„Du undankbares Biest! Du Nichtsnutz!“ stürmte Maria Albrecht in die Wohnung und schob alles zur Seite

Diese feige Tat ist moralisch unerträglich.
Geschichten

Alexander sagte nichts. Er suchte nach einer Antwort, nach irgendeinem Satz, der die Lücke zwischen ihnen hätte schließen können, doch ihm fiel keiner ein. Maria Albrecht dagegen nickte triumphierend, als hätte Sophies Schweigen ihr den Sieg geschenkt.

„Siehst du, mein Junge? Sie wollte doch längst weg! Sie hat nur auf den passenden Vorwand gewartet. Jetzt läuft sie davon!“

Sophie drehte sich noch einmal zu ihr um. Dann lachte sie plötzlich auf — kurz, hart, beinahe erschöpft.

„Sie glauben wirklich, ich hätte fünf Jahre lang heimlich meine Flucht geplant?“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Maria Albrecht. Ich wollte eine Familie. Eine echte. Aber Sie haben alles getan, damit genau das unmöglich wird.“

Im nächsten Moment fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.

Draußen im Hausflur blieb Sophie stehen und holte zum ersten Mal seit Minuten richtig Luft.

In der Wohnung stand Maria Albrecht mitten im Wohnzimmer, schwer atmend und mit gerötetem Gesicht. Alexander starrte auf die geschlossene Tür. Sein Ausdruck war leer, als hätte jemand in ihm das Licht ausgeschaltet.

„Dann soll sie eben gehen!“, platzte es aus seiner Mutter heraus. „Dort gehört sie hin! Du wirst schon noch eine ordentliche Frau finden, nicht so eine wie diese…“

„Mama“, unterbrach Alexander sie leise. „Bitte. Hör auf.“

Maria Albrecht wich einen Schritt zurück, als hätte er sie geschlagen.

„Was ist denn plötzlich mit dir los? Ich habe doch nur für dich gekämpft! Ich habe dich beschützt!“

„Vor wem?“ Alexander hob langsam den Blick. In seinen Augen lag etwas, das sie nicht kannte. Müdigkeit vielleicht. Oder endlich Klarheit. „Vor meiner Frau? Vor der Frau, die fünf Jahre lang Maximilians Ausfälle ertragen hat? Die jeden Sonntag mit zu dir in den Garten gefahren ist und sich deine Belehrungen schweigend angehört hat?“

„Alexander!“

„Sie hatte recht.“ Seine Stimme klang brüchig. „Ich habe immer euch gewählt.“ Er sank auf das Sofa und vergrub das Gesicht in den Händen. „Sogar dann, wenn ich genau wusste, dass ihr im Unrecht wart.“

Das Gesicht seiner Mutter lief dunkelrot an.

„Wie redest du mit mir? Ich bin deine Mutter! Ich habe mein Leben für dich gegeben!“

„Ich weiß, Mama. Ich weiß.“ Alexander sah zu ihr auf. „Aber meine Frau ist gerade gegangen. Und das ist meine Schuld.“

Maria Albrecht griff hastig nach ihrer Handtasche. Mit zitternden Fingern begann sie, ihren Mantel zuzuknöpfen.

„Wenn das so ist, habe ich hier wohl auch nichts mehr verloren! Wenn du dich jetzt schon gegen mich stellst, gegen deine eigene Mutter! Dann bleib eben allein in deinem Scherbenhaufen sitzen!“

Sie stürmte hinaus und schlug die Tür so heftig zu, dass der halb herausgerissene Griff bebte.

Alexander blieb zurück. Allein. Zwischen Glassplittern, kalter Zugluft und einer Stille, die lauter war als jeder Streit.

Nach einer Weile zog er sein Handy hervor. Er sah auf den Bildschirm, als könnte er dort eine Lösung finden. Dann rief er Sophie an. Der Anruf wurde weggedrückt.

Er schrieb ihr:

„Es tut mir leid. Bitte lass uns reden.“

Die Nachricht wurde gelesen.

Keine Antwort.

Alexander stand auf und ging zum Fenster. Unten auf dem Parkplatz entdeckte