Sie beendete das Gespräch. Erst danach bemerkte sie, wie fest sie das Telefon umklammert hatte; die Finger taten ihr weh. Lina Schmitt trat aus dem Zimmer.
— Und?
— Die Ente hat die Familienordnung besiegt.
— Und was wollte er?
— Dass ich zurückkomme und einfach zu Hause herumstehe. Wie eine Blumenvase. Offenbar wirkt der Tisch ohne Vase nicht vollständig.
— Weinst du?
— Nein. Noch nicht. Wahrscheinlich später, nach Plan.
In dieser Nacht fand Johanna Schmitt kaum Schlaf. Nicht, weil sie ins Wanken geraten wäre. Zweifel gab es erstaunlicherweise keine. Da war nur eine Erschöpfung, so tief, als hätte sie sich nicht in zwei Jahren angesammelt, sondern seit ihrer Kindheit. Immer wieder kreiste in ihrem Kopf Maximilian Hubers Satz über seine Mutter und die Armut. Sie dachte an ihre eigene Mutter, an die alte Küche, an die Wachstuchdecke mit den Gänseblümchen, an Suppe aus Hühnerkarkassen, an ihr Lachen, wenn der Strom abgestellt wurde und sie bei Kerzenlicht aßen — nicht wegen Romantik, sondern wegen offener Rechnungen. Es war schwer gewesen, ja. Aber beschämend war es nie gewesen.
In der Ehe mit Maximilian dagegen hatte sie sich ständig geschämt. Für den leeren Kühlschrank. Für die abgetragenen Stiefel. Für ihre Gereiztheit. Und dafür, dass sie es nicht fertigbrachte, dankbar zu sein für dieses große Wort: Familie.
Am Morgen kam eine Nachricht von Maximilian Huber.
„Mama ist früher gefahren. Vater hat kein Wort gesagt. Sie meinte, du seist undankbar.“
Johanna antwortete nicht.
Eine Stunde später schrieb er wieder.
„Es tut mir leid. Ich bin ausgerastet. Lass uns heute Abend treffen.“
Dann noch eine Nachricht.
„Ich wusste nicht, dass du alles so empfindest.“
Diesmal tippte sie nur einen Satz.
„Du wolltest es nicht wissen.“
Drei Tage später mietete Johanna ein Zimmer bei einer Frau namens Wilma Heinrich, in einem kleinen Haus am Stadtrand. Zur Arbeit brauchte sie mit dem Bus vierzig Minuten, doch das Zimmer war sauber: ein schmales Metallbett, ein Kleiderschrank, ein Fenster zum Hof. Jeden Morgen krähte dort der Hahn der Nachbarn, der offensichtlich nicht akzeptieren wollte, dass dieser Stadtteil offiziell noch zur Stadt gehörte.
Wilma Heinrich empfing sie ohne jedes Herumreden.
— Hat der Mann Sie rausgeworfen?
— Ich bin selbst gegangen.
— Gut gemacht. Tee?
— Gern.
— Miete pünktlich, keine Kerle anschleppen, Haare im Bad wegmachen. Heulen dürfen Sie, aber bitte nicht zu laut, ich habe es am Herzen.
— Ich bemühe mich.
— Bemühen ist schon mal mehr, als viele zustande bringen. Sie sind meine dritte Untermieterin nach einer Scheidung. Die erste ist zurück zu ihrem Mann, die zweite hat einen Elektriker geheiratet, und die dritte sind jetzt Sie. Die Statistik ist uneinheitlich, aber leben lässt es sich trotzdem.
Maximilian rief jeden Abend an. Anfangs klang er gereizt, dann weinerlich, später beinahe zärtlich.
— Johanna, ich habe nach Liste eingekauft. Ganz normale Sachen. Hähnchen, Kartoffeln, Äpfel. Siehst du? Ich habe es verstanden.
— Du hast dir Lebensmittel gekauft. Glückwunsch zum Eintritt ins Erwachsenenleben.
— Spotte bitte nicht. Mir geht es auch so schon miserabel.
— Mir ging es ebenfalls miserabel. Nur habe ich dabei noch Salate geschnippelt.
— Ich habe mit Mama gesprochen. Sie sagt, vielleicht hätte ich es übertrieben.
