— Leg das Handy hin, — sagte sie.
Maximilian begriff nicht sofort.
— Was?
— Das Handy. Leg es auf den Tisch.
— Johanna, fang nicht an.
— Doch. Genau jetzt.
Sabine Heinrich richtete sich auf, als hätte jemand an einem unsichtbaren Faden gezogen.
— Du willst meinem Sohn an meinem Tisch Befehle erteilen?
— Nein. Ich erinnere ihn nur daran, dass er verheiratet ist und nicht als kostenloser Zusatz zu Ihrer Rente läuft.
— Also hör mal…
— Achthundert Euro gibt es nicht, — sagte Johanna ruhig. — Weder heute noch morgen. Und ab sofort geht von unserem gemeinsamen Konto kein einziger Cent mehr an Ihre Familie.
Mila Gross schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte.
— Wer bist du eigentlich, dass du hier Entscheidungen triffst?
— Die Person, die dieses Konto mitfüllt.
— Ach wirklich? Maximilian hält dich doch aus, und du spielst dich hier auf!
— Mila, bitte, mach dich nicht lächerlich. Bei dir sind zweihundertzwanzig Euro für eine „Reparatur“ irgendwo im Nebel verschwunden. Gerade du solltest im Finanztheater besser still in der letzten Reihe sitzen.
— Maxi, hörst du, wie sie mit mir redet?
Maximilian stand auf.
— Johanna, Schluss jetzt. Das ist meine Familie.
— Und was bin ich?
— Du bist meine Frau, aber…
— Halt. Genau dieses „aber“ ist unsere ganze Ehe in einem Wort. „Du bist meine Frau, aber Mama braucht Hilfe.“ „Du bist meine Frau, aber Mila hat es schwer.“ „Du bist meine Frau, aber ich verdiene mehr.“ Sag es doch einmal vollständig. Nur Mut.
— Mach hier keine Szene.
— Die Szene lief schon, bevor ich den Mund aufgemacht habe. Ich bin nur ins Licht getreten.
Sabine Heinrich erhob sich ebenfalls. Ihr Gesicht lief dunkelrot an.
— Undankbares Mädchen! Wir haben dich aufgenommen wie eine Tochter!
— Sie haben mich aufgenommen wie ein Hindernis zwischen Ihnen und Maximilians Karte.
— Mein Sohn darf seinen Eltern helfen!
— Darf er. Von seinem eigenen Geld. Nachdem Miete, Lebensmittel und unsere Rücklagen bezahlt sind. Nicht von dem Konto, auf das ich die Hälfte meines Gehalts überweise.
Maximilians Stimme wurde hart.
— Welche Hälfte denn bitte? Ich verdiene mehr. Der Hauptteil kommt sowieso von mir.
Johanna sah ihn an. Nicht mehr wütend. Eher mit einer fast stillen Neugier, als betrachte sie jemanden, der endlich die Maske abgenommen hatte und genauso aussah, wie sie es befürchtet hatte.
— Sag das noch mal.
— Johanna…
— Nein. Wiederhol es. Wir sind doch unter uns. Deine Familie hört sicher gern zu.
— So habe ich das nicht gemeint.
— Du hast es vollkommen klar gesagt. Der Hauptteil gehört dir. Also zählt mein Geld nicht. Mein Sparen zählt nicht. Meine Nachtschichten mit Berichten zählen nicht. Die Stiefel, die ich mir nicht gekauft habe, zählen auch nicht. Wichtig sind nur dein Gehalt und Mamas Balkone.
— Du verdrehst alles.
— Nein. Ich rücke es gerade.
Sie holte ihr eigenes Telefon heraus. Ihre Hände zitterten nicht, und das erstaunte sie selbst. Sie öffnete die Banking-App, dann das Sparkonto, dann die Umsätze. Der Stand betrug dreitausendeinhundertvierzig Euro. Es hätten fast fünftausend sein müssen, wenn die familiäre Absauganlage nicht Tag und Nacht gelaufen wäre.
— Was machst du da? — fragte Maximilian.
— Rechnen.
— Johanna.
— Das Konto läuft auf meinen Namen. Du hast nur Zusatzzugang. In sieben Monaten habe ich zweitausendeinhundert Euro eingezahlt. Du eintausendneunhundertsechzig. An deine Familie gingen vom Gemeinschaftskonto eintausendachthundertsechsundvierzig Euro. Einen Teil deiner Einzahlungen hast du also bereits großzügig verteilt. Darum nehme ich jetzt mein Geld und die Beträge, die du mir nach den letzten „Kleinigkeiten“ zurückzahlen wolltest.
— Das wagst du nicht.
— Interessant, wie schön das klingt, wenn jemand plötzlich Grenzen entdeckt.
Sie tippte zweitausenddreihundert Euro ein und bestätigte die Überweisung auf ihr Privatkonto.
Maximilian machte einen Schritt auf sie zu.
— Johanna, mach das rückgängig.
— Zu spät.
— Dazu hast du kein Recht!
— Doch. Das ist mein Geld. Mein Gehalt. Meine Prämien. Mein Konto. Und mein Kopf, der endlich wieder eingeschaltet ist.
Mila sprang auf.
— Die bestiehlt dich!
