„Ich bin also eine Schmarotzerin? Gut. Dann bezahlt ab jetzt jeder für sich selbst“ sagte Elisa Simon ruhig, den Schlüsselbund fest in der Faust haltend

Unfaire Anschuldigungen zerstören ihre mühsam erarbeitete Würde.
Geschichten

Ich bitte ihn nur nicht jedes Mal, sie nach oben zu tragen. Aber wenn wir schon ehrlich sein wollen, dann richtig: Ab jetzt kauft jeder seine eigenen Sachen. Nebenkosten teilen wir zur Hälfte, schließlich wohnt Lukas Walter hier. Putzmittel, Essen, Internet — alles wird notiert. Ihre Ausgaben, Theresa Engel, haben mit unserem Haushalt nichts zu tun.

Die Schwiegermutter richtete sich kerzengerade auf.

— Was soll das denn heißen?

— Es heißt, dass Lukas Walter Ihnen helfen kann, wenn er es möchte. Aber dann aus seinem Anteil. Nicht aus dem gemeinsamen Geld und nicht auf Kosten meiner Zahlungen.

— Wie kannst du es wagen, die Unterstützung für seine Mutter aufzurechnen?

— Genauso, wie Sie eben meine Tiegelchen im Bad aufgerechnet haben.

In der Küche wurde es still. Sogar Lukas Walter atmete plötzlich nicht mehr so laut wie noch eine Minute zuvor.

Theresa Engel griff nach ihrer Handtasche, die auf dem freien Stuhl gelegen hatte.

— Lukas Walter, hörst du eigentlich, wie sie mit deiner Mutter redet?

— Mama …

— Fang nicht mit „Mama“ an! — Sie fuhr zu ihrem Sohn herum. — Bist du ein Mann oder was? In deinem eigenen Zuhause weist man dich in die Schranken!

Elisa Simon hob langsam die Augenbrauen.

— In wessen Zuhause?

Lukas Walter wurde blass. Nicht auffällig, aber Elisa Simon bemerkte es. Theresa Engel sah es ebenfalls, doch ihr Trotz ließ sie nicht mehr zurückweichen.

— In eurem Familienzuhause! Er lebt hier!

— Ja, er lebt hier, — sagte Elisa Simon ruhig. — Aber die Wohnung gehört mir. Das ist keine Beleidigung, sondern eine Tatsache. Und da wir heute offenbar einen Abend der ehrlichen Formulierungen haben, sollten wir nicht so tun, als wäre diese Wohnung nach der Hochzeit einfach vom Himmel gefallen.

Theresa Engel umklammerte die Henkel ihrer Tasche.

— Ach, damit willst du jetzt also anfangen?

— Ich fange mit gar nichts an. Ich erinnere nur an Grenzen. Sie sind in meine Wohnung gekommen, haben sich an meinen Tisch gesetzt und beschlossen auszurechnen, wie nützlich ich für Ihren Sohn bin. Also rechne ich jetzt aus, wie nützlich das alles für mich ist.

Lukas Walter fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.

— Elisa, es reicht. Wir sind alle aufgebracht.

— Nein, Lukas Walter. Aufgebracht war deine Mutter, als sie mich eine Schmarotzerin genannt hat. Ich dagegen bin im Moment vollkommen ruhig.

Und das stimmte. In Elisa Simon war alles gesammelt und kühl, wie vor einem schwierigen Gespräch mit einem unangenehmen Menschen. Sie verspürte kein Bedürfnis, sich zu rechtfertigen. Da war nur Klarheit. Als hätte jemand eine schwere Decke von ihr genommen, unter der sie viel zu lange gesessen und die stickige Luft ertragen hatte.

— Ab heute, — fuhr sie fort, — kaufe ich keine Lebensmittel mehr „für alle“, wenn wir es vorher nicht besprochen haben. Ich bezahle keine Ausgaben für dein Auto, nur weil du sagst, wir würden das später klären. Ich übernehme die Nebenkosten nicht vollständig, wenn du sie vergessen hast. Und ich lasse mir keine Bemerkungen von jemandem machen, der keinen Anteil an unseren Ausgaben trägt, sich aber aus irgendeinem Grund für eine Prüferin hält.

Theresa Engel sprang vom Stuhl auf.

— Ich fahre nach Hause. Das höre ich mir nicht länger an.

