„Wenn du dieses Haus hinter meinem Rücken verkauft hast, verzeihe ich dir das nie“ Hannah greift nach ihrer Handtasche und droht, die Polizei zu rufen

Ein unverzeihlicher Verrat schleicht sich grausam ins Heim.
Geschichten

„Da weinte ich, weil mir nicht einfiel, womit ich euch je danken könnte. Jetzt weiß ich es.“ Sie hob den Becher ein wenig höher. „Ich trinke auf euch. Auf jeden Einzelnen. Darauf, dass ihr euch erinnert habt. Eure Gesichter habe ich nie vergessen, aber ich war sicher, ihr hättet meines längst aus dem Gedächtnis verloren. Habt ihr nicht. Also war es nicht umsonst, dass ich euch damals satt gemacht habe. Auf euch.“

Sie leerte den Kompott in einem Zug, als wäre es ein starker Schnaps. Einen Atemzug lang wurde es am Tisch vollkommen still. Dann brach ein so lautes „Hurra!“ los, dass von dem Apfelbaum nebenan erschrocken eine Krähe aufflog.

Hannah ging zwischen ihnen umher, legte Pfannkuchen nach, schenkte Tee ein, hörte den Gesprächen zu und merkte, wie etwas in ihr nachließ. Diese alte, vertraute Unruhe, mit der sie jahrelang eingeschlafen und morgens wieder aufgewacht war, war plötzlich nicht mehr da. Die Sorge um Jonas Möller, um seine Ehe, um den Kredit, um sein Gehalt, um seine Müdigkeit, um seine seltenen Anrufe — all das rückte auf einmal in die Ferne.

Denn dort saß er, ihr Sohn, auf einer umgedrehten Kiste, ein Brett auf den Knien statt eines Tellers, bestrich einen Pfannkuchen mit Marmelade und sagte zu jemandem: „Nein, die Rahmen machen wir morgen. Heute muss zuerst der Giebel fertig werden. Wenn es regnet, spült uns sonst alles wieder weg.“

Und in diesem Moment begriff Hannah: Er war erwachsen geworden. Er konnte zwanzig Menschen zusammenbringen und mit ihnen eine Veranda bauen. Und er tat es für sie.

Als es Abend wurde und die Helfer nach und nach zu ihren Zelten hinübergingen — sie hatten ihr Lager hinter dem Grundstück am Waldrand aufgeschlagen, damit es im Garten nicht zu eng wurde —, blieb Hannah auf der alten Treppe sitzen. Jonas setzte sich neben sie.

„Und?“, fragte er leise. „Wie findest du es?“

Sie sah ihn an. „Ich weiß nicht, wie ich dir dafür danken soll.“

„Mama, hör auf.“ Er schüttelte den Kopf. „Du musst mir nicht danken. Eigentlich bin ich derjenige, der dir dankbar ist. Für alles.“

Eine Weile sagten sie nichts. Dann strich Hannah mit der Hand über die abgetretene Stufe.

„Weißt du“, begann sie, „ich habe immer geglaubt, Eltern geben ihren Kindern etwas mit, und dann gehen die Kinder in ihr eigenes Leben. So ist das eben. Ich habe nichts erwartet. Wirklich nicht, Jonas. Ich wollte nur, dass du es einmal leichter hast als ich.“

„Habe ich doch“, antwortete er. „Gerade weil du das gewollt hast. Und jetzt will ich, dass du es auch leichter hast. Wenigstens mit einer Veranda.“

Hannah musste lachen und stieß ihn mit der Schulter an, genau wie früher, wenn er mit einer Fünf in Deutsch nach Hause gekommen war und entschuldigend gesagt hatte: „Mama, ich bin doch nicht Goethe.“

„Na gut, Herr Baumeister. Morgen warten wieder deine Giebel auf dich.“

„Die laufen uns nicht weg“, sagte Jonas und reichte ihr die Hand, um ihr beim Aufstehen zu helfen.

Die Woche verging so schnell, als hätte jemand sie auf einen einzigen Tag zusammengeschoben. Am Freitagabend stand Hannah auf ihrer neuen Veranda und sah zu, wie die untergehende Sonne den Garten in warmes Orange tauchte. Alles war so geworden wie auf dem ausgeschnittenen Bild, das sie damals aufgehoben hatte: hell, weit, mit Schiebefenstern und diesem frischen Duft nach Holz, der in jeder Fuge hing. Die Dielen waren noch nicht gestrichen, aber das spielte keine Rolle. Dafür würde später Zeit sein.

Auf dem Boden lag bereits die alte Decke, und auf dem Fensterbrett stand eine Tasse Tee. Neben dem Eingang hatten die jungen Frauen Lavendel gepflanzt. Sein zarter Geruch lag in der Luft, ein wenig herb, ein wenig sehnsüchtig — wie ein stilles Versprechen.

Am nächsten Tag würden alle wieder abreisen. Doch an diesem Abend saßen sie noch einmal zusammen am Tisch, lachten, tranken Tee und aßen Pfannkuchen. Hannah ertappte sich bei einem Gedanken, der sie selbst überraschte: Sie wünschte sich von Herzen, dass jeder dieser zwanzig Menschen eines Tages ebenfalls so einen Augenblick erleben möge. Anton Friedrich, der gerade seine Scheidung durchstand. Markus Krüger, dem das Haar immer lichter wurde. Die Mädchen mit den Setzlingen, deren Namen sie sich immer noch nicht gemerkt hatte. Jeder von ihnen sollte einmal spüren, dass Güte zurückkommt.

Nicht unbedingt in Form von Pfannkuchen. Vielleicht als Bretterstapel. Vielleicht als Veranda. Oder einfach dadurch, dass zwanzig Menschen ohne Vertrag, ohne Pflicht und ohne große Worte hinter einem stehen und sagen: „Wir haben nicht vergessen, wie du uns satt gemacht hast.“

Im Oktober, als die ersten Nachtfröste kamen, saß Hannah Hermann mit einer Decke über den Knien auf ihrer neuen Veranda. Draußen, hinter den Schiebefenstern, bog der Wind die kahlen Zweige der Apfelbäume. Drinnen aber war es warm; die Fußbodenheizung arbeitete zuverlässig, und der Tee in der Tasse blieb lange heiß.

Sie nahm ihr Handy, fotografierte den Abendhimmel über dem Apfelbaum und schrieb Jonas Möller: „Mein Junge, hier sind Dompfaffen angekommen. Komm vorbei. Pfannkuchen gibt es auch.“

Die Nachricht war verschickt. Hannah lehnte sich im Sessel zurück und lächelte — langsam, ruhig und ohne Eile, wie ein Mensch, der endlich aufgehört hat zu warten.

LebensKlüber