„Wo sind die Schlüssel zu deinem Haus auf dem Land? Meine Mutter zieht dort ein“ verkündete er kalt, während Katharina wie gelähmt dastand

Ein erhofftes Wunder wirkt zugleich hoffnungslos und notwendig.
Geschichten

„Wo sind die Schlüssel zu deinem Haus auf dem Land? Meine Mutter zieht dort ein“, erklärte ihr Lebensgefährte.

Katharina Böhm strich die Tischdecke glatt und ließ den Blick prüfend über die gedeckte Tafel gleiten. Ein Jubiläum. Eine runde Zahl: fünfundfünfzig. In der Vase standen Nelken, daneben dampfte ein warmer Salat, es gab „Hering im Pelzmantel“ und ihre berühmten Auberginenröllchen. Auf dem Herd köchelte langsam der Borschtsch, über den Alexander Albrecht jedes Mal das Gesicht verzog. Ohne Fleisch sei das „kein richtiges Essen“, behauptete er stets — obwohl natürlich Fleisch darin war.

Sie wartete auf das Klingeln wie ein junges Mädchen vor dem ersten Ball. Und noch mehr wartete sie auf jenes „Wunder“, das Alexander seit zwei Wochen mit geheimnisvollen Andeutungen angekündigt hatte: „Du bekommst ein Geschenk, das du lange nicht vergessen wirst.“ Wenn es ein Ring war, dann wäre sie endlich nicht mehr bloß die Frau an seiner Seite ohne Namen. Sie wollte keine Glückwunschkarte, keine süßen Worte, sondern einen klaren Status. Zehn Jahre nach ihrer lauten Scheidung hatte sie nur zu gut begriffen, dass eine „Lebensgefährtin“ auf jedem Formular letztlich niemand war.

Bei einer Operation würde man sie nicht hineinlassen. Beim Erbe stünde sie ganz hinten. Ihre Meinung hätte kein entscheidendes Gewicht. Sie war keine fünfundzwanzig mehr. Es ging ihr nicht um Romantik, sondern um Sicherheit, um Ordnung, um ein gesetzliches Recht darauf, neben dem Menschen zu stehen, der sie seine Frau nannte — und nicht „Katharina Böhm, mit der ich zusammenlebe“.

Es klingelte. Vor der Tür standen Leon Schmitt und Mia Mayer, beladen mit Schachteln und Blumen.

„Mama, alles Gute zum Geburtstag“, sagte Leon und umarmte sie kurz, aber fest. Er war groß, zweiunddreißig Jahre alt und Ingenieur in einem Werk für medizinische Geräte. Seit sieben Jahren arbeitete er dort, ohne zu klagen, ganz wie sein Vater in dessen besten Jahren. „Mia sagt, ohne Tartelettes ist es keine Feier.“

„Ohne Tartelettes ist es wirklich keine Feier“, bestätigte Mia lächelnd, während sie die Schuhe auszog. Sie war eine hübsche junge Frau, sechsundzwanzig, Grundschullehrerin und seit zwei Jahren mit Leon verheiratet. Selbst in hohen Absätzen bewegte sie sich flink, als würde sie auch zu Hause noch Kinder über den Pausenhof scheuchen. „Katharina Böhm, wo sind die Servierplatten? Ich richte das schnell an. Und den Tee setzen wir auch gleich auf, ja?“

„Danke… rechts im Regal.“

Mia hatte sich bereits eine Schürze umgebunden. Geschickt hackte sie Kräuter, wärmte das Hähnchen auf, legte Brot auf den Tisch und prüfte die Kerzen. Sie tat nicht nur so, als helfe sie. Man sah ihr an, dass es ihr wirklich wichtig war, ihrer Schwiegermutter die Arbeit abzunehmen.

„Leon“, fragte Katharina, „wie läuft es bei dir im Betrieb? Übernimmst du dich nicht?“

„Ach, bei uns wird doch überall gespart“, winkte er ab. „Wir schlafen schon fast auf den Maschinen. Mach dir keine Sorgen. Oh, Alexander, hallo.“

Alexander Albrecht kam aus dem Zimmer, in dem er zuvor mit seinem Handy gesessen hatte. Vierzig Jahre alt, sehnig, modische Frisur, Ohrring, neue Sportschuhe. Er hielt sich gern ein wenig abseits. Schließlich sei er der Mann im Haus, der „Gastgeber“; in der Küche habe er nichts verloren, im Wohnzimmer dagegen sei er das Oberhaupt. In Wirklichkeit drückte er nur auf seinem Telefon herum und kommentierte die Bewegungen der anderen.

„Ihr immer mit eurem Kantinenessen…“, sagte er und nickte zu den Salaten hinüber. „Katharina, hör auf, so herumzuwirbeln. Wir servieren jetzt, und später räumst du eben auf. Ich habe Hunger.“

„Alexander, trag wenigstens die Teller hinaus“, bat Mia freundlich.

Er verzog spielerisch den Mund. „Bei uns gibt es Arbeitsteilung. Ich kümmere mich sozusagen um die Gäste.“

Katharina wollte gerade lächeln, da blieb ihr Blick an der Wohnungstür hängen. Auf der Schwelle stand, ohne auch nur die Schuhe auszuziehen, Christina Krause. Sie trug einen karierten Mantel, grellen Lippenstift und hielt ihre unvermeidliche Einkaufstasche in der Hand, als wären darin Orden und Auszeichnungen verstaut. Früher war sie Friseurin gewesen, inzwischen Rentnerin, aber stolz darauf, dass sie „immer etwas zu erledigen“ hatte. Zum Jubiläum der Lebensgefährtin ihres Sohnes war sie nicht wie ein Gast gekommen, sondern eher wie eine Kontrolleurin: Es durfte schließlich kein „Geschäft des Jahrhunderts“ ohne sie stattfinden.

„Da bin ich also“, verkündete sie, musterte die Anwesenden, schätzte den Tisch ab und verzog beim Anblick der Nelken den Mund. „Alles Gute, Katharinchen. Mit leeren Händen konnte ich ja nicht kommen. An so einem Tag muss ich meinen Sohn schließlich unterstützen.“

„Danke. Kommen Sie bitte herein.“

Am Tisch wurde es bald lebhaft. Leon machte Witze und neckte seine Frau genau so weit, dass sie lachen musste, ohne sich gekränkt zu fühlen.

„Mia, übertreib es nicht“, sagte er mit einem Blick auf die Tartelettes. „Sonst musst du das bis Juli wieder abtrainieren.“

„In welcher Reihe denn?“, fragte Christina verständnislos.

„In der Schule. Mehr Kalorien, mehr Kniebeugen“, erwiderte er und zwinkerte. Mia schnaubte lachend.

„Dann hör auf, mir dauernd diese ganze Mayonnaise-Stadt vor die Nase zu schieben.“

„Ihr zwei seid wirklich ein gutes Paar“, sagte Katharina und sah sie mit warmer Zärtlichkeit an.

Alexander saß weiterhin ein wenig abgerückt, als wäre er der Regisseur des Abends und warte nur noch auf den richtigen Moment, um den Höhepunkt anzukündigen. Schließlich griff er nach seiner Gabel.

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