„Mama, warum stehst du da wie angewurzelt? Unterschreib hier und hier — und bis Sonntag räumst du das Wochenendhaus. Es gehört jetzt mir.“
Julia Roth hielt mir die Unterlagen direkt vors Gesicht, mit einer Miene, als hätte ich ihr an der Supermarktkasse zu wenig Wechselgeld gegeben. Nicht wie eine Tochter sah sie aus, eher wie eine Finanzbeamtin. Ich trocknete mir langsam die Hände an der Schürze ab — in der Küche roch es nach Dill und Johannisbeerblättern, ich war gerade dabei, Gurken einzulegen — und sah sie lange an.
Dabei dachte ich nur: Na endlich. Darauf habe ich gewartet.
Denn auch in der Tasche meines Hauskittels steckten Papiere. Meine eigenen. Und die waren deutlich interessanter als ihre.
Angefangen hatte alles ein halbes Jahr zuvor.

Im Februar rief mich die Notarin an, Christina Krause. Wir kannten uns seit gut zwanzig Jahren; ihren verstorbenen Mann hatte ich damals noch in der Klinik gepflegt. Vierzig Jahre lang hatte ich als Krankenschwester gearbeitet.
„Katharina, sitzt du? Dein Georg Fuchs hat ein Testament hinterlassen. Ich bin erst jetzt dazu gekommen, sein Schließfach vollständig durchzugehen.“
Georg Fuchs war mein älterer Bruder. Er war vor drei Jahren gestorben, alleinstehend, ohne Kinder. Ich war überzeugt gewesen, nach ihm sei nur die Zweizimmerwohnung in Bremen geblieben, die wir damals ganz ordnungsgemäß unter den Erben aufgeteilt hatten: ein Drittel für mich, der Rest an die Cousins und Cousinen.
„Christina, was denn für ein Testament? Wir haben doch alles längst geregelt.“
„Sitzt du nun oder nicht? Sein Grundstück in Weilheim. Zwanzig Ar. Mit Haus. Das hat er ausschließlich dir vermacht, in einem gesonderten Testament, schon 2020. Ich bin selbst fassungslos. Es lag in einer anderen Mappe; meine frühere Sekretärin hat da offenbar etwas vertauscht.“
Ich ließ mich direkt im Flur auf den Hocker sinken. Mir rauschte es in den Ohren. Ein Grundstück in Weilheim — ganz in der Nähe der neuen Straße, die erst im Jahr zuvor gebaut worden war. Dort kosteten hundert Quadratmeter inzwischen etwa 10.000 €. Zwanzig Ar, rechnen Sie selbst.
„Aber… warum hat er mir nichts gesagt?“
„Lies den Zettel. Er hat dir etwas hinterlassen.“
Noch am selben Tag fuhr ich zu Christina Krause. In dem Umschlag lag ein kariertes Blatt, herausgerissen, beschrieben mit Georg Fuchs’ schiefer Handschrift:
„Katharina, das ist für dich. Nur für dich. Nicht für Julia Roth. Sie ist in zwei Jahren kein einziges Mal zu mir ins Krankenhaus gekommen, obwohl ich sie darum gebeten habe. Du hast mich mit dem Löffel gefüttert. Teile das Geld nicht mit ihr — sie gibt es aus und merkt es nicht einmal. Es soll dein Polster fürs Alter sein. Georg.“
Ich saß da und weinte. Nicht wegen des Geldes. Sondern weil mein Bruder es gesehen hatte. Er, der selbst an Schläuchen gelegen hatte, hatte begriffen, dass ich ein Mensch war — und kein Dienstmädchen.
Julia Roth hatte ich seit ihrem sechsten Lebensjahr allein großgezogen. Mein Mann war damals zu einer Verkäuferin aus dem Discounter gegangen; meinetwegen sollte er mit ihr glücklich werden. Ich schleppte alles allein: meine Tochter und meine bettlägerige Mutter. Später beerdigte ich Mama, Julia Roth wurde erwachsen und heiratete Niklas Roth — im Grunde kein schlechter Kerl, nur völlig unter ihrem Pantoffel.
Und wissen Sie, wie das läuft? Sobald eine Mutter alles gegeben hat, verändert sich ihr Platz in der Familie.