— Vorsicht, — sagte Johanna. — Ich kann die Kontoauszüge ausdrucken. Dann probieren wir das Wort „Diebin“ der Reihe nach an. Dir würde es übrigens erstaunlich gut passen.
Sabine Heinrich rang nach Luft vor Empörung.
— Maximilian, warum stehst du da nur? Sie hat dich ausgeraubt!
— Mama, sei still!
— Ich bin nicht still! Sie kommt in unser Haus, macht uns vor allen lächerlich und nimmt Familiengeld mit!
Johanna steckte das Telefon in ihre Tasche.
— Familiengeld gab es in dem Moment nicht mehr, in dem ich aus der Familie gestrichen wurde. Das haben Sie alle zusammen erledigt, fast im Chor. Eigentlich könnte man Ihnen dafür danken.
Thomas Weiß sprach zum ersten Mal mit fester Stimme:
— Johanna, jetzt übertreiben Sie.
— Nein, Thomas Weiß. Ich habe nur aufgehört, mich zu verbiegen.
Maximilian stand bleich neben dem Tisch.
— Johanna, komm, wir gehen kurz raus und reden.
— Worüber?
— Nicht hier.
— Hier hat es angefangen. Hier bringen wir es auch zu Ende.
— Ich wollte nicht sagen, dass du nichts bist.
— Gesagt hast du es trotzdem.
— Ich bin ausgerastet.
— Heute schon zum zweiten Mal sehr passend. Komisch, dass dir jedes Mal ausgerechnet die Wahrheit herausfällt.
— Geh nicht in diesem Zustand.
— Mein Zustand ist ausgezeichnet. Zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich Geld und keinen Wunsch mehr, irgendwem zu erklären, dass meine Grenzen keine Tischdecke für euer Familienessen sind.
Sie nahm ihre Tasche.
— Wohin willst du? — fragte er.
— Nach Hause. Meine Sachen packen.
— Ich komme mit.
— Nein. Du bleibst hier. Deine Mutter hat einen Balkon, deine Schwester Schulden, dein Vater den Rücken, und du hast die Rolle des Ernährers. Ohne dich bricht das Stück zusammen.
— Johanna!
— Und noch etwas. Ruf mich eine Stunde lang nicht an. Ich möchte wenigstens die Fahrt ohne deine Stimme schaffen.
Sie ging in den Flur, zog die Schuhe an und warf den Mantel über. Aus der Küche schrie Sabine Heinrich:
— Gib das Geld zurück, hörst du? Gib es zurück, solange es noch geht!
Johanna öffnete die Wohnungstür.
— Zu spät war es schon, als Sie achtzig Euro für einen Zahn an einer herausnehmbaren Prothese wollten.
Die Tür fiel leise ins Schloss. Viel zu leise für das, was gerade geschehen war.
Zu Hause zog sie den Koffer aus dem Schrank. Zuerst legte sie alles ordentlich hinein: Jeans, Pullover, Unterlagen, Föhn. Dann warf sie die Sachen nur noch hinein, ohne hinzusehen. Ein gerahmtes Hochzeitsfoto rutschte vom Regal und fiel auf den Boden. Maximilian lächelte darauf breit. Sie selbst sah ein wenig müde aus, weil seine Mutter schon damals zum Fotografen gesagt hatte: „Nehmen Sie Maximilian von der guten Seite auf, Johanna kann ja ein Stück rücken.“
Maximilian kam anderthalb Stunden später. Er stürmte in die Wohnung und blieb vor dem offenen Kleiderschrank stehen.
— Das meinst du ernst?
— Vollkommen.
— Wegen Geld?
— Nicht wegen Geld. Sondern weil Geld nur sichtbar gemacht hat, wer wer ist. In dieser Hinsicht ist es ehrlicher als Menschen.
— Ich habe Unsinn geredet.
— Du hast in diesem Unsinn gelebt. Die Worte haben dich nur eingeholt.
— Johanna, ich rede mit Mama. Ich stoppe das alles.
— Du stoppst es, weil ich das Geld weggenommen habe. Hätte ich es nicht getan, würdest du jetzt schon den Balkon verglasen lassen.
— Ich hätte die achthundert nicht überwiesen.
— Doch. Vielleicht hättest du auf sechshundert heruntergehandelt, damit du dich wie ein Mann fühlst.
— Du bist grausam.
— Nein. Ich bin erschöpft.
— Lass uns neu anfangen.
— Womit? Mit einem neuen Konto, das deine Mutter in zwei Wochen entdeckt?
— Ich liebe dich.
— Das ist kein Argument, Maximilian. Liebe ohne Respekt ist wie Suppe ohne Topf. Die Idee mag da sein, aber man kann nichts damit anfangen.
— Ich kann es wiedergutmachen.
— Kannst du mir zwei Jahre Vertrauen zurückgeben?
Er setzte sich auf einen Stuhl.
— Ich habe nicht begriffen, dass es dir so weh tut.
— Ich habe es gesagt.
— Du hast immer nur über Geld gesprochen.
— Weil du mich genau dort am wenigsten gehört hast.
— Und wohin willst du?
— Für ein paar Tage zu Greta Schröder. Danach suche ich mir etwas Eigenes.
— Wovon?
— Von meinem Geld. Von dem, das angeblich nicht „der Hauptteil“ ist.
— Johanna…
— Nicht. Ich werde morgen die Scheidung einreichen.
