— Doch, den hat er.
— Und der gedenkt nicht, sich an der Jacke seines Sohnes zu beteiligen?
— Bei ihm kommt der Lohn gerade verspätet.
— Komisch. Sobald es um dein Konto geht, haben plötzlich alle verspäteten Lohn.
— Johanna, du bist gerade wirklich widerlich.
— Und du bist bequem.
Maximilian Möller wurde inzwischen immer schneller wütend. Früher hatte er sich noch gerechtfertigt, dann war er gereizt gewesen, mittlerweile ging er sofort zum Angriff über.
— Du hast einfach keine Ahnung, wie normale Familien funktionieren.
— Wenn normale Familie bedeutet, dass die eine Familie die Ersparnisse der anderen auffrisst, dann bin ich sehr gern unnormal.
— Du bist eben ohne Vater aufgewachsen, deshalb redest du so.
Johanna Böhm verstummte. Der Satz fiel in der Küche, neben dem Mülleimer, irgendwo zwischen einer Packung Buchweizen und einem abgelaufenen Kefir. Er sagte es fast beiläufig, ohne Pathos, als wäre es ihm nur so herausgerutscht. Aber er traf genau.
— Sag das noch einmal, sagte sie leise.
— So habe ich das nicht gemeint.
— Doch. Wiederhol es. Ich möchte wissen, wie tief du bereit bist zu graben.
— Johanna, jetzt reicht’s.
— Mein Vater ist gestorben, als ich zwölf war. Das weißt du. Meine Mutter hat Doppelschichten geschoben, damit ich nicht mit kaputten Schuhen zur Schule gehen musste. Und ja, ich verstehe sehr gut, was Familie bedeutet. Nur wurde in meiner Familie Geld nicht mit der Zange herausgezogen und dann Liebe genannt.
Maximilian senkte den Blick.
— Ich bin ausgerastet.
— Nein. Du hast nur aus dir herausgeholt, was die ganze Zeit in dir lag.
— Es tut mir leid.
— Zur Kenntnis genommen.
— Johanna…
— Fass mich jetzt nicht an.
Sie ging ins Bad, schloss hinter sich ab und blieb lange auf dem Wannenrand sitzen. Über ihr bohrte ein Nachbar in die Wand. Im Treppenhaus stritt jemand wegen eines Fahrrads. In ihrem Leben brach gerade etwas Wichtiges auseinander, und das Haus lebte weiter wie immer: der Geruch von gebratenen Zwiebeln, zuschlagende Türen, der Aufzug, der regelmäßig zwischen dem vierten und fünften Stock steckenblieb.
Am Freitag kam Maximilian beinahe gut gelaunt nach Hause.
— Am Sonntag fahren wir zu meinen Eltern.
— Wozu?
— Mama hat eingeladen. Vater hatte unter der Woche Geburtstag, wir holen das nach.
— Er mag Geburtstagsfeiern nicht.
— Dann sitzen wir eben nur zusammen. Warum gleich dieser Ton?
— Kein Ton. Wir fahren.
— Aber bitte ohne deine Spitzen.
— Welche meinst du? Die finanziellen oder die über Waisenkinder?
Er verzog das Gesicht.
— Ich habe mich entschuldigt.
— Und ich habe es mir gemerkt.
— Du merkst dir alles.
— Eine nützliche Eigenschaft, wenn man mit einem Mann lebt, dessen Gedächtnis nur bei Mamas IBAN zuverlässig funktioniert.
Am Sonntag saßen sie im Bus Richtung Vorort. Johanna sah aus dem Fenster: schmutziger Schnee am Straßenrand, eine Reifenwerkstatt, ein Imbiss mit der Leuchtreklame „Döner 24“, eine Frau mit zwei Einkaufstaschen und einem Gesichtsausdruck, der nur sagte: Hauptsache ankommen. Maximilian schwieg. Er hatte Chrysanthemen gekauft, weil es bei Sabine Heinrich „zu Hause schön aussehen“ müsse. In ihrer eigenen Wohnung stand nur ein Kaktus, und selbst der wirkte, als bereue er seine Meldeadresse.
Die Tür öffnete seine Mutter.
— Maximilian! Na endlich! Man könnte meinen, die eigene Mutter kann man einfach vergessen, was?
— Mama, wir sind doch da.
— Johanna, hallo. Komm rein, wenn du es schon bis hierher geschafft hast.
— Danke, Sabine Heinrich. Ich freue mich ebenfalls, Ihre Beständigkeit zu sehen.
— Was?
— Ich sagte, ich ziehe nur die Schuhe aus.
In der Küche saßen bereits Thomas Weiß und Mila Gross. Mila blätterte auf ihrem Handy herum, als wäre die ganze Welt ihr ein Ladekabel schuldig. Auf dem Tisch standen Heringssalat, Kartoffelpüree, Hähnchen aus dem Ofen, saure Gurken, eine kleine Schale mit Pralinen und eine Flasche Cognac, die Maximilians Vater dem Staub nach zu urteilen nur für Gäste und für den eigenen Mut hervorholte.
— Na, ihr jungen Leute, begann Sabine Heinrich und verteilte Salat auf die Teller. — Wie läuft’s? Kauft ihr euch die Wohnung immer noch nur in euren Träumen?
— Wir sparen, antwortete Maximilian.
Johanna sah ihn an und lächelte.
— Ja, wir sparen. Sogar sehr aktiv. Die ganze Familie macht mit.