— Gut, — sagte Elisa Simon. — Ihre Sachen stehen im Flur.

Die Schwiegermutter sah ihren Sohn an. Offenbar wartete sie darauf, dass er sie aufhalten, seiner Frau eine scharfe Antwort geben und die alte Ordnung wiederherstellen würde. Doch Lukas Walter schwieg. Er stand noch immer am Tisch und starrte auf die Rechnungen, als wären es fremde Briefe, die zufällig in seine Hände geraten waren.

— Lukas Walter, bringst du mich runter? — fragte Theresa Engel.

— Gleich, Mama.

— Nicht gleich. Jetzt.

Elisa Simon nahm den Schlüsselbund vom Tisch und löste einen einzelnen Schlüssel davon.

Lukas Walter runzelte die Stirn.

— Was machst du da?

— Ich nehme den Ersatzschlüssel zurück, den du deiner Mutter gegeben hast.

Theresa Engel presste die Tasche hastig an ihre Seite.

— Der ist für den Notfall!

— Der Notfall ist vorbei.

— Ich bin seine Mutter! Wenn es nötig ist, darf ich doch wohl zu meinem Sohn kommen.

— Zu Ihrem Sohn dürfen Sie. Aber das hier ist meine Wohnung. Ohne meine Zustimmung betritt sie ab jetzt niemand mehr.

Das Gesicht der Schwiegermutter färbte sich rot. Auf ihren Wangen erschienen ungleichmäßige, grelle Flecken. Sie wühlte in ihrer Tasche, zog ihren Schlüsselbund hervor und warf den Schlüssel auf den Tisch. Er schlug mit einem hellen Klirren auf dem Holz auf.

— Da, nimm ihn. Erstick doch an deiner Wohnung.

— Machen Sie kein Drama daraus, Theresa Engel. Sie haben lediglich einen fremden Schlüssel zurückgegeben.

Lukas Walter zuckte, als wolle er etwas erwidern, doch Elisa Simon sah ihn zuerst an. Und er schwieg.

Als die Wohnungstür hinter der Schwiegermutter ins Schloss gefallen war, breitete sich eine ungewohnte Stille aus. Lukas Walter begleitete seine Mutter bis zum Aufzug und kam nach einigen Minuten zurück. Elisa Simon stand inzwischen wieder in der Küche. Sie legte die Rechnungen in die Mappe zurück. Ihre Bewegungen waren präzise, beinahe pedantisch. Kein einziges Blatt bekam einen Knick.

— Warum musstest du das so machen? — fragte er.

Sie hob nicht einmal den Kopf.

— Was genau?

— Vor meiner Mutter. Wir hätten später darüber reden können.

— Sie hat vor dir über mich gesprochen. Warum hätte ich auf einen passenden Augenblick warten sollen?

— Sie macht sich einfach Sorgen um mich.

Elisa Simon schloss die Mappe und sah ihren Mann endlich an.

— Und um wen machst du dir Sorgen?

Er antwortete nicht sofort. Er rieb sich den Nasenrücken, ging zum Fenster, kam wieder zurück. Früher hätte Elisa Simon bei diesem Anblick nachgegeben. Sie wäre zu ihm gegangen, hätte seine Hand genommen und gesagt, dass sie beide nur müde seien. Heute jedoch sah sie darin keine Erschöpfung, sondern die Gewohnheit, einer Antwort auszuweichen.

— Ich halte dich nicht für eine Schmarotzerin, — sagte er.

— Aber du hast zugelassen, dass man mich so nennt.

— Ich wollte keinen Streit.

— Und deshalb war es für dich in Ordnung, dass man mich demütigt?

Lukas Walter verzog das Gesicht.

— Du nimmst alles viel zu persönlich.

Elisa Simon lachte kurz auf. Nicht heiter. Es war nur ein scharfer Laut, mit dem die Luft aus ihr herausbrach.

— Praktischer Satz. Erst schweigt jemand, während man dich auseinandernimmt, und danach erklärt er dir, du würdest überreagieren.

— Gut, ich bin schuld. Reicht das?

— Nein.

Er sah sie überrascht an.

— Was heißt nein?

— Es heißt, dass ein „Ich bin schuld“ nicht genügt. Ich brauche Taten.

Lukas Walter setzte sich an den Tisch und schob das Notizbuch seiner Mutter beiseite.