— „Vielleicht“ ist das Lieblingswort von Menschen, die es um zweihundertsiebzig Euro übertrieben haben.
— Johanna, ich will wirklich alles wieder in Ordnung bringen.
— Ich möchte aber nichts zurückholen, wovon ich gerade weggegangen bin.
— Aber wir sind doch eine Familie.
— Familie ist, wenn zwei Menschen zusammenleben. Bei uns waren es drei: du, ich und deine panische Angst, deine Mutter zu enttäuschen. Diese Angst saß immer zwischen uns und bekam den größten Teller.
— Du bist grausam.
— Nein. Ich bin nur zum ersten Mal präzise.
Eine Woche später wartete er vor dem Salon, in dem sie arbeitete. Er stand neben dem Eingang und hielt einen Supermarktstrauß in der Hand: drei Rosen, Zellophan, ein dünnes Schleifchen. Als Johanna nach der Schicht hinaustrat, sah sie ihn und atmete müde aus.
— Maximilian, bitte hör auf, mich abzufangen.
— Ich wollte vernünftig reden. Nicht am Telefon.
— Dann rede.
— Gehen wir in ein Café?
— Nein. Ich bin erschöpft. Sag es hier.
— Auf der Straße?
— Du magst doch Auftritte vor Publikum.
Er verzog das Gesicht.
— Johanna, ich habe nicht begriffen, dass es für dich so ernst ist. Ich dachte, du meckerst einfach, wie Ehefrauen eben meckern.
— Danke für diesen tiefen Einblick in die weibliche Psyche.
— Ich bin ein Idiot, ja. Ich hatte Angst, meine Eltern würden denken, ich hätte versagt. Mein Vater hat mein ganzes Leben lang gesagt: „Ein Mann muss so leben, dass seine Mutter sich nicht für ihn schämen muss.“ Genau das habe ich versucht.
— Und die Ehefrau darf dann an der Kasse rot werden, wenn die Karte nicht durchgeht.
— Ich werde mich ändern.
— Worin genau?
— Ich werde dich fragen, bevor ich größere Summen ausgebe. Ich werde nichts mehr allein entscheiden. Und meinen Eltern sage ich, dass wir ein ganz normales Budget haben. Ich sage ihnen alles.
— Wann?
— Na ja… beim nächsten Mal.
— Da ist es wieder. Das nächste Mal. Und was hast du ihnen jetzt erzählt?
— Dass wir in einer Krise stecken.
— Finanziell oder als Paar?
— Beides.
— Und weshalb gibt es diese Krise?
— Weil wir einander nicht verstanden haben.
Johanna lächelte sogar kurz.
— Wir? Maximilian, du hast das Geld ausgegeben. Du hast befohlen. Du hast deine Eltern belogen. Du hast alles, was ich gesagt habe, kleingeredet. Aber die Krise gehört plötzlich „uns“.
— Ich will nicht ganz allein an allem schuld sein.
— Den Tisch wolltest du doch auch ganz allein tragen.
— Das ist unfair.
— Unfair ist, wenn eine Frau vom Wohlstand ihrer Ehe aus Kassenzetteln erfährt und ihn anschließend mit hungrigen Mittagspausen bezahlt.
Sein Arm sank, der Strauß hing schlaff nach unten.
— Willst du die Scheidung?
— Ja.
— So schnell?
— Schnell war, als du in zehn Minuten meine Nerven für einen ganzen Monat in den Einkaufswagen geworfen hast.
— Johanna…
— Ich reiche die Unterlagen ein. Wenn du willst, gemeinsam. Wenn nicht, mache ich es allein.
— Und wenn ich es dir beweise?
— Was?
— Dass ich mich ändern kann.
— Beweise es nicht mir. Beweise es dir selbst. Deinen Eltern. Dem Verkäufer im Laden, dem du künftig nicht mehr für ein Abendessen ein halbes Gehalt hinlegst.
Sie ging zur Haltestelle. Diesmal folgte er ihr nicht.