Mila schnaubte.
— Geht das schon wieder los?
— Ach, du kennst den Anfang schon?
— Maximilian hat erzählt, dass du ihm wegen Geld dauernd den Kopf zerkaust.
— Schön, dass das Kulturprogramm vorab abgestimmt wurde.
Maximilian beugte sich zu Johanna.
— Ich habe dich gebeten.
— Ich habe doch noch gar nichts gesagt.
Sabine Heinrich stellte ihrem Sohn einen Teller hin.
— Iss, Maximilian. Du bist ganz mager geworden. Zu Hause wirst du wahrscheinlich nur mit Tabellen gefüttert.
— Mama, bitte.
— Was heißt hier bitte? Ein Mann muss ordentlich essen. Johanna, kochst du überhaupt Suppen?
— Ja. Nur ohne finanzielle Soße.
— Das verstehe ich nicht.
— Ein Familienrezept. Nicht weiter beachten.
Thomas Weiß räusperte sich.
— Lasst uns erst auf die Gesundheit trinken. Streiten könnt ihr danach immer noch, aber bitte mit Stil.
— Papa, niemand streitet, sagte Maximilian.
— Natürlich nicht, nickte Johanna. — Das ist erst das Aufwärmen.
Nach dem Trinkspruch glitt das Gespräch in die üblichen Bahnen: Preise, Ärzte, Straßen, Chefs. Johanna sagte kaum etwas. Sie hörte zu, wie Sabine Heinrich über teure Medikamente klagte und zwei Minuten später erzählte, sie habe sich einen neuen Multikocher gekauft, „lächerlich günstig, nur neunundsiebzig Euro“. Mila beschwerte sich über die Schule ihres Sohnes, über ihren Exmann, über Benzinpreise und über „widerliche Leute, die nicht begreifen, wie schwer es eine Frau allein hat“.
— Mila, fragte Johanna schließlich, — hast du dein Auto eigentlich reparieren lassen?
Mila hob den Blick.
— Welches Auto?
— Deine kleine Rakete. Das mit dem Getriebe oder der Kupplung. Bei den Einzelheiten schwimme ich genauso wie Maximilian.
— Ach, das. Nein, ich hab’s verkauft.
Maximilian erstarrte mit der Gabel in der Hand.
— Wie, verkauft?
— Na, verkauft eben. Vor einer Woche.
— Und das Geld für die Reparatur?
— Maximilian, da ging es nicht nur um die Reparatur. Ich habe ein paar Schulden beglichen. Was macht das jetzt für einen Unterschied?
Johanna legte ihre Serviette langsam auf den Tisch.
— Der Unterschied beträgt, wie sich herausstellt, zweihundertzwanzig Euro.
— Johanna, fang nicht vor allen damit an, presste Maximilian hervor.
— Wieso? Alle waren beteiligt. Vor allen ist es sogar ehrlicher.
Sabine Heinrich setzte ihre Tasse hart ab.
— Mich würde ja interessieren, Johanna, ob du eigentlich eigene Verwandte hast. Hilfst du denen auch?
— Ich habe eine Mutter. Sie arbeitet als Krankenschwester. Und wissen Sie, was daran besonders erstaunlich ist? Wenn ihr Geld fehlt, sagt sie: „Kind, lass nur, ich komme zurecht, ihr spart doch mit Maximilian auf eine Wohnung.“ Stellen Sie sich vor, so eine seltene Art von Mutter gibt es tatsächlich.
— Soll das heißen, ich bin eine schlechte Mutter?
— Das haben Sie gesagt.
— Ich habe meinen Sohn großgezogen, ich habe Nächte nicht geschlafen!
— Die meisten Mütter haben ihre Kinder großgezogen und Nächte nicht geschlafen. Aber nicht alle stellen danach eine Rechnung mit Zinsen aus.
— Wie kannst du es wagen?
Maximilian atmete scharf aus.
— Johanna, es reicht.
— Gut. Wenn es reicht, dann reicht es.
Sabine Heinrich lehnte sich zurück. Dann änderte sie plötzlich den Ton. Ihre Stimme wurde weich, fast klagend.
— Maximilian, mein Junge, eigentlich wollte ich mit dir über etwas sprechen. Unser Balkon fällt völlig auseinander. Der Rahmen ist alt, es zieht, deinem Vater tut vom kalten Luftzug der Rücken weh. Ich habe mich erkundigt: Verglasung und Dämmung kosten eintausendeinhundert Euro. Wenn wir jetzt bestellen, gibt es Rabatt. Könntest du helfen? Nicht die ganze Summe, wenigstens achthundert Euro. Wir geben es euch irgendwann zurück.
In der Küche wurde es still. Selbst der Kühlschrank schien sein Brummen einzustellen, um diese Nummer nicht zu verpassen.
Maximilian griff langsam in seine Tasche.
— Mama, achthundert auf einmal…
— Ich bitte ja nicht für mich, mein Sohn. Dein Vater friert. Und außerdem müsst ihr sowieso noch lange sparen. Wir dagegen sind schon alt.
Johanna sah auf Maximilians Hand, auf das Handy, auf den entsperrten Bildschirm. In ihr machte etwas klick. Nicht laut, nicht dramatisch, ohne Musik wie im Film. Nur ein kleines, trockenes Klick — und von diesem Moment an war Weiteraushalten keine Möglichkeit mehr.
