und später auch noch die Miete, als Nicole und ich gerade erst verheiratet waren … Mama, du schiebst die Renovierung deines Schlafzimmers seit sechs Jahren vor dir her. Diese geblümte Tapete hängt immer noch da, und wahrscheinlich ist sie älter als ich. Ich weiß noch genau, wie du immer gesagt hast: ›Ach, die Veranda kann warten.‹ Aber weißt du was? Sie kann es eben nicht. Jetzt ist Schluss mit Warten.«
Hannah sagte nichts. Ihr Schweigen zog sich so lange hin, dass Anton Friedrich oben auf dem Dach den Hammer sinken ließ und innehielt. Er sah zu ihnen hinunter, als hätte selbst er begriffen, dass gerade etwas Wichtiges geschah.
»Ich zahle dir etwas zurück«, sagte Jonas leise, aber fest. »Nicht mit Geld. Mit Arbeit. Die Leute kosten dich nichts. Wir haben alles durchgerechnet — in einer Woche sollten wir fertig sein. Und hier ist der Plan.«
Er griff in die Gesäßtasche seiner Jeans und holte ein zusammengefaltetes Blatt hervor. Als er es auseinanderstrich, erkannte Hannah eine saubere Zeichnung: Maße, Linien, kleine Anmerkungen am Rand. Kein ausgeschnittener Traum aus irgendeiner Zeitschrift. Ein richtiger Entwurf. Angepasst an ihr schmales Grundstück, sogar mit Rücksicht auf den alten Apfelbaum, von dem sie immer gesagt hatte, dass ihn niemand anrühren dürfe.
Jonas bemerkte ihren Blick und nickte. »Um den Apfelbaum bauen wir herum. Keine Sorge, daran haben wir gedacht. Das Fundament wird verstärkt, und eine Fußbodenheizung bekommen wir auch hin. Ich habe mich erkundigt — es gibt ein System, das bezahlbar ist und trotzdem etwas taugt. Stell dir vor: November, draußen nasskalt, und du sitzt hier eingewickelt in eine Decke und trinkst deinen Tee.«
Da löste sich die erste Träne aus Hannahs Auge. Sie lief über ihre Wange und blieb am Mundwinkel hängen. Hannah wischte sie nicht fort; sie merkte es kaum. Sie stand einfach da und sah diese erwachsenen Männer an, die früher barfuß durch ihren Hof gerannt waren, sich beim Fußball die Knie aufgeschlagen hatten, dampfende Frikadellen direkt aus ihrem Topf stibitzt hatten, an ihrem Küchentisch Hausaufgaben voneinander abgeschrieben und sich heiser über Computerspiele gestritten hatten. Und nun waren sie hier. Von sich aus. Ohne Bezahlung. Um ihr die Veranda zu bauen, von der sie so lange geträumt hatte.
Die friedliche Szene hielt jedoch nicht lange. Hinter dem Zaun räusperte sich jemand vernehmlich, dann tauchte über den Latten ein Kopf mit einem bunt geblümten Kopftuch auf. Sabine König, die Nachbarin von links. Eine Frau, deren Gesichtsausdruck grundsätzlich sagte: Ich habe es ja gleich gewusst. Sie stemmte die Hände in die Hüften und musterte das Treiben, als würde vor ihren Augen eine Staatsgrenze versetzt.
»Hannah, bist du das etwa?«, rief sie mit honigsüßer Stimme, in der etwas Hartes mitschwang. »Ich höre seit dem Morgen Lärm, Stimmen, dann stehen da auch noch irgendwelche Wagen. Was wird das hier — eine Handwerkermesse?«
»Guten Morgen, Sabine«, erwiderte Hannah und fuhr sich automatisch über die feuchte Wange. »Mein Sohn ist mit Freunden gekommen. Sie helfen mir. Wir bauen die Veranda.«
»Eine Veranda?« Sabine König schlug die Hände zusammen. »Habt ihr dafür überhaupt eine Genehmigung? Dir ist schon klar, was man heute für Schwarzbauten an Strafe zahlt? Da kannst du dein Häuschen verkaufen und bist immer noch nicht fertig. Außerdem ist dein Grundstück klein, Hannah. Bis zu meinem Zaun sind es doch kaum drei Meter. Haltet ihr die Abstände ein? Ich sage dir gleich: Wenn da etwas nicht stimmt, schweige ich nicht. Mein Neffe arbeitet bei der Bauaufsicht, ich könnte ihn jederzeit informieren.«
Jonas, der jedes Wort gehört hatte, drehte sich um und ging ruhig zum Zaun.
»Guten Morgen, Frau König«, sagte er höflich. »Die Genehmigung liegt vor. Der Entwurf ist abgestimmt, und die Brandschutzabstände sind ebenfalls berücksichtigt. Ein Freund von mir ist Architekt; bevor er auch nur eine Linie gezeichnet hat, hat er alles geprüft. Wenn Sie möchten, zeige ich Ihnen gern die Unterlagen.«
Sabine König lief dunkelrot an. Mit dieser Antwort hatte sie offenbar nicht gerechnet.
»Na, na«, zog sie gedehnt die Silben in die Länge und wich einen Schritt zurück. »Wir werden ja sehen, was daraus wird. Man kennt das doch: Erst bauen sie drauflos, und hinterher dürfen sie es auf eigene Kosten wieder abreißen. Und laut ist es auch, Hannah. Meine Enkel werden bei dem Krach kein Auge zutun.«
»Macht nichts«, sagte Hannah plötzlich ganz ruhig. Ihre Stimme zitterte nicht mehr. »Ihre Enkel haben letzten August bei mir Pfannkuchen gegessen, weil Sie vergessen hatten, ihnen Mittag zu machen. Dann schlafen sie heute eben ein bisschen später.«
Sabine König presste die Lippen zusammen und verschwand hinter dem Zaun. Anton Friedrich, der die ganze Szene vom Dach aus verfolgt hatte, schnaubte leise amüsiert und griff wieder nach seinem Hammer.
Hannah aber spürte mit einem Mal, wie sich in ihr etwas regte, das sie seit Jahren nicht mehr gekannt hatte: Trotz, Mut, beinahe Kampfeslust. Nein. Diesmal würde sie sich ihren Traum nicht kleinreden lassen.
Die nächsten zwei Stunden verbrachte sie wie in einem seltsamen, halb durchsichtigen Zustand. Alles wirkte unwirklich, beinahe wie ein Traum. Jonas führte sie schließlich zu einem Klappstuhl und sorgte dafür, dass sie sich endlich hinsetzte.
