machte. In der Mitte türmte sich ein Berg dünner Pfannkuchen, zart wie Spitze, mit knusprigen Rändern. Genau diese Pfannkuchen. Ihre Spezialität. Die, von denen einst ganze Stapel binnen drei Minuten in den Mägen hungriger Zehntklässler verschwunden waren.

„Tante Hannah“, sagte jemand mit vollem Mund; vermutlich Sebastian Schmitt, der damals die Scheibe eingeschlagen hatte. „Solche Pfannkuchen habe ich seit fünfzehn Jahren nicht gegessen. Wirklich. Meine Mutter hat nie gebacken, bei uns gab es immer nur Fertigkram.“

„Das weiß ich“, erwiderte Hannah, und auf einmal lächelte sie. „Deshalb hast du ja auch immer bis abends bei uns herumgesessen.“

Alle lachten. Laut, ungezwungen, fast jugendlich. In ihrem Garten lachten zwanzig erwachsene Menschen, und Hannah kam es vor, als sei dieses Lachen der schönste Klang, den sie seit zehn Jahren gehört hatte.

Plötzlich stand sie auf. Ihr Blick glitt über die Gesichter am Tisch. Anton Friedrich erstarrte mit dem Löffel in der Hand, Jonas wurde sofort aufmerksam. Hannah nahm die Schöpfkelle, füllte aus dem Topf Kompott in ihren Becher und hob ihn vor sich.

„Kinder“, sagte sie, und ihre Stimme klang ungewohnt kräftig. „Verzeiht mir, aber ich habe heute schon dreimal geweint. Das erste Mal vor Schreck. Das zweite Mal vor Freude. Und beim dritten Mal war es etwas ganz anderes.“

LebensKlüber