Er ließ das Besteck leicht gegen sein Glas klingen.
„Also“, sagte er, erhob sich und legte sich eine feierliche Miene zu, „jetzt kommt der Moment für das Geschenk.“
Katharina wagte kaum zu blinzeln. In ihrem Kopf lief bereits eine kleine Szene ab: Alexander zog ein Samtetui hervor, machte einen scherzhaften Spruch, löste vielleicht einen Ring vom Schlüsselbund, ging auf ein Knie hinunter… Sie bekam nicht einmal mit, wie Leon neben ihr Mia leise zuflüsterte: „Halt Mama fest, falls nötig.“ Man sah ihm an, dass er Alexander nicht traute. Trotzdem hoffte er für seine Mutter auf ein Wunder. Auch wenn erwachsene Männer an Wunder meistens nur noch selten glauben.
Alexander kostete die Pause aus. Dann zog er aus einer Tüte ein unförmiges Bündel hervor. Ein Kleid. Dick gestrickt, in einem stumpfen Grauoliv, angeblich „atmungsaktiv“, mit Rollkragen, überschnittenen Schultern und einer Länge bis zum Knie. Der Schnitt wirkte, als sei er ausdrücklich dafür entworfen worden, möglichst viel zu verbergen. Am Etikett klebte ein greller Aufkleber: „70 % reduziert“.
„Wir haben wirklich lange ausgesucht“, erklärte Christina Krause und nickte zufrieden. „Schau nur, was für eine praktische Farbe. Wenn mal ein Fleck draufkommt, fällt es kaum auf. Und der Stoff ist auch ordentlich, Viskose, kein billiger Kunststoff.“ Dreist strich sie über das Material, beugte sich dann zum Preisschild und fügte hinzu: „Und das Wichtigste: ein echtes Schnäppchen. Mit Kundenkarte nur 29,90 €. Darum habe übrigens ich mich gekümmert. Aus dem Laden Lady Comfort. Genau passend für Damen in Ihrem Alter.“
Mia stand wie erstarrt da. Leon hob sein Glas an und verdeckte damit für einen Augenblick sein Gesicht. Katharina wurde blass. Der Ring, den sie sich eben noch vorgestellt hatte, zerfiel wie eine Fata Morgana. Vor ihr blieb nur dieser schlaffe Stoff, die abgeschnittene Taille und dieses eine Wort: Alter. Es war, als zwänge eine fremde Hand sie zu einer Antwort.
„Danke“, sagte sie. „Das ist wirklich… praktisch.“
„Ein wenig herzlicher hätte man sich schon bedanken können“, gab Christina sofort zurück. „Solche Geschenke bekommen Frauen schließlich nicht jeden Tag. Alexander, sag du doch auch etwas.“
„Katharina, mach jetzt bitte nicht die Stimmung kaputt“, sagte Alexander mit schiefem Grinsen. „Ich habe mir Mühe gegeben.“
Leon sah zu seiner Mutter hinüber.
„Mama, wir können den Nachtisch bringen“, warf er rasch ein, als wolle er die Szene einfach abschneiden.
Als die Gäste später gegangen waren, hängte Katharina das Kleid sorgfältig in den Schrank, mit jener übertriebenen Ordnung, die man fremden Dingen entgegenbringt. Alexander konnte es sich nicht verkneifen.
„Du bist undankbar. Du hättest es wenigstens anprobieren können. Normale Frauen fallen einem Mann bei so etwas um den Hals.“
„Ich hatte mit einem Heiratsantrag gerechnet“, erwiderte sie ruhig. „Du hast selbst gesagt, ich würde mich lange daran erinnern.“
„Ach bitte, was soll ich denn mit einem Stempel im Pass?“ fuhr er auf. „Wir wohnen zusammen, damit ist alles gesagt. Mir passt es so, und dir sollte es genauso passen. Ehe bedeutet nur Warten beim Standesamt und später Streit um Besitz, falls es auseinandergeht. Willst du dann die Teller aufteilen? Ich jedenfalls nicht. Außerdem reicht mir meine Exfrau immer noch völlig. Ich habe keine Lust, wegen fremder Leute wieder vor irgendwelchen Gerichten herumzulaufen.“
„Bequem ist es so auf jeden Fall“, sagte Katharina. „Vor allem für dich.“
„Fang nicht wieder an.“
Sie fing nicht an. Sie nahm es nur zur Kenntnis.
Einen Monat später begannen in Leons Werk die „Optimierungen“. Die Abteilung wurde halbiert, Leon nur noch in Teilzeit eingesetzt. Löhne kamen verspätet, Prämien wurden gestrichen, Nebenjobs waren unerwünscht. In der gemieteten Zweizimmerwohnung wurde es nicht nur räumlich eng, sondern auch finanziell.
„Mama, wir schaffen das“, sagte er, doch sein Blick verriet, dass er längst rechnete. „Mia ist tüchtig, sie hat noch zusätzliche Stunden in einem Kurs übernommen, aber das bringt fast nichts.“
Katharina öffnete ihre Banking-App und überwies ihm eine größere Summe. Sie tat es nachts, nachdem sie ihre Karte zuvor mit Bargeld aufgeladen hatte, und bat ihren Sohn, nichts davon zu erwähnen. Alexander hatte nämlich unter dem Vorwand einer „gemeinsamen Haushaltsplanung“ ihre Ausgabenübersichten sehen wollen, und jede Überweisung an Leon endete in einem Vortrag.
Trotzdem witterte Alexander etwas.
„Ich habe dir gesagt: Ein erwachsener Mann braucht keine Unterstützung“, erklärte er am Morgen. „Er soll sich bewegen. Sind wir etwa seine Sponsoren? Wir haben selbst Pläne. Ich will demnächst ein Auto kaufen, erinnerst du dich? Für meine Mutter muss es etwas Größeres und Bequemeres sein. Das Geld gehört in die gemeinsame Kasse. Hör auf, es zu verstreuen.“
„Das ist mein Geld, Alexander“, sagte Katharina hartnäckig. „Und es ist mein Sohn. Ich entscheide, was ich tue.“
„Du lebst mit mir, also entscheiden wir zusammen.“ Sein Mund wurde zu einem schmalen Strich.
Katharina nickte nur. Am Abend hob sie erneut Bargeld ab. Von da an floss die Hilfe über einen stillen, geheimen Weg.
Als Leon eines Tages sagte: „Mia ist schwanger“, setzte Katharina sich hin und schloss für einen Moment die Augen. Worte hatte sie keine, nur ein einfaches, helles Glück.
„Mein Gott“, flüsterte sie. „Danke. Ich helfe euch mit allem, was ich kann.“
„Glückwunsch“, warf Alexander kühl hin. „Aber eines halten wir gleich fest: Eine fremde Familie ist nicht unsere Verantwortung.“ Er hob abwehrend die Hand, als habe er den nächsten Punkt bereits beschlossen.
