Im Wohnzimmer ließ Sandra Stein ihren Blick über die festlich gedeckte Tafel gleiten. Für einen winzigen Moment hoben sich ihre Augenbrauen, kaum merklich, doch Emilia entging es nicht. Ein Kommentar blieb aus. Stattdessen nahm Sandra auf dem ihr zugewiesenen Platz Platz und legte die Hände ordentlich in den Schoß, als säße sie nicht bei der Familie, sondern bei einer Prüfungskommission.
„Mama, Papa, danke, dass ihr gekommen seid“, begann Lukas Werner und versuchte, die angespannte Luft mit einem Lächeln zu durchbrechen. „Emilia und ich freuen uns wirklich, euch hier zu haben.“
„Sieht man“, murmelte Mia Schmitt, während sie sich gegenüber niederließ, ohne das Handy aus der Hand zu legen.
Emilia begann, die Vorspeisen zu servieren. Zuerst stellte sie kalte Platten auf den Tisch. Sandra griff nach ihrer Gabel, nahm ein kleines Stück Heringssalat auf, führte es an die Nase und legte es sofort wieder zurück.
„Der Hering ist nicht mehr frisch“, stellte sie trocken fest.
„Ich habe ihn heute Morgen gekauft“, erwiderte Emilia leise.
„Dann hat man dich eben übers Ohr gehauen.“
Andreas Krüger schenkte sich einen klaren Schnaps ein, kippte ihn wortlos hinunter und machte nicht einmal den Versuch, auf den Hochzeitstag anzustoßen. Mia dagegen rückte ihren Teller zurecht, hielt das Telefon darüber und suchte lange nach dem richtigen Winkel.
„Für Infogram“, erklärte sie, obwohl niemand gefragt hatte. Gleich darauf begann sie, mit schnellen Fingern etwas einzutippen.
Der Schwiegervater aß schweigend. Nur hin und wieder nickte er Lukas knapp zu, wenn dieser verzweifelt versuchte, ein Gespräch über die Arbeit anzustoßen. Emilia spürte, wie die Freude, die sie sich den ganzen Tag über bewahrt hatte, langsam zerfloss wie Butter in einer heißen Pfanne.
„Das Brot ist selbst gebacken?“ Sandra brach ein winziges Stück von der Scheibe ab und musterte die Krume.
„Ja“, sagte Emilia. „Ich habe den Teig heute Morgen angesetzt.“
Sandra kaute bedächtig, als müsse sie ein Gutachten erstellen. „Etwas schwer. Und mit der Hefe warst du wohl zu großzügig.“
Emilia presste die Lippen zusammen. Das Rezept hatte sie bis aufs Gramm genau eingehalten. Das Brot war luftig geworden, mit einer dünnen, knusprigen Kruste. Lukas hatte bereits zwei Scheiben mit sichtlichem Genuss gegessen, doch jetzt hielt er die dritte reglos in der Hand, als wüsste er nicht, ob er weiteressen durfte.
Der eigentliche Höhepunkt des Abends sollte die Ente werden. Emilia trug die Platte herein, während am Tisch plötzlich niemand mehr sprach. Die goldbraune Haut glänzte im Kerzenlicht, und der Duft von Orangen, Rosmarin und Bratensaft breitete sich im Raum aus.
„Ente?“ Sandra hob die Brauen. „An einem ganz gewöhnlichen Tag?“
„Heute ist unser Hochzeitstag“, erinnerte Lukas sie vorsichtig.
„Ein Hochzeitstag ist es, wenn man kirchlich getraut wurde oder wenigstens eine richtige Feier hatte. Aber so… Standesamt bleibt Standesamt.“
„Mama, muss das sein?“ Lukas’ Gesicht färbte sich rot.
„Was habe ich denn gesagt? Nur die Wahrheit. Außerdem ist Ente ein furchtbar fettes Geflügel. Mein Cholesterin ist ohnehin zu hoch.“
„Meins auch“, stimmte Andreas sofort zu, obwohl Lukas erst eine Woche zuvor erzählt hatte, wie sein Vater bei der Weihnachtsfeier im Betrieb mit bestem Appetit ein Schweinekotelett verdrückt hatte.
Genau in diesem Moment fiel der Satz, der sich Emilia später immer wieder ins Gedächtnis brennen würde: „Das essen wir nicht.“
Sandra schob ihren Teller von sich weg. Andreas warf seiner Frau einen kurzen Seitenblick zu und legte daraufhin ebenfalls die Gabel beiseite.
Mia kicherte leise und hob erneut ihr Telefon. Ein Kameraklicken durchschnitt die Stille. Emilia sah, wie ihre Schwägerin sofort etwas tippte.
„Mia, was machst du da?“ Lukas konnte sich nicht länger beherrschen.
„Ich stelle eine Story ein“, antwortete Mia gelassen. „Mit der Überschrift: ‚Wenn man zu einer Feier eingeladen wird und es nichts zu essen gibt.‘“ Dabei grinste sie ihre Mutter an.
Sandra gab ein zustimmendes Schnauben von sich.
„Unrecht hat sie ja nicht. Die Ente ist zäh wie eine Schuhsohle, die Salate schmecken nach nichts. Ich überlege schon, ob wir uns nicht lieber eine Pizza bestellen.“
„Mama!“ Lukas fuhr hoch, die Röte in seinem Gesicht wurde noch dunkler. „Emilia hat sich Mühe gegeben. Sie stand den ganzen Tag in der Küche!“
„Mühe ist noch kein Ergebnis“, bemerkte Andreas mit philosophischer Miene und füllte sich bereits das nächste Glas.
„Man hätte vorher fragen sollen, was wir überhaupt essen“, erklärte Sandra, als sei damit alles gesagt. „Ich hätte mir einen einfachen Kartoffelsalat gewünscht.“
