— Maximilian, sag mal: Sind die achtzig Euro für deine Mutter jetzt unsere neue Nebenkostenpauschale, oder habe ich irgendetwas verpasst?
Johanna Böhm stand am Küchentisch, in einem ausgeleierten alten T-Shirt, die Hände noch nass. Eben hatte sie die Pfanne abgespült, in der Buchweizen mit Soße gewesen war. Vor ihr lag ihr Handy; die Banking-App leuchtete mit einem grellweißen Bildschirm, als säße man unter einer Verhörlampe.
Maximilian Möller blieb im Flur stehen, die Jacke noch an.
— Welche achtzig Euro?
— Diese hier. Sabine Heinrich. Gestern, 21:47 Uhr. Kein Verwendungszweck. Sehr rührend, wirklich, aber ich kann keine Kommentare aus Augen lesen.

— Ach so … Ich hab Mama was überwiesen. Bei Vater hat ein Zahn Ärger gemacht. Musste dringend sein.
— Bei Thomas Weiß?
— Ja, bei wem sonst?
— Maximilian, dein Vater hat ein herausnehmbares Gebiss.
— Johanna, fang bitte nicht an.
— Ich fange gar nichts an. Ich frage nur nach. Vielleicht ist die Zahnmedizin inzwischen so weit, dass man auch Prothesen plombiert.
— Sie sagte Zahnarzt. Ich habe nicht weiter nachgehakt.
— Großartig. Wir sparen also auf die erste Rate, ich kaufe mir seit zwei Monaten keine Winterstiefel, weil „der Winter schon irgendwie geht, aber die Eigentumswohnung wichtiger ist“, und du überweist achtzig Euro, ohne überhaupt wissen zu wollen, wofür?
— Es ist meine Mutter.
— Und ich bin offenbar nur die Mitbewohnerin in einer Mietwohnung, die zufällig günstig neben der Spüle herumsteht.
— Musst du sofort so giftig werden? Man hat mich um Hilfe gebeten, ich habe geholfen. Ich hab das Geld ja nicht im Casino verzockt.
— Wir hatten eine Abmachung: Vom gemeinsamen Sparkonto wird nichts genommen, ohne dass wir vorher miteinander sprechen. Gar nichts. Nicht für Mama, nicht für Papa, nicht zur Rettung seltener Waschbären.
— Ich hab vergessen, es dir zu sagen.
— Nein. Du hast darauf gesetzt, dass ich den Mund halte.
Er zog endlich die Jacke aus, warf sie über die Stuhllehne und rieb sich müde übers Gesicht.
— Hör mal, ich komme gerade von der Arbeit. Mein Chef hat mir heute den ganzen Tag das Gehirn mit dem Löffel ausgekratzt. Muss das jetzt sein?
— Gestern hätte es nicht sein müssen, das Überweisen.
— Johanna.
— Maximilian.
Eine Weile standen sie sich gegenüber. Draußen rauschte die Straße, im Heizkörper knackte es. Auf dem Herd kühlte ein Topf Suppe ab, mit mehr Kartoffeln als Fleisch, weil auch Fleisch inzwischen in die Kategorie „nach der Wohnung“ gefallen war.
— Gut, sagte er schließlich. — Mein Fehler. Beim nächsten Mal sage ich Bescheid.
— Du sagst nicht Bescheid. Du fragst.
— Ja. Ich frage.
— Nicht erst „Mama, klar, mache ich sofort“, sondern zuerst mit mir.
— Ich hab’s verstanden.
— Wirklich?
— Wirklich.
Johanna betrachtete ihn genau. Maximilian konnte dieses „wirklich“ so sagen, als würde er am Computer nur ein Fenster schließen: Das Problem war nicht gelöst, es war bloß nicht mehr zu sehen.
— Na gut, sagte sie. — Isst du noch?
— Ja. Und bitte ohne dieses saure Gesicht.
— Das ist kein saures Gesicht. Das ist das Gesicht einer Frau, die zu begreifen versucht, warum sie plötzlich in einem Finanzzirkus gelandet ist, ohne eine Eintrittskarte gekauft zu haben.
Er grinste kurz, kam näher und wollte sie umarmen. Johanna wich nicht zurück, aber sie schmiegte sich auch nicht an ihn. Irgendetwas Trockenes, Unangenehmes kratzte bereits in ihr.
Eine Woche später öffnete sie wieder die Banking-App.
— Maximilian, komm mal her.
— Was ist denn jetzt schon wieder?
— Ich habe noch nicht einmal angefangen, und du sagst bereits „schon wieder“. Ein hervorragendes Zeichen.
Er kam aus dem Zimmer, das Handy in der Hand.
— Was ist passiert?
— Zweihundertzwanzig Euro an Mila Gross. Vorgestern. Deine Schwester.
— Ja, hab ich überwiesen.
— Nicht mal mehr ein „welche zweihundertzwanzig Euro“? Du machst Fortschritte.
— Sie hat Probleme mit dem Auto. Getriebe, glaube ich. Oder Kupplung. Ich bin kein Mechaniker.
— Dieses Auto wollte sie vor drei Monaten verkaufen.
— Hat sie aber nicht.
— Doch, sie hat es angeboten. Sie schrieb: „Meine Schwalbe sucht dringend ein neues Zuhause, Preis verhandelbar direkt an der Motorhaube.“ Ich dachte damals noch, die Schwalbe sieht eher aus wie eine angefahrene Taube.
— Dann hat sie es eben nicht verkauft.
— Und natürlich hast du wieder nicht nachgefragt.