— Was denn für Taten?

— Ab morgen bezahlen wir tatsächlich jeder seinen Anteil. Ich erstelle eine Liste der festen Haushaltskosten. Die Hälfte davon übernimmst du. Dein Essen kaufst du selbst oder du beteiligst dich vorher an einer gemeinsamen Einkaufsliste. Wenn du deiner Mutter helfen willst, dann hilfst du ihr. Aber nicht so, dass ich anschließend deine Versprechen bezahlen muss.

— Willst du ernsthaft, dass wir wie Mitbewohner leben?

— Nein. Ich will herausfinden, ob wir eine Ehe führen oder ob ich für dich nur ein bequemer Service bin.

Lukas Walter krampfte die Finger auf der Tischplatte zusammen. Nicht die Lippen — die Finger. So fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.

— Du erniedrigst mich.

— Nein, Lukas Walter. Ich streiche nur den kostenlosen Teil meiner Fürsorge, den du und deine Mutter gerade als meine Dreistigkeit bezeichnet habt.

Diese Worte trafen ihr Ziel. Er verstummte.

In jener Nacht lagen sie im selben Bett, doch zwischen ihnen schien eine schmale, unsichtbare Trennwand entstanden zu sein. Lukas Walter wälzte sich lange hin und her, dann ging er in die Küche, um Wasser zu trinken. Elisa Simon hörte, wie er den Schrank öffnete, ein Glas herausnahm und wieder zurückkam. Früher hätte sie gefragt, ob alles in Ordnung sei. Diesmal fragte sie nicht.

Am Morgen stand Elisa Simon früher auf als er. Sie öffnete die App ihrer Bank, prüfte die letzten Abbuchungen und schrieb die gemeinsamen Kosten in einer Tabelle auf ein Blatt Papier. Sie notierte keine Einkommen, verglich nicht, wer sich wie viel leisten konnte. Nur Fakten: Nebenkosten, Internet, Lebensmittel, Haushaltswaren, kleine Reparaturen, Wasserlieferung.

Als Lukas Walter in die Küche kam, lag die Liste bereits auf dem Tisch.

— Was ist das? — fragte er.

— Unsere neue Regelung.

Er nahm das Blatt und überflog die Zeilen. Sein Gesicht veränderte sich nach und nach: erst Unglauben, dann Ärger, dann Ratlosigkeit.

— Du hast sogar Spülmittel aufgeführt?

— Ja. Es erscheint nicht von selbst.

— Elisa, das ist doch lächerlich.

— Lächerlich war es gestern, als deine Mutter meine persönlichen Einkäufe gezählt hat. Heute ist es nur fair.

Er legte das Blatt zurück.

— Ich werde nicht nach einem Zettel leben.

— Dann mach einen eigenen Vorschlag.

— Der normale Vorschlag wäre, das Gespräch von gestern zu vergessen.

Elisa Simon schenkte sich Kaffee ein. Sie stellte die kleine Kanne in die Spüle, nahm die Tasse in die Hand und lehnte sich mit der Hüfte an die Tischkante.

— Nein.

Dieses eine kurze Wort wirkte stärker als eine lange Rede. Lukas Walter sah sie an, als begriffe er zum ersten Mal, dass sie nicht verhandelte.

Die folgenden Tage wurden für ihn unerwartet mühsam.

Früher war er nach Hause gekommen, hatte den Kühlschrank geöffnet und genommen, worauf er Lust hatte. Nun stand auf einem Fach eine Dose mit einem Aufkleber: „Elisa Simon“. Nicht aus Bosheit. Nur, damit es keine Verwechslungen gab. Gemeinsame Lebensmittel lagen getrennt, doch sie tauchten erst auf, nachdem Lukas Walter seinen Anteil überwiesen hatte.

Früher hatte er beiläufig gesagt:

— Ich muss noch etwas fürs Auto kaufen, ich gebe es dir später zurück.

Und Elisa Simon hatte bezahlt, weil es schneller gegangen war. Jetzt antwortete sie:

— Es ist dein Auto. Kümmere dich selbst darum.

Früher konnte Theresa Engel abends anrufen und erklären:

— Ich komme morgen bei euch vorbei, zu Hause ist es so langweilig.

Jetzt fragte Elisa Simon gelassen:

— Wird Lukas Walter zu Hause sein?

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