— Ich bin also eine Schmarotzerin? Gut. Dann bezahlt ab jetzt jeder für sich selbst, — sagte Elisa Simon ruhig.
Bis zu diesem Satz hatte sie mehr als genug gehört.
Elisa Simon war an diesem Tag früher nach Hause gekommen als sonst. Im Treppenhaus hing der Geruch von nassen Schuhen, gemischt mit frischer Farbe, weil unten im Erdgeschoss gerade renoviert wurde. Sie stieg zu ihrer Etage hinauf, schloss die Wohnungstür auf und wollte schon nach ihrem Mann rufen, blieb jedoch im Flur wie angewurzelt stehen.
Aus der Küche drangen Stimmen.
— Lukas Walter, du bist ein Mann. Du müsstest doch begreifen, wer sich in diesem Haushalt auf deine Kosten ausruht, — sagte Theresa Engel, seine Mutter. — Ich bin doch nicht blind. Du schleppst alles, du zahlst alles, und sie läuft nur hübsch herum und tut so, als wäre sie erschöpft.

Langsam zog Elisa Simon ihren Mantel aus und hängte ihn an den Haken. Den Schlüsselbund legte sie nicht wie gewöhnlich auf die kleine Kommode, sondern behielt ihn fest in der Faust. Das Metall bohrte sich unangenehm in ihre Finger, doch sie öffnete die Hand nicht.
— Mama, fang bitte nicht schon wieder damit an, — erwiderte Lukas Walter müde. — Bei uns ist alles in Ordnung.
— In Ordnung? — Theresa Engel lachte leise auf, als hätte er etwas Lächerliches gesagt. — Erzähl mir nichts. Ich sehe sehr genau, wer die Einkäufe nach Hause bringt, wer sich um das Auto kümmert, wer seiner Mutter hilft und wer die Renovierung bezahlt hat.
Elisa Simon kniff kaum merklich die Augen zusammen. Besonders der Teil mit der Renovierung war bemerkenswert. Die Wohnung war bereits vor der Hochzeit renoviert worden. Von ihrem Geld. Nach ihren Entscheidungen. Lukas Walter hatte damals lediglich dabei geholfen, Fliesen fürs Bad auszusuchen, und war drei Mal losgefahren, um Lieferungen entgegenzunehmen. In Theresa Engels Version war daraus offenbar längst eine Heldentat ihres Sohnes geworden.
— Sie beteiligt sich auch, — sagte Lukas Walter, allerdings ohne Überzeugung.
Er verteidigte sie nicht. Er widersprach seiner Mutter nicht ernsthaft. Er warf nur einen Satz hin, als wolle er das Thema abwürgen, nicht aber eine Grenze ziehen.
— Beteiligt sich? — Theresa Engel senkte die Stimme, doch gerade dadurch klangen ihre Worte noch giftiger. — Womit denn? Mit ihren hübschen Döschen im Bad? Mit ihren Paketen, die ständig geliefert werden? Schau dir doch an, was sie alles besitzt. Heute kauft sie dies, morgen jenes. Und dann fragt sie dich noch, warum du müde bist. Natürlich ist man müde, wenn einem jemand auf dem Nacken sitzt.
Elisa Simon ging lautlos weiter den Flur entlang und blieb vor der Küchentür stehen. Sie trat nicht sofort ein. Sie wollte erst zu Ende hören. Nicht, weil es angenehm gewesen wäre. Sondern weil sie nach langer Zeit zum ersten Mal beschloss, niemanden mehr vor einer peinlichen Situation zu retten.
Am Küchentisch saßen Lukas Walter und Theresa Engel. Vor ihnen lagen Nebenkostenabrechnungen, ein Kassenzettel aus dem Supermarkt und ein Notizbuch, in das Theresa Engel mit ihrer großen, breiten Handschrift etwas eingetragen hatte. Daneben lag ein Kugelschreiber. Theresa Engel hatte schon immer gern gerechnet — vor allem, wenn es um das Geld anderer Leute ging.
— Ich sage ja nicht, dass sie schlecht ist, — fuhr die Schwiegermutter fort. — Aber man muss die Dinge ehrlich beim Namen nennen. Jemand lebt in dieser Wohnung auf Kosten eines anderen.
