…dann ist sie nicht mehr täglich wichtig, sondern nur noch auf Abruf. Mal auf die Enkel aufpassen. Mal Frikadellen braten. Mal Geld leihen „nur bis zum Monatsende“ — zurückbekommen habe ich es in zehn Jahren genau zweimal.
Mein Wochenendhaus, jenes, das ich noch mit meinem verstorbenen Mann Stück für Stück aufgebaut hatte, betrachtete Julia Roth längst als ihres. Wessen denn sonst. „Mama, wir kommen über die Feiertage, heiz schon mal die Sauna an.“ — „Mama, Finn Meier bleibt den ganzen Sommer bei dir.“ — „Mama, streich Niklas bitte den Zaun, er hat keine Zeit.“
Ich widersprach nicht. So bin ich nun einmal: leise. Vierzig Jahre als Krankenschwester machen einen nicht kämpferisch. Da lächelt man, setzt Spritzen und schluckt den Rest hinunter.
Von Georg Fuchs’ Erbe erzählte ich Julia Roth nichts. Kein einziges Wort. Warum, wusste ich selbst nicht genau; irgendetwas in mir zog sich zusammen. Ich regelte alles über Christina Krause, still und ohne Aufsehen. Die Unterlagen schob ich in den Wohnzimmerschrank, hinter das gute Service, das Julia Roth ohnehin nicht leiden konnte.
Einen Monat später begannen diese merkwürdigen Anrufe.
„Mama, wusstest du eigentlich, dass Onkel Georg noch ein Grundstück hatte?“
Mit dem Handy am Ohr erstarrte ich. Ich stand in der Küche und schälte Kartoffeln.
„Wie kommst du denn darauf, Julia?“
„Niklas hat sich auf der Arbeit mit einem Mann unterhalten, der in Weilheim wohnt. Der meinte, Georgs Parzelle sei immer noch nicht richtig überschrieben. Mama, das ist doch Erbe! Das ist doch… das müssen wir sofort klären, bevor es uns jemand wegschnappt!“
Das Entscheidende war dieses „uns“. Nicht: dir, Mama. Uns.
„Julia, ich kümmere mich darum.“
„Mama, du verstehst doch von diesen Papieren überhaupt nichts. Ich mache das schon. Du musst mir nur eine Vollmacht unterschreiben, für die Nachlassangelegenheit. Eine Freundin von mir ist Juristin, die sagt, so geht es am einfachsten.“
In diesem Moment machte es in meinem Kopf ganz leise klick. Wie ein Schloss, das zufällt.
Ich bin ihre Mutter. Ich kenne mein Kind. Eine Vollmacht in meinem Namen — damit konnte man alles abwickeln und am Ende auf sich selbst übertragen. Ich bin keine Anwältin, nein. Aber vierzig Jahre Krankenhausflure reichen aus, um genug Geschichten zu hören. Da wurden Dinge gedreht, bei denen einem schlecht werden konnte.
„Gut, mein Mädchen. Komm am Samstag vorbei. Dann unterschreibe ich.“
Ich legte auf, setzte mich an den Tisch und starrte auf die geschälten Kartoffeln. Und zum ersten Mal seit vielen Jahren lachte ich laut. Allein, in meiner stillen Küche.
Am Samstag kam Julia Roth nicht allein. Niklas Roth war dabei, und außerdem ihre „Juristenfreundin“ — ein Mädchen von vielleicht fünfundzwanzig, spitz wie eine Ahle, in einem Kostüm, das ihr nicht richtig passte.
„Mama, das ist Luisa Beck. Sie hilft uns mit den Unterlagen.“
Luisa Beck breitete die Papiere auf meinem Küchentisch aus wie Spielkarten.
„Frau Braun, hier wäre dann die Generalvollmacht, hier die Zustimmung zur Eintragung, und hier der Verzicht auf das Vorkaufsrecht…“
„Und worauf verzichte ich da genau?“, fragte ich langsam und betrachtete meine abgearbeiteten Hände.
„Ach, das ist nur eine Formalität“, sagte Julia Roth und schenkte mir jenes bezaubernde Lächeln, das ich ihr als Kind beigebracht hatte — das Lächeln für Lehrerinnen und schwierige Erwachsene.
