„Ich bin also eine Schmarotzerin? Gut. Dann bezahlt ab jetzt jeder für sich selbst“ sagte Elisa Simon ruhig, den Schlüsselbund fest in der Faust haltend

Unfaire Anschuldigungen zerstören ihre mühsam erarbeitete Würde.
Geschichten

— Willst du mich etwa ohne ihn nicht hereinlassen? — empörte sich Theresa Engel gleich beim ersten Mal.

— Nein. Wir haben keinen Besuch vereinbart.

— Verstehe. Du hast meinen Sohn also gegen seine Mutter aufgehetzt.

— Ihr Sohn ist erwachsen. Wenn er eine eigene Haltung hat, lässt er sich nicht einfach gegen jemanden aufbringen.

Daraufhin legte Theresa Engel wortlos auf.

Lukas Walter erfuhr eine Stunde später von dem Telefonat. Natürlich hatte seine Mutter ihn zuerst angerufen und ihm die Geschichte so geschildert, als hätte Elisa Simon sie mitten im Winter vor die Tür gesetzt.

— Meine Mutter sagt, du seist unverschämt zu ihr gewesen, — begann er kaum, dass er die Wohnung betreten hatte.

Elisa Simon räumte gerade Einkäufe aus. Sie nahm schweigend eine Packung Grütze aus der Tüte, stellte sie in den Schrank und wandte sich erst dann zu ihm um.

— Ich habe ihr gesagt, dass sie nicht unangekündigt in meine Wohnung kommt.

— Hättest du das nicht freundlicher sagen können?

— Sicher. Man kann auch freundlicher sein, wenn man jemanden als Schmarotzerin bezeichnet. Ihr habt euch damals nur nicht dafür entschieden.

Lukas Walter ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen.

— Willst du jetzt jedes Gespräch wieder darauf zurückführen?

— Nein. Ich erwähne es nur dann, wenn ihr so tut, als wäre nichts passiert.

Müde rieb er sich mit beiden Händen über das Gesicht.

— Ich bin so ein Leben nicht gewohnt.

— Und ich bin es nicht mehr gewohnt, gleichzeitig bequem und schuldig zu sein.

Gerade das machte Lukas Walter am meisten zu schaffen. Elisa Simon schrie nicht. Sie warf keine Teller gegen die Wand, setzte ihn nicht auf der Stelle vor die Tür, telefonierte nicht demonstrativ mit Freundinnen und veranstaltete keine Szene. Sie änderte lediglich die Regeln. Ruhig, nüchtern und Schritt für Schritt.

Eine Woche später ging Lukas Walter selbst einkaufen. Er kam mit zwei vollen Taschen zurück, breitete die Sachen umständlich auf dem Tisch aus und fragte nach einer Weile:

— Ist das jetzt für uns beide oder meins?

Elisa Simon betrachtete die Lebensmittel.

— Wenn es für uns beide sein soll, tragen wir es in die Liste ein.

Er atmete hörbar aus.

— Dann tragen wir es ein.

Ohne ein Wort zu sagen, nahm sie ein Blatt Papier. Lukas Walter zählte auf, was er gekauft hatte, und Elisa Simon schrieb es auf. Keine spitze Bemerkung, kein triumphierender Blick, nicht einmal ein Anflug von Genugtuung. Genau das machte es für ihn noch unangenehmer. Hätte sie ihn angegriffen, hätte er beleidigt sein können. So aber blieb ihm nichts anderes übrig, als eine schlichte Tatsache zu sehen: Der Alltag ruhte nicht auf seinen gelegentlichen großzügigen Gesten, sondern auf zahllosen kleinen Handgriffen, die er früher nie als Arbeit betrachtet hatte.

In der zweiten Woche erschien Theresa Engel ohne Vorwarnung.

Elisa Simon war zu Hause und arbeitete im Zimmer am Laptop, als sie an der Wohnungstür ein Geräusch hörte. Zuerst dachte sie, Lukas Walter sei früher zurückgekommen. Doch der Schlüssel ließ sich im Schloss nicht drehen. Jemand versuchte es noch einmal, diesmal mit mehr Kraft.

Elisa Simon ging in den Flur und sah durch den Türspion.

Draußen stand Theresa Engel. In der einen Hand hielt sie eine Tasche, in der anderen einen alten Schlüssel. Offenbar genau jenen, den sie nie zurückgegeben hatte. Oder von dem sie sich längst eine Kopie hatte machen lassen.