In diesem Moment betrat Elisa Simon die Küche.
Theresa Engel hob als Erste den Blick. Ihr Gesicht wurde für einen winzigen Augenblick lang starr, doch sofort richtete sie sich auf, als sei überhaupt nichts Besonderes geschehen. Lukas Walter fuhr herum. Seine Finger legten sich hastig auf das Notizbuch, als wollte er verbergen, was darin stand.
— Elisa Simon, du bist schon da? — Er erhob sich vom Stuhl. — Wir haben nur gerade… gesprochen…
— Über Ausgaben, — half Elisa Simon nach.
Ihre Stimme klang ebenmäßig. Zu ebenmäßig. Gerade das brachte Lukas Walter dazu, häufiger als sonst zu blinzeln; er wusste nicht recht, wohin mit seinen Händen.
— Ach, das ist doch Unsinn, — sagte er schnell. — Mama macht sich nur Sorgen. Du kennst sie doch.
Elisa Simon sah Theresa Engel an. Die hielt ihrem Blick stand, schob aber den Kassenzettel unauffällig näher an das Notizbuch heran.
— Ich bin also eine Schmarotzerin? Gut. Dann bezahlt ab jetzt jeder für sich selbst, — sagte Elisa Simon ruhig.
Theresa Engel öffnete den Mund, brachte jedoch kein Wort heraus. Lukas Walter machte einen Schritt auf seine Frau zu.
— Elisa Simon, warte. Du hast das falsch verstanden.
— Nein, ich habe es ganz richtig verstanden, — entgegnete sie. — Ich habe nur früher so getan, als würde ich es nicht hören.
Lukas Walter verzog den Mund zu einem schwachen Lächeln, offenbar in der Erwartung, dass nun ein gewöhnlicher Familienstreit beginnen würde. Doch Elisa Simon schrie nicht. Sie schlug keine Türen. Sie verlangte keine Entschuldigung. Stattdessen trat sie an den Tisch, nahm das Notizbuch und drehte es zu sich herum.
Auf der ersten Seite stand: „Essen, Wohnung, Auto, Mutter, Kleinkram“. Unter dem Wort „Kleinkram“ hatte Theresa Engel mehrere Punkte notiert: Kosmetik, Lieferungen, Café, Kleidung.
Elisa Simon ließ den Blick über die Liste wandern. Ein Mundwinkel zuckte, doch ein Lächeln war das nicht.
— Theresa Engel, seit wann führen Sie eigentlich Buch über meine Kosmetik?
— Ich führe über gar nichts Buch, — erwiderte die Schwiegermutter und zupfte ihre Strickjacke zurecht. — Wir reden nur. Familienausgaben muss man schließlich überblicken.
— Dann überblicken wir sie doch, — sagte Elisa Simon und legte das Notizbuch wieder auf den Tisch. — Aber vollständig. Nicht nur aus dem Blickwinkel, der Ihnen gerade passt.
— Elisa Simon, lass das, — sagte Lukas Walter leise.
Sie wandte sich zu ihm um.
— Warum sollte ich? Wenn man hinter meinem Rücken behauptet, ich würde auf Kosten anderer leben, ist das offenbar in Ordnung. Aber sobald ich vorschlage, wirklich ehrlich zu rechnen, soll ich aufhören?
Lukas Walter senkte den Blick. Theresa Engel bemerkte es und wurde sofort wieder lebhafter.
— Niemand hat dich hinter deinem Rücken so genannt. Du hast nur einen Ausschnitt eines Gesprächs aufgeschnappt und machst jetzt eine Szene daraus.
— Nein, eine Szene mache ich noch gar nicht, — sagte Elisa Simon und legte die Schlüssel auf den Tisch. — Im Augenblick erkläre ich nur die neuen Regeln.
Sie ging ins Zimmer, holte aus einer Schublade eine Mappe mit Unterlagen und kehrte in die Küche zurück. Lukas Walter spannte sich sichtbar an. Er kannte diese Mappe nur zu gut. Darin bewahrte Elisa Simon die Wohnungsunterlagen auf, außerdem Quittungen, Garantiescheine, Verträge für Haushaltsgeräte und alles, was sie seit Jahren sorgfältig gesammelt hatte.