— Johanna, was soll das? Ein Mensch hat ein Problem.
— Wir auch. Wir wohnen in einer Einzimmerwohnung mit Tapeten, die vermutlich noch die Amtszeit von Johann Klein miterlebt haben. Unsere Waschmaschine hüpft durchs Bad wie ein Ziegenbock auf einer Hochzeit. Der Kühlschrank brummt nachts, als würde er Flugzeuge einweisen. Und wir sparen, Maximilian. Wir tun nicht nur so. Wir legen wirklich Geld zurück.
— Zweihundertzwanzig Euro sind nicht das Ende der Welt.
— Natürlich nicht. Der Weltuntergang beginnt erst, wenn ich mir für 1,80 Euro einen Kaffee kaufe. Dann hältst du mir einen Vortrag über finanzielle Disziplin.
— Du übertreibst.
— Nein, ich rechne. Das ist eine andere Kunstform.
— Mila zahlt es zurück.
— Wann?
— Wenn sie kann.
— Also nie, nur höflicher formuliert.
Maximilian schob sein Handy in die Hosentasche.
— Du bist irgendwie richtig böse geworden.
— Ich bin aufmerksam geworden. „Böse“ passt dir nur besser.
— Das ist meine Familie. Ich kann meiner Schwester nicht sagen: „Tut mir leid, meine Frau zählt jeden Cent.“
— Dann sag es anders: „Tut mir leid, meine Frau und ich sparen auf eine Wohnung und können nicht deine Kupplung finanzieren, die möglicherweise zusammen mit der Schwalbe schon verkauft wurde.“
— Machst du dich über mich lustig?
— Ja. Denn wenn ich es nicht täte, müsste ich schreien.
— Dann schrei nicht.
— Ich habe noch nicht einmal lauter geatmet.
Er schwieg. Johanna öffnete die Umsatzliste und zog langsam mit dem Finger nach unten.
— Sieh hin. Achtzig an deine Mutter. Zweihundertzwanzig an Mila. Dreißig an deine Mutter letzte Woche. Fünfzig an Mila am Monatsanfang. Fünfundvierzig an deine Mutter, Vermerk „Apotheke“. Siebenundzwanzig für „Taxi von der Arztpraxis“. Maximilian, in einem Monat sind das vierhundertfünfzig Euro.
— Dann sparen wir eben später weiter.
— Später wann? Wenn wir beide fünfzig sind und eine Finanzierung über zwanzig Jahre aufnehmen, damit die Bank uns gleich mit Tilgungsplan beerdigen kann?
— Dramatisier nicht.
— Dieses Wort benutzt du immer dann, wenn ich aus Versehen die Wahrheit treffe.
— Johanna, ich arbeite, ich verdiene Geld, und ich habe das Recht, meinen Angehörigen zu helfen.
— Und was bin ich?
— Du bist auch eine Angehörige.
— „Auch“ ist fantastisch. Klingt nach einem Hockerplatz direkt neben der Tür.
— Häng dich nicht an einzelnen Wörtern auf.
— Ich hänge mich nicht daran auf. Ich halte mich daran fest, damit ich in deinem Familiensumpf nicht untergehe.
Er schlug mit der Hand auf den Tisch. Nicht besonders fest, aber die Tasse zitterte trotzdem.
— Schluss jetzt. Ich hab gesagt, dass ich künftig nichts mehr ohne Absprache mache.
— Das hast du schon einmal gesagt.
— Und was soll jetzt passieren? Willst du ein Gerichtsverfahren eröffnen?
— Wenn es eins wäre, käme ich mit Kontoauszügen. Eine Mappe ist fast voll.
— Herrgott, Johanna, mit dir kann man gar nicht mehr reden.
— Doch, mit mir kann man reden. Lügen kommen nur schlecht durch.
Er ging ins Zimmer und stellte den Fernseher lauter als sonst. Johanna blieb in der Küche zurück. In der Spüle lag noch ein Löffel, den sie vergessen hatte abzuwaschen. Eine Winzigkeit, und trotzdem wurde ihr vor Kränkung fast übel: Sie sparte am Taxi, schleppte Einkaufstüten von Penny nach Hause, suchte Hähnchen nach Rabattetiketten aus, während seine Familie offenbar im Modus „Maximilian überweist schon“ lebte.
Die folgenden drei Wochen wurden zu einem feinen, klebrigen Nieselregen. Keine Explosion, keine Katastrophe — eher dieses stetige Nass, bei dem erst die Ärmel schwer werden und dann die Stimmung.
— Maximilian, schon wieder eine Überweisung.
— Für Mama. Medikamente.
— Sie bekommt vieles auf Rezept kostenlos.
— Nicht alles.
— Was genau nicht?
— Johanna, sehe ich aus wie ein Apotheker?
— Nein. Eher wie ein Geldautomat mit müdem Gesicht.
— Pass auf, was du sagst.
— Ich passe seit zwei Monaten auf.
— Das sind fünfzig Euro. Fünfzig. Willst du dir wegen fünfzig Euro den ganzen Tag verderben?
— Nein. Den Tag hast du verdorben. Ich lese nur das Protokoll vor.
— Mein Gott.
— Der kann nichts dafür. Ihm ist das vermutlich auch peinlich.
Dann kam der nächste Eintrag.
— Hundert Euro an Mila?
— Beim Neffen ist die Jacke gerissen.
— Für hundert Euro?
— Eine ordentliche Winterjacke kostet nun mal so viel.
— Hat der Junge keinen Vater?