Elisa Simon öffnete die Tür, ließ aber die Sicherheitskette vorgelegt.

— Theresa Engel, was tun Sie da?

Die Schwiegermutter zog die Hand abrupt vom Schloss zurück.

— Ach, du bist zu Hause. Ich dachte, es ist niemand da.

— Deshalb wollten Sie die Tür aufschließen?

— Ich wollte zu meinem Sohn.

— Ihr Sohn ist nicht hier.

— Dann warte ich eben.

— Nein.

Theresa Engels Gesicht wurde lang.

— Was heißt hier nein?

— Das heißt, dass Sie diese Wohnung ohne Einladung nicht betreten.

— Also jetzt reicht es aber wirklich… — Sie brach ab, weil Elisa Simon sie nicht wütend, sondern aufmerksam ansah. — Ich bin Lukas’ Mutter.

— Und ich bin die Eigentümerin dieser Wohnung.

— Da geht es schon wieder los!

— Es hat nie aufgehört. Sie haben gerade versucht, meine Tür mit einem Schlüssel zu öffnen, den Sie gar nicht besitzen dürften.

Theresa Engel schloss die Faust um den Schlüssel.

— Du machst aus allem ein Problem. Früher ging das doch auch.

— Früher wusste ich nicht, dass Sie mich in meinem eigenen Zuhause für überflüssig halten.

In diesem Moment öffnete sich die Nachbartür. Elisabeth Winter aus dem fünften Stock steckte den Kopf heraus, eine ältere, aber erstaunlich rüstige Frau, die sämtliche Hausbewohner kannte und ein besonderes Talent dafür hatte, genau in den heikelsten Augenblicken aufzutauchen.

— Ist bei Ihnen alles in Ordnung? — fragte sie.

Elisa Simon ließ Theresa Engel nicht aus den Augen.

— Ja, Elisabeth Winter. Jemand hat sich mit einem alten Schlüssel in der Tür geirrt.

Theresa Engel lief rot an.

— Blamier mich nicht vor den Nachbarn!

— Dann versuchen Sie nicht, fremde Türen aufzuschließen.

Die Schwiegermutter drehte sich um und ging zum Aufzug. Die Tasche schlug ihr gegen die Hüfte, doch sie blieb nicht stehen. Elisa Simon schloss die Tür, nahm die Kette ab, verriegelte das Schloss und rief sofort einen Schlüsseldienst. Keine Anzeigen, keine langen Erklärungen, kein zusätzliches Theater. Nur ein neues Schloss.

Als Lukas Walter am Abend den neuen Schlüssel sah, verhärteten sich seine Züge.

— Du hast das Schloss austauschen lassen?

— Ja.

— Ohne mich?

— Die Tür wurde auch ohne mich geöffnet. Der Ausgleich stimmt.

— Das ist meine Mutter.

— Das ist meine Tür.

Er ging in die Küche, kam wieder heraus, drehte erneut um und lief noch einmal hinein. Elisa Simon bemerkte seine Unruhe, kommentierte sie aber nicht.

— Begreifst du eigentlich, wie sehr sie das verletzt hat? — fragte er schließlich.

— Sie war verletzt, weil sie nicht ungefragt hereinkam.

— Sie wollte auf mich warten.

— In meiner Wohnung. Als gäbe es mich gar nicht.

Lukas Walter schlug mit der flachen Hand gegen den Türrahmen. Nicht besonders fest, aber der Knall schnitt scharf durch den Flur.

— Du machst aus allem einen Krieg!

Elisa Simon trat näher. Nicht so nah, dass es bedrohlich wirkte, aber nah genug, damit er nicht weiter mit dem Flur sprach, sondern sie ansehen musste.

— Nein, Lukas Walter. Der Krieg begann, als du und deine Mutter entschieden habt, dass man meinen Anteil übersehen darf, dass meine Grenzen verhandelbar sind und dass mein Schweigen Zustimmung bedeutet.

Er wollte etwas erwidern, doch da klingelte sein Telefon. Auf dem Display stand: „Mama“. Lukas Walter sah Elisa Simon an, dann nahm er den Anruf entgegen.

Theresa Engels Stimme war sogar ohne Lautsprecher deutlich zu hören.

— Mein Sohn, ich setze keinen Fuß mehr zu euch. Deine Frau kann sich freuen. Sie hat erreicht, was sie wollte. Die Mutter verjagt, die Schlüssel weggenommen, die Schlösser gewechselt. Als Nächstes setzt sie dich vor die Tür.