Die Wohnung gehörte ihr. Nicht ihrem Mann geschenkt, nicht gemeinsam gekauft, nicht vorsichtshalber auf irgendeinen Verwandten eingetragen. Elisa Simon hatte sie noch vor der Ehe von ihrer Großmutter geerbt und nach Ablauf der gesetzlich vorgesehenen sechs Monate offiziell übernommen. Danach hatte sie lange daran gearbeitet, die Räume bewohnbar und schön zu machen. Als Lukas Walter nach der Hochzeit bei ihr einzog, verlangte sie nichts Außergewöhnliches von ihm. Nur normale Beteiligung an dem, was beide betraf.
In den ersten Monaten hatte er sich tatsächlich beteiligt. Er kaufte Lebensmittel, übernahm einen Teil der laufenden Kosten und bot von sich aus Hilfe an. Doch nach und nach veränderte sich alles.
Zuerst vergaß er, seinen Anteil an den Nebenkosten zu überweisen. Dann versprach er, es beim nächsten Mal zu erledigen. Danach stellte sich heraus, dass Theresa Engel Geld für Medikamente brauchte, später für eine Fahrt, danach für einen neuen Kühlschrank und anschließend wieder für irgendetwas anderes. Elisa Simon hatte sich nicht dagegen gewehrt. Es störte sie nicht, dass ihr Mann seine Mutter unterstützte. Was sie ärgerte, war etwas anderes: Diese Hilfe ging immer öfter zulasten ihres gemeinsamen Alltags, während von Theresa Engel immer weniger Dankbarkeit kam.
Theresa Engel tauchte zunehmend häufiger bei ihnen auf. Sie konnte den Kühlschrank öffnen und die Lebensmittel beurteilen. Sie konnte ins Bad gehen und eine neue Cremedose bemerken. Sie konnte fragen, wozu Elisa Simon ein zweites Paar Winterschuhe brauche, wenn das erste doch noch ordentlich aussehe. Ihrem Sohn gegenüber hatte sie dagegen nie Fragen.
Wenn Lukas Walter ein teures Ersatzteil für sein Auto bestellte, sagte seine Mutter:
— Ein Mann muss sich eben um seine Technik kümmern.
Wenn Elisa Simon sich einen Mantel kaufte, bekam sie zu hören:
— Heutzutage verwöhnen sich Frauen gern selbst und wundern sich dann, dass das Geld nicht reicht.
Am Anfang hatte Elisa Simon noch mit einem Scherz geantwortet. Später ließ sie es bleiben. Sie dachte, es lohne sich nicht, aus allem einen Streit zu machen. Sie war überzeugt gewesen, Lukas Walter wisse selbst, wo die Wahrheit lag.
Nun war klar: Er wusste es nicht. Oder er tat so, als wüsste er es nicht.
— Hier sind die Nebenkostenabrechnungen der letzten Monate, — sagte Elisa Simon und zog mehrere Belege aus der Mappe. — Bezahlt von meiner Karte. Hier ist der Internetanschluss. Ebenfalls von mir überwiesen. Hier die Rechnung für die Waschmaschine, nachdem die alte kaputtgegangen war. Auch meine Zahlung. Und hier die Lieferung der Materialien für den Balkon, die, wie ich gerade erfahren durfte, angeblich Lukas Walter bezahlt hat.
Lukas Walter riss den Kopf hoch.
— Ich habe geholfen!
— Du hast die Lieferung entgegengenommen, weil ich bei der Arbeit war, — sagte Elisa Simon ohne Wut, aber so klar, dass er sofort wieder schwieg. — Das war Hilfe. Keine Bezahlung.
Theresa Engel trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte.
— Und was soll das jetzt werden? Willst du einen Mann mit Papierkram demütigen?
— Nein, — antwortete Elisa Simon. — Ich schütze mich mit Fakten.
— Fakten? — Die Schwiegermutter schnaubte verächtlich. — Und wer wechselt hier die Glühbirnen? Wer kümmert sich ums Auto? Wer trägt die schweren Taschen?
Elisa Simon nickte knapp.
— Ausgezeichnet. Das schreiben wir ebenfalls auf. Glühbirnen, Taschen, Auto. Nur gehört das Auto Lukas Walter allein, und ich benutze es fast nie. Und die Lebensmittel in den Taschen bezahle meistens ich.
