„Etwas ganz Normales, ohne dieses ganze raffinierte Drumherum.“
Emilia spürte, wie ihr ein harter Kloß in den Hals stieg. Wortlos legte sie das Messer zur Seite und erhob sich. „Ich hole noch die Soße“, sagte sie, obwohl niemand danach gefragt hatte, und verschwand in die Küche.
Dort lehnte sie sich mit dem Rücken gegen den Kühlschrank und presste für einen Moment die Augen zu. Einmal atmen. Noch einmal. Tief, langsam, kontrolliert. Der Abend, auf den sie sich so lange gefreut hatte, verwandelte sich vor ihren Augen in eine einzige Demütigung.
Nur widerwillig kehrte sie ins Esszimmer zurück. Sie setzte sich wieder auf ihren Platz und griff mechanisch nach der Gabel. Doch jeder Bissen blieb ihr im Hals stecken. Sie beobachtete, wie Sandra Stein ihren Teller demonstrativ ein Stück von sich wegschob, als läge darauf etwas Verdorbenes. Mia Schmitt stocherte derweil in ihrem Salat herum und fischte nur die Gurkenstücke heraus, während sie den Rest mit angewidert verzogenem Mund an den Tellerrand schob.
Plötzlich richtete Sandra sich auf, als sei ihr etwas besonders Wichtiges eingefallen.
„Weißt du noch, Lukas, wie Sophia Lang gekocht hat?“
Sophia Lang war Lukas’ erste Freundin gewesen, lange vor Emilia. Und Sandra ließ kaum eine Gelegenheit aus, ihren Namen in den Raum zu werfen.
„Das Mädchen konnte wenigstens backen. Kuchen, Pasteten, Fleischgerichte – alles gelang ihr. Und ihre Suppen! Ein Traum.“
„Mama, bitte“, sagte Lukas erschöpft. „Lass es gut sein.“
„Was soll ich denn lassen? Darf man nicht einmal mehr die Wahrheit sagen?“ Sandra hob die Brauen. „Deine Frau bekommt ja nicht einmal eine ganz gewöhnliche Ente ordentlich hin. Siebter Jahrestag, und immer noch kein Fortschritt.“
Mia kicherte leise, ohne den Blick von ihrem Handy zu heben. Ihre Finger flogen weiter über das Display, als schreibe sie gerade jemandem eine besonders amüsante Nachricht.
Emilia schob ihren Stuhl zurück.
„Ich bringe den Nachtisch“, sagte sie. Ihre Stimme klang heiser, kaum wiederzuerkennen.
In der Küche blieb sie am Fenster stehen. Draußen fiel Schnee. Vereinzelte Passanten eilten mit eingezogenen Köpfen durch die Straße, jeder unterwegs zu seinem eigenen Ziel. In den Fenstern der Häuser gegenüber brannte warmes Licht. Auch dort saßen Menschen vielleicht gerade beim Abendessen. Vielleicht feierten sie ebenfalls etwas, das ihnen wichtig war. Nur wurde dort vermutlich kein Fest in ein Tribunal verwandelt.
Der Rest des Abends zog sich zäh dahin. Emilia schenkte Tee ein, räumte Teller ab, brachte den Nachtisch, den kaum jemand anrührte. Die Gäste saßen mit versteinerten Gesichtern am Tisch und wechselten nur hin und wieder ein paar knappe Bemerkungen über das Wetter oder die gestiegenen Benzinpreise.
Gegen neun Uhr erhob sich Sandra Stein schließlich.
„Na gut. Wir sollten dann wohl gehen.“
Im Flur, während sie in ihren Mantel schlüpfte, wandte sie sich so laut an Andreas Krüger, dass Emilia jedes Wort hören musste.
„Wir müssen unterwegs irgendwo anhalten und richtig essen. So gehen wir ja hungrig nach Hause.“
„So lädt man keine Gäste ein“, setzte Mia hinzu und wickelte sich den Schal um den Hals. „Beim nächsten Mal gehen wir lieber ins Restaurant. Da stehen wenigstens Leute in der Küche, die ihr Handwerk verstehen.“
Andreas Krüger brummte etwas davon, dass „früher die Frauen noch kochen konnten“, und trat als Erster aus der Wohnung.
Lukas begleitete sie bis zum Aufzug. Emilia blieb im Flur stehen und hörte, wie er seiner Mutter leise etwas sagte. Sandras Antwort kam dagegen unüberhörbar zurück.
„Nimm sie nicht ständig in Schutz, Lukas. Ich meine es doch nicht böse. Man muss nur lernen, Gäste anständig zu bewirten.“
Als die Wohnungstür endlich ins Schloss fiel, blieb Emilia mitten im Flur stehen. In ihrer Brust schwoll etwas an – nicht bloß Kränkung, nein. Es war härter, klarer, entschlossener. Sie ging ins Wohnzimmer und sah auf den Tisch: die fast unberührten Platten, die heruntergebrannten Kerzen, die zerknüllten Servietten.
Lukas kam zurück. Er war blass.
„Emilia, verzeih ihnen. Sie sind eben…“
„Nicht“, unterbrach sie ihn ruhig. „Sag jetzt einfach nichts.“
Sie begann, die Teller zusammenzustellen. Lukas trat schweigend neben sie und half. Die Ente, an der sie den halben Tag gearbeitet hatte, landete im Müll; niemand hatte mehr Appetit darauf. Auch die Salate wurden entsorgt. Nur das Brot blieb übrig – ausgerechnet dieses „schwere“ Brot, das Lukas in den folgenden Tagen Stück für Stück aß und dabei jedes Mal lobte.
Als die Küche schließlich wieder sauber war, setzten sie sich an den frisch abgewischten Tisch, einander gegenüber.
