„Die Eintragung ist längst durch. Seit zwei Wochen. Wenn du mir nicht glaubst, ruf an und frag nach — Christina Krause, Notarin. Die Nummer findest du.“
Danach wurde es still. So still, dass man das Summen einer Fliege am Fenster hören konnte.
Julia starrte mich an, als hätte ich ihr gerade den Boden unter den Füßen weggezogen.
„Du… das ist ein Scherz.“
„Nein.“
„Du hast… fremden Leuten… Millionen geschenkt?!“
„Ich habe es Kindern gegeben, die nicht mehr viel Zeit haben. Nicht einer erwachsenen Frau, die sich nur an ihre Mutter erinnert, wenn die Vorratsgläser leer sind.“
Hinter ihr presste Niklas Roth plötzlich die Hand vor sein Gesicht. Vielleicht schämte er sich. Immerhin einer.
Julia schnappte nach Luft.
„Du bist krank! Eine verrückte alte Frau bist du! Ich ziehe dich vor Gericht! Ich lasse prüfen, ob du überhaupt noch zurechnungsfähig bist!“
Ich lächelte nur. Ganz schmal, kaum sichtbar.
„Mach das, mein Kind. Das Gutachten vom Psychiater liegt ebenfalls vor. Christina hat darauf bestanden, bevor wir alles unterschrieben haben. Zur Sicherheit. Für genau solche Fälle wie diesen.“
Luisa Beck, die Juristin, begann wortlos, ihre Unterlagen einzupacken. Sie hatte schneller begriffen als alle anderen, dass hier nichts mehr zu holen war.
„Julia, komm“, murmelte sie. „Das ist durch. Da lässt sich nichts mehr machen.“
Als sie sich schon zur Tür wandten, sagte ich ihnen hinterher:
„Und dieses Haus hier überschreibe ich ebenfalls. An meinen Enkel. An Finn Meier. Mit der Bedingung, dass er erst mit achtzehn darüber verfügen darf. Bis dahin bleibt es meins. Wenn ihr ihn im Sommer bringen wollt, bringt ihn. Aber anständig. Nicht nach dem Motto: ‚Mama, nimm das Kind, wir fliegen in die Türkei.‘“
Julia blieb im Türrahmen stehen. Ihr Gesicht war weiß wie die Fliesen über meiner Spüle.
„Du bist für mich keine Mutter mehr.“
„Gut“, erwiderte ich ruhig. „Und du für mich kein Kassenautomat.“
Die Tür fiel krachend ins Schloss. Kurz darauf heulte draußen der Motor auf. Ich blieb noch einen Moment stehen. Dann ging ich zurück an den Herd und kochte meine Marmelade fertig. Schwarze Johannisbeere. Georg Fuchs hatte sie immer am liebsten gemocht.
Drei Monate sind seitdem vergangen. Julia ruft nicht an. Niklas schreibt ab und zu leise Nachrichten: „Verzeihen Sie uns, Katharina Braun, sie kommt wieder zur Vernunft.“ Finn war in den Herbstferien hier. Pfannkuchen backen mit seiner Oma — also mit mir. Ohne seine Eltern. Niklas hat ihn gebracht und wieder abgeholt.
Vor Gericht ist Julia nie gegangen. Sie hat sich nicht getraut. Sie weiß, dass sie verlieren würde: Atteste, Zeugen, Notarin — und vor allem Georgs Brief, den ich schließlich doch gezeigt habe. Christina Krause. Ganz offiziell, zu Protokoll.
Vom Hospiz kam später ein Foto. Auf dem Gelände steht jetzt ein neuer Spielplatz. Darunter eine kleine Tafel: „Wir danken Katharina Braun und Georg Fuchs.“
Ich habe das Bild an den Kühlschrank gehängt. Direkt neben Finns Zeichnung.
Und das Haus? Das steht noch. Meins. Vorerst meins. Die Apfelbäume blühen, die Johannisbeeren tragen, der Ofen in der Sauna wird angeheizt.
Nur heize ich ihn jetzt für mich.
Können Sie sich das vorstellen? Zum ersten Mal seit fünfundfünfzig Jahren — für mich.
