»Jonas Möller, wer sind diese Leute? Wieso ist der Hof auf einmal so voll?« Hannah Hermanns Stimme kippte, und ihre Finger krallten sich fester um den Arm ihres Sohnes. Ein einziger Gedanke schoss ihr durch den Kopf: Er hat verkauft. Ohne mich zu fragen hat er das Wochenendhaus verkauft, und jetzt sind die neuen Besitzer da. Ihr Mund wurde trocken. Sie ließ seinen Arm los und blieb wie angewurzelt stehen, den Blick starr auf ihr eigenes Grundstück gerichtet.
Es roch nach frischem Kiefernholz. Der Duft war so schwer und harzig, dass Hannah schon am Gartentor ein Kribbeln in der Nase gespürt hatte. Jetzt mischte er sich mit Kalkstaub und Schweiß. Überall im Hof bewegten sich Menschen. Viele Menschen. Zwanzig bestimmt, vielleicht noch mehr. Männer in ausgeleierten T-Shirts und staubigen Jeans, zwei junge Frauen mit Folienrollen unter dem Arm, ein Bursche auf einer Stehleiter, ein anderer oben auf dem Dach, den Hammer in der Hand. Jemand schleppte Zementsäcke, jemand anderes rührte in einem Eimer eine weiße, scharf riechende Masse an. Ihr kleines Grundstück, das gestern noch still und ein wenig trostlos dagelegen hatte, glich plötzlich einem Ameisenhaufen im Frühling.
»Jonas«, brachte sie heiser hervor. »Siehst du das? Wenn du dieses Haus hinter meinem Rücken verkauft hast, verzeihe ich dir das nie. Sag mir sofort die Wahrheit. Sind das fremde Leute?«
»Mama, warte doch. Was für neue Besitzer?« Jonas Möller wirkte tatsächlich überrumpelt. »Was redest du da? Das sind meine Leute. Alle zusammen.«
»Deine Leute? Was soll das heißen? Was geht hier vor? Mein Handy ist in der Tasche. Wenn du mir nicht auf der Stelle erklärst, was das soll, rufe ich die Polizei.«

Sie griff wirklich nach der Handtasche, die an ihrem Unterarm hing. Ihre Finger gehorchten ihr kaum. In ihrem Kopf jagte alles durcheinander: das kleine Haus, an dem sie fünfzehn Jahre lang festgehalten hatte, die Veranda, die nie gebaut worden war, weil erst Jonas’ Ausbildung wichtiger gewesen war, dann der Autokredit, dann ihre eigenen Zahnprothesen, die noch warten konnten, dann der neue Bodenbelag in der Stadtwohnung, der ebenfalls warten musste. Immer hatte irgendetwas gewartet. Und nun trampelten Fremde über ihr Grundstück. Über ihres. Über das Stück Erde, das sie gepflegt hatte wie ein Kind.
»Mama.« Jonas legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Hör mir bitte zu. Das sind keine Besitzer. Ich habe sie hergebeten.«
Hannah erstarrte, die Tasche halb angehoben. Sie sah ihren Sohn an, als stünde er zum ersten Mal vor ihr. Fünfunddreißig Jahre alt, an den Schläfen schon ein wenig grau, breite Schultern – von ihr, nicht vom Vater. In seinen Augen lag weder Angst noch Frechheit. Nur eine ruhige, fast geduldige Erwartung.
»Du?«
»Ich. Das sind alles Leute von mir. Von der Arbeit, noch aus der Uni, Jungs von früher aus dem Hof, mit denen ich Fußball gespielt habe. Erinnerst du dich an Anton Friedrich?«
Natürlich erinnerte sich Hannah an Anton. Dünn war er gewesen, ständig hungrig, und zum Abendessen blieb er fast immer bei ihnen, weil es bei ihm zu Hause offenbar nicht leicht war. Damals hatte sie ihm wortlos eine doppelte Portion auf den Teller gelegt und so getan, als bemerke sie seine Verlegenheit nicht.
»Anton ist hier?«
»Ja. Und Sebastian Schmitt auch. Markus Krüger, der Rothaarige, ist ebenfalls da. Ludwig Stein auch, der bei meiner Hochzeit Trauzeuge war. Fast alle, die du irgendwann einmal mit durchgefüttert hast, Mama.«
Hannah ließ den Blick über den Hof wandern. Also deshalb waren ihr manche Gesichter so vage vertraut vorgekommen. Der dort oben auf der Leiter – das musste der Junge sein, dem sie Jonas’ altes Fahrrad geschenkt hatte, als dessen Familie in eine viel zu enge Wohnung ziehen musste. Und der Mann mit dem Eimer, das war Sebastian, der in der neunten Klasse mit einem Fußball ihre Fensterscheibe eingeschlagen hatte. Sie hatte ihn damals nicht ausgeschimpft, sondern nur darum gebeten, eine neue einzusetzen. Aus den Jungen waren Männer geworden. Erwachsene Männer mit kräftigen Händen und ernsten Gesichtern. Und nun standen sie auf ihrem Grundstück, zwischen Brettern, Werkzeug und jungen Pflanzen.
»Warum?«, fragte Hannah leise. »Jonas, warum macht ihr das?«
Eine Weile antwortete er nicht. Dann nahm er ihre Hand, behutsam, als bestünde sie aus dünnem Glas, und drehte sie zu sich herum.
»Du hast dein ganzes Leben für dieses Wochenendhaus gespart, Mama. Weißt du noch, wie sehr du dir eine Veranda gewünscht hast? Eine große, mit Schiebefenstern, damit man im Sommer dort Tee trinken und den Sonnenuntergang anschauen kann. Du hattest sogar ein Bild aus einer Zeitschrift an den Kühlschrank gehängt. Das ist bestimmt fünfzehn Jahre her.«
Hannah wusste es noch. Ja, dieses Bild hatte es gegeben. Es war vergilbt, die Ecken hatten sich eingerollt, aber weggeworfen hatte sie es erst nicht. Erst als der alte Kühlschrank ersetzt wurde, verschwand der Ausschnitt irgendwo. Danach hatte sie fast nicht mehr daran gedacht. Fast.
»Damals hast du jeden Monat etwas zurückgelegt«, fuhr Jonas fort. »Von jedem Gehalt ein bisschen. Und dann kam meine Aufnahme an der Uni, die Nachhilfestunden, und später musste auch noch meine erste Mietwohnung bezahlt werden.«
