„Julia“, sagte ich und hob den Blick. „Sag mir bitte einmal ganz ehrlich: Soll Georgs Ferienhaus am Ende mir gehören — oder dir?“
Für einen Augenblick wurde es still. Niklas Roth räusperte sich und versenkte den Blick demonstrativ in seinem Handy. Luisa Beck tat so, als müsse sie dringend einen Kugelschreiber suchen.
„Mama, was spielt das denn für eine Rolle?“ Julia zuckte ungeduldig mit den Schultern. „Nach dir bekomme ich es doch sowieso. Warum sollst du dich in deinem Alter noch mit Steuern und Papierkram herumschlagen?“
In deinem Alter. Ich war fünfundfünfzig, nur zur Erinnerung. Im Krankenhaus behielten sie mich noch immer auf halber Stelle, weil die jungen Kolleginnen zwar alles Mögliche konnten, aber alten Menschen keine Spritze setzen, ohne blaue Flecken zu hinterlassen.
„Weißt du was“, sagte ich leise. „Ich überlege es mir. Bis zum nächsten Wochenende.“
Julias Mund wurde schmal. Sie zwang sich jedoch, nichts weiter zu sagen.
„Gut. Aber denk nicht ewig darüber nach. So eine Umschreibung zieht sich sonst über Monate.“
Nachdem sie gegangen waren, holte ich meine eigenen Unterlagen aus dem Wohnzimmerschrank. Mit dem Finger strich ich über den Prägestempel. Dann griff ich zum Telefon und rief Christina Krause an.
„Christina, Liebes. Ich glaube, wir müssen noch ein Dokument aufsetzen.“
Was danach geschah, lässt mir bis heute einen kalten Schauer über den Rücken laufen.
Drei Tage später rief Julia an. Diesmal klang ihre Stimme hart, beinahe metallisch.
„Mama, ich habe alles herausgefunden. Onkel Georg hat ein Testament gemacht. Auf dich. Du wusstest das?!“
„Ja“, antwortete ich ruhig und rührte weiter in der Marmelade.
„Und du hast geschwiegen?“ Ihre Stimme überschlug sich. „Mama, bist du eigentlich noch bei Verstand? Das ist ein Vermögen! Wolltest du dir alles allein unter den Nagel reißen?“
„Julia. Mein Bruder hat es mir hinterlassen. Mir persönlich. Mit einem Brief.“
„Was für ein Brief? Zeig ihn mir!“
„Nein.“
Nur dieses eine Wort. Kurz, hart, endgültig. Ich glaube, ich hatte es meiner Tochter in ihrem ganzen Leben noch nie wirklich gesagt.
„Du… du bist verrückt geworden. Wir kommen am Samstag. Und dann überschreibst du alles auf mich. Wie eine Mutter. Wie eine normale Mutter — und nicht wie eine selbstsüchtige alte Frau!“
Dann war die Leitung tot.
Ich gebe zu, meine Hände zitterten. Ich setzte mich ans Fenster und starrte lange hinaus. Vielleicht, dachte ich, war ich zu streng. Vielleicht war sie doch mein Kind, mein eigenes Blut, vielleicht musste man als Mutter eben…
Doch dann sah ich Georg wieder vor mir, wie er im Krankenhaus meine Hand festhielt und flüsterte: „Katharina, du bist ein guter Mensch. Alle nutzen dich aus, aber du bleibst gut.“
Da hörte das Zittern auf.
Am Samstag standen sie zu dritt vor der Tür: Julia, Niklas und diese Luisa Beck. Julia trat ein, ohne zu grüßen, und warf ihre Papiere auf meinen Tisch.
„Mama, was stehst du da herum? Unterschreib hier und hier — und bis Sonntag räumst du das Haus. Es gehört jetzt mir.“
Ich wischte mir die Hände an der Schürze ab. Aus der Tasche meines Hauskleids zog ich ein gefaltetes Blatt, klappte es auseinander und legte es neben ihren Stapel.
„Was soll das sein?“ Julia kniff die Augen zusammen.
„Das, Julia, ist eine Schenkungsurkunde. Von mir. Für das Ferienhaus in Weilheim.“
Ihre Wangen färbten sich sofort rosa.
„Auf mich?!“
„Nein, mein Schatz. An das Bremer Kinderhospiz.“