Ein Monat verging. Johanna gewöhnte sich an das Zimmer, an den Bus, an die Tatsache, dass niemand fragte, warum in der Suppe kein Fleisch schwamm, und niemand eine festliche Tischdecke verlangte. Zum ersten Mal seit langer Zeit kaufte sie sich vernünftige Stiefel. Keine schönen, keine aus ihren Träumen, einfach nur warme, stabile Schuhe ohne Risse. Im Laden hielt sie den Karton lange in den Händen und lachte leise. Da war er also, der Reichtum: ein Reißverschluss, der nicht klemmte.
An einem Freitagabend, als sie nach Hause kam und gerade den Wasserkocher einschaltete, steckte Wilma Heinrich den Kopf in ihr Zimmer.
— Da ist eine Frau für Sie.
— Was für eine Frau?
— Anständig sieht sie aus. Aber ihr Gesicht sagt: Gleich entschuldigt sie sich oder beißt zu.
Im Flur stand Sandra Roth. Nicht in ihrem gewohnten strengen Mantel mit Pelzkragen, sondern in einer schlichten Jacke, eine Einkaufstüte von Aldi in der Hand. Sie wirkte älter als damals am Familientisch. Unter den Augen lagen Schatten, die Lippen waren zusammengepresst — nicht mehr herrisch, eher verunsichert.
— Guten Abend, Johanna.
— Guten Abend. Woher haben Sie die Adresse?
— Maximilian hat sie mir gegeben. Nicht sofort. Ich habe darauf bestanden.
— Warum sind Sie hier?
— Darf ich reinkommen? Das ist kein Gespräch für den Hausflur.
— Ich habe keine Wohnung. Nur ein Zimmer.
— Das sehe ich. Ich bin nicht zur Kontrolle gekommen.
Johanna trat zur Seite. Sandra Roth ging hinein, sah sich um, sagte jedoch nichts dazu. Sie setzte sich auf die Kante des Stuhls und stellte die Tüte neben ihre Füße.
— Ich habe ein paar Lebensmittel mitgebracht. Nicht als Almosen. Nur… da ist Hähnchen drin, Quark, Äpfel. Wenn Sie es nicht wollen, werfen Sie es weg.
— Wozu?
— Weil ich mich schäme.
Johanna schwieg.
— Ich habe lange nachgedacht, — Sandra Roth umklammerte die Henkel der Tüte. — Zuerst war ich wütend auf Sie. Sehr sogar. Ich dachte: ein Mädchen mit Charakter, verlässt meinen Sohn wegen einer Kleinigkeit. Dann erzählte Maximilian mir, Sie seien immer unzufrieden gewesen, Ihnen habe nie etwas gepasst, Sie hätten unbedingt einen schönen Tisch gewollt, weil Sie sich vor uns nicht blamieren wollten.
— Was?
— Genau. Ich habe mir schon gedacht, dass Sie davon nichts wissen.
— Er hat behauptet, ich hätte das verlangt?
— Mehr als einmal. „Johanna macht sich Sorgen, Mama, sie will, dass alles schön ist. Johanna sagt, es sei peinlich, euch etwas Einfaches vorzusetzen. Johanna wird traurig, wenn der Tisch ärmlich aussieht.“ Ich dachte noch: jung, stolz, sie möchte sich als gute Hausfrau zeigen. Manchmal habe ich ihm Geld überwiesen.
— Was für Geld?
— Für Lebensmittel. Fünfzig, hundert Euro, wenn wir zu Besuch kamen. Er sagte, Sie würden sich schämen zu fragen, es sei schwer für Sie, aber Sie gäben sich Mühe. Ich dachte, ich helfe euch beiden.
Johanna setzte sich auf das Bett.
— Sandra Roth, er hat mir davon kein einziges Wort gesagt.
— Das habe ich inzwischen verstanden. Vor ein paar Tagen habe ich in sein Handy gesehen. Ja, das war nicht schön. Aber wenn ein siebenunddreißigjähriger Sohn seine Mutter belügt, ist Anstand irgendwann nicht mehr die erste Sorge. Ich fand Kassenzettel, Kreditkartenabrechnungen, Nachrichten von der Bank. Er hat nicht nur euer Geld ausgegeben. Er hat auch die Kreditkarte ständig belastet, und meine Überweisungen gingen für die Mindestraten drauf.
— Eine Kreditkarte?
— Bei ihm war es längst nicht mehr bei ein paar teuren Einkäufen geblieben.