Elisa Simon streckte ruhig die Hand aus.

— Gib mir das Telefon.

— Wozu?

— Ich möchte es in deiner Gegenwart sagen, damit später niemand etwas umformuliert.

Lukas Walter zögerte, reichte ihr das Handy aber schließlich.

— Theresa Engel, ich habe Sie nicht hinausgeworfen. Ich habe Sie nur nicht in eine Wohnung gelassen, die Sie ohne Einladung betreten wollten. Das ist nicht dasselbe. Lukas Walter kann Sie treffen, wo und wann er möchte. Aber mein Zuhause ist ab jetzt kein Ort mehr für Kontrollen, Abrechnungen und unangekündigte Besuche.

— Ach, hör dir das an! — Die Schwiegermutter rang beinahe nach Luft vor Empörung. — Mein Sohn, hörst du das?

— Ich höre es, Mama, — sagte Lukas Walter leise.

Elisa Simon gab ihm das Telefon zurück.

Danach ließ Theresa Engel sich einige Tage nicht blicken, doch die Ruhe war trügerisch. Sie änderte nur ihre Vorgehensweise. Abends rief sie Lukas Walter an und sprach lange mit ihm. Nach solchen Gesprächen wurde er gereizt, suchte an Kleinigkeiten herum und versuchte, Elisa Simon zu treffen.

— Sag mal, zählt deine Creme im Bad jetzt wieder zu den gemeinsamen Ausgaben? — fragte er eines Tages, als er den Tiegel auf der Ablage entdeckte.

Elisa Simon sah ihn im Spiegel an.

— Nein. Genauso wenig wie dein Rasierschaum. Der Unterschied ist nur, dass ich über deinen nicht diskutiere.

Er wurde verlegen und ging.

Ein anderes Mal meinte er:

— Vielleicht solltest du gleich ein eigenes Fach im Kühlschrank abschließen.

Elisa Simon drückte den Deckel auf einen Behälter.

— Wenn du anfängst, ohne zu fragen etwas zu nehmen, denke ich darüber nach.

— Du bist anders geworden.

Sie drehte sich zu ihm um.

— Nein. Ich habe nur aufgehört, bequem zu sein.

Das Aufschlussreichste geschah am Ende des Monats, als die gemeinsamen Kosten bezahlt werden mussten. Elisa Simon legte Lukas Walter die Liste hin. Er nahm sie, überflog die Posten und runzelte die Stirn.

— Warum ist das so viel?

— Weil ein Haushalt nicht nur aus deinen Einkaufstüten am Wochenende besteht.

Er ging die einzelnen Punkte durch. Nebenkosten, Internet, Wasser, Haushaltsartikel, Lebensmittel, eine kleine Reparatur im Bad, Glühbirnen. Nichts Überflüssiges. Keine Kosmetik, keine persönlichen Anschaffungen von Elisa Simon, keine versteckten Extras.

— Ich hätte nicht gedacht, dass da so viel zusammenkommt, — sagte er deutlich leiser.

— Ich weiß.

— Warum hast du früher nichts gesagt?

Elisa Simon legte den Stift beiseite.

— Habe ich. Du hast geantwortet: Das klären wir später.

Er senkte den Blick. Genau dieser Satz war immer seine liebste Methode gewesen, Verantwortung irgendwo in eine neblige Zukunft zu verschieben. Nun war diese Zukunft gekommen, und sie lag als Blatt Papier vor ihm.

— Ich überweise es dir, — sagte er.

— Gut.

Er überwies nicht sofort. Erst ging er auf den Balkon, telefonierte mit jemandem und kam dann zurück. Elisa Simon fragte nicht nach. Kurz darauf vibrierte ihr Handy. Die Zahlung war eingegangen.

In den folgenden Tagen war Lukas Walter still. Nicht zärtlich, nicht reumütig, einfach nur still. Er beobachtete Elisa Simon, als suche er an ihr nach einem Knopf, mit dem sich ihre frühere Nachgiebigkeit wieder einschalten ließ. Doch diesen Knopf gab es nicht. Vor ihm stand eine Frau, die viel zu lange so getan hatte, als sei alles in Ordnung, und die nun damit aufgehört hatte.

Zwei Wochen später kam Lukas Walter unvermittelt mit einem Vorschlag auf Elisa Simon zu.

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