„Zweihundertvierundsiebzig Euro“ rief sie ungläubig und strich den Kassenzettel mit der Handfläche glatt

Diese unverschämte Verschwendung ist zutiefst beschämend.
Geschichten

Er drückte ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange, eher wie ein erledigter Punkt auf einer Liste als wie Zärtlichkeit, und verschwand.

Johanna Schmitt zählte bis zehn. Dann bis hundert. Danach setzte sie den Wasserkocher auf, trank ungesüßten Tee und holte vom oberen Schrankboden den grauen Koffer herunter, an dem das Namensschild halb abgerissen baumelte.

— Na dann, Johanna Schmitt, sagte sie leise zu sich selbst, heute bleibt das Restaurant wegen Grundreinigung geschlossen.

Sie packte Jeans ein, Unterwäsche, zwei Pullover, ihre Arbeitskleidung, Papiere, Ladekabel, Kosmetiktasche und die alte Kette ihrer Mutter. Anfangs zitterten ihre Finger. Irgendwann hörten sie damit auf. Aus dem Bad nahm sie die Zahnbürste mit. Aus dem Gefrierfach zog sie eine Packung Maultaschen, die sie eine Woche zuvor von ihrem eigenen Geld gekauft hatte, und musste über sich selbst lachen.

— Was für eine Mitgift. Maultaschen und ein nervöses Zucken.

Ihr Handy schaltete sie nicht aus. Sie stellte es nur lautlos.

Lina Schmitt nahm nach dem zweiten Klingeln ab.

— Johanna? Was ist denn um diese Uhrzeit los? Ich kämpfe hier gerade mit dem Kind, es erkennt Brei grundsätzlich nicht als Lebensmittel an.

— Lina, kann ich zu dir kommen?

— Natürlich. Was ist passiert?

— Ich bin von Maximilian weg.

— Weg im Sinne von: ihr habt euch gestritten?

— Weg im Sinne von: Koffer steht im Flur. Und Maultaschen sind dabei.

— Komm her. Adresse kennst du. Aber hier sieht es aus wie nach einem kleinen Bürgerkrieg.

— Unordnung fühlt sich gerade ziemlich vertraut an.

Im Bus roch es nach nassen Jacken, billigem Kaffee aus Pappbechern und fremder Erschöpfung. Johanna saß am Fenster, klemmte den Koffer zwischen die Knie und wartete darauf, dass Panik über sie hereinbrach. Sie kam nicht. Im Gegenteil: Die Stadt hinter der Scheibe wirkte plötzlich, als hätte sie aufgehört, ein Käfig zu sein. Kioske, Apotheken, Schilder mit „Schuhreparatur“, Schüler mit schweren Rucksäcken, eine Frau mit Einkaufstasche, die sich mit dem Fahrer wegen einer Haltestelle stritt. Alles war gewöhnlich. Gerade das hielt sie über Wasser.

Lina öffnete in einem ausgeleierten T-Shirt, einen Löffel in der Hand.

— Rein mit dir. Brei auf dem Boden, Kind unter dem Tisch, Mann auf Dienstreise. Perfekte Voraussetzungen für einen Neuanfang.

— Danke.

— Ich sage es gleich: Das Sofa ist schief, aber ehrlich. Tee?

— Gern.

— Und jetzt erzähl. Aber ohne „vielleicht bin ich ja selbst schuld“. Dafür gibt es eins mit dem Löffel.

Johanna setzte sich in die Küche. Auf der Fensterbank standen Gläser mit Reis, Linsen und Haferflocken, am Kühlschrank hing ein Zettel unter einem Magneten: „Milch, Windeln, nicht vergessen zu leben.“

— Er hat schon wieder Lebensmittel für zweihundertsiebzig Euro gekauft.

— Für eine Hochzeit?

— Für den Besuch seiner Eltern.

— Kommt da eine Ministerkommission oder was?

— Seine Mutter mag Ente, sein Vater schätzt ordentlichen Aufschnitt, und Maximilian liebt es, wenn alle glauben, er habe es geschafft.

— Und ihr?

— Wir essen danach Dinge, die nichts kosten. Vor allem Stolz. Nur liegt der schwer im Magen.

Lina schwieg und schenkte Tee ein.

— Begreift er überhaupt, was er da tut?

— Er hält mich für kleinlich. Für eine, der es um seine Eltern leidtut. Dabei tun sie mir nicht leid. Ich tue mir inzwischen selbst leid. Manchmal fühlt es sich an, als lebte ich nicht mit einem Mann zusammen, sondern mit einem Jungen, der immer noch mit seinem Einser-Zeugnis nach Hause rennt: „Mama, schau, ich bin brav.“

— Hast du ihm das so gesagt?

— Zwei Jahre lang. In allen Varianten. Ruhig, laut, mit Haushaltsplan, mit leerem Kühlschrank, unter Tränen. Er hört zu, nickt und kauft beim nächsten Mal eine Ananas.

— Johanna, eine Ananas ist in diesem Zusammenhang schon ein Befund.

— Gestern meinte er, meine Mutter sei Armut eben gewohnt.

— Dieses… — Lina biss sich auf die Lippe, weil unter dem Tisch gerade das Kind hervorkroch. — Schatz, geh bitte ins Zimmer. Mama muss gleich Erwachsenenwörter benutzen.

— Ich will nicht, dass er mich sucht.

— Er wird dich suchen. Spätestens wenn er merkt, dass sich die Ente nicht von allein brät.

Gegen Mittag begann das Telefon zu vibrieren. Dann wieder. Dann fast ohne Pause. Maximilian schrieb knapp, wie jemand, der zuerst wütend ist und danach langsam begreift, dass der Kühlschrank keine Antworten gibt.

„Wo bist du?“

„Warum ist niemand zu Hause?“

„Johanna, was soll der Unsinn?“

„Meine Eltern sind in zwei Stunden da.“

„Du hast die Sachen echt einfach stehen lassen?“

„Geh ran.“

„Johanna, das ist nicht lustig.“

„Mama ist schon unterwegs.“

Lina warf einen Blick auf das Display.

— Antwortest du?

— Nein.

— Sehr gut. Dann soll er die Ente mal persönlich kennenlernen.

Um sechs Uhr abends wurden die Anrufe dichter. Johanna saß auf dem Sofa, während Lina im Nebenzimmer das Kind in den Schlaf wiegte. Zweiundvierzig verpasste Anrufe standen bereits auf dem Bildschirm. Beim dreiundvierzigsten nahm sie ab.

— Na endlich! — Maximilians Stimme klang heiser und gehetzt. — Wo steckst du?

— Bei einer Freundin.

— Bei was für einer Freundin? Hast du eine Ahnung, was hier los ist? Meine Mutter und mein Vater standen praktisch schon im Treppenhaus, und du bist weg, die Wohnung ist nicht fertig, die Einkäufe liegen in Tüten herum, die Ente ist im Kühlschrank hart wie ein Stein, die Torte ist verlaufen, weil ich sie auf den Tisch gestellt habe und offenbar muss so etwas kalt stehen!

— Ärgerlich.

— Ärgerlich? Machst du dich über mich lustig? Mama fragt, wo du bist. Ich habe gesagt, dir geht es nicht gut. Jetzt sagt sie, dann schauen sie eben nach dir. Ich weiß nicht, was ich sagen soll!

— Sag die Wahrheit.

— Welche Wahrheit?

— Dass deine Frau gegangen ist.

Am anderen Ende wurde es still.

— Johanna, du bist gerade nur aufgebracht.

— Nein. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit bin ich genau das nicht.

— Komm zurück. Nach dem Besuch reden wir.

— Bei dir ist alles nach irgendetwas. Nach dem Feiertag, nach dem Besuch, nach dem Gehalt, nach dem Druck deiner Mutter, nach der Laune deines Vaters. Ich komme immer erst danach. Ich habe genug davon.

— So kannst du dich nicht verhalten.

— Doch. Habe ich schon.

— Weswegen denn? Wegen ein paar Einkäufen? Wegen irgendeinem Kassenzettel?

— Wegen mir. Weil ich nicht mehr jeden Morgen mit dem Gedanken aufwachen will, dass ich die Hausherrin eines reichen Hauses spielen muss, während wir in einer gemieteten Zweizimmerwohnung leben und hinter dem Herd Kakerlaken sitzen.

— Übertreib nicht.

— Maximilian, hinter dem Herd sind wirklich Kakerlaken. Du schaust nur nie hin. Genauso wenig wie auf unser Konto.

— Hör zu, Mama wird furchtbar enttäuscht sein.

— Und ich war zwei Jahre lang nicht enttäuscht? Ich hatte einen Riesenspaß, als ich dieselbe Strumpfhose auf der Heizung trocknete, weil für eine neue kein Geld da war? Ich habe mich totgelacht, wenn ich überlegt habe, ob Milch oder Brot wichtiger ist? Ich habe vor Freude getanzt, als du deinem Vater Cognac für fünfzig Euro gekauft und mir gesagt hast, ich solle mit dem Zahn bis zum Vorschuss warten?

— Ich wusste nicht, dass dein Zahn weh tut.

— Weil du nicht gefragt hast.

— Du hättest es sagen können!

— Habe ich. Deine Antwort war: „Jetzt nicht, Mama kommt.“

Er atmete schwer aus.

— Gut. Ich bin schuld. Zufrieden? Komm zurück, dann bringe ich alles in Ordnung.

— Ich bin kein Gegenstand, den man wieder an seinen Platz stellt.

— Johanna, bitte verdreh jetzt nicht alles. Ich bin wirklich in Panik.

— Dann leb mal darin. Ich wohne dort schon lange, nur ohne Lachsplatten.

— Mama will mit dir sprechen.

— Ich aber nicht mit ihr.

— Sie steht neben mir.

— Dann soll sie einen Schritt zurücktreten.

— Johanna! — Eine andere Stimme drang in die Leitung, scharf, vertraut, ohne jede Wärme. — Hier ist Sandra Roth. Was für ein Theater führen Sie da auf?

— Guten Abend, Sandra Roth.

— Daran ist gar nichts gut. Wo sind Sie?

— An einem sicheren Ort.

— Was soll das heißen, sicher? Hat Maximilian Sie etwa geschlagen?

— Nein. Er hat nur mit Geld um sich geworfen, als würde er mit einem Hammer auf den Geldbeutel einschlagen.

— Sparen Sie sich diese Spitzen. Sie sind seine Frau. Die Eltern Ihres Mannes sind angereist. So benimmt man sich nicht.

— Wie benimmt man sich denn richtig? Die Ehefrau kocht schweigend und isst danach schweigend die Nudeln auf? Dieser Lehrgang ist nichts für mich.

— Wenn es in einer Familie Schwierigkeiten gibt, klärt man sie zu Hause und läuft nicht zu Freundinnen.

— Ich habe sie zu Hause geklärt. Immer wieder. Ihr Sohn hört nur ein einziges Wort: Mama.

— Was erlauben Sie sich eigentlich?

— Ich erlaube mir, keine Dienstmagd zu sein. Überraschend, nicht wahr?

— Maximilian, nimm du den Hörer, sagte Sandra Roth nun nicht mehr in die Leitung. — Diesen Ton verstehe ich nicht.

Maximilian war wieder dran.

— Bist du jetzt zufrieden? Jetzt glaubt sie, du hasst mich.

— Nein, Maximilian. Ich hasse dich nicht. Ich will nur nicht länger in deiner Lüge leben.

— In welcher Lüge?

— Dass es uns gut geht. Dass bei uns alles wunderbar ist. Dass ein teurer Tisch etwas mit Fürsorge zu tun hat. Dass meine Müdigkeit bloß eine Laune ist. Dass deine Mutter ein Hähnchen mit Kartoffeln nicht überleben würde.

— Du machst alles komplizierter, als es ist.

— Und du vereinfachst alles, bis nur noch der Kassenbon übrig bleibt.

— Komm wenigstens heute zurück. Bitte. Ich mache alles selbst, du musst nur zu Hause sein.

— Nein.

— Was soll ich denn dann tun?

— Zum ersten Mal seit zwei Jahren musst du das selbst herausfinden.

LebensKlüber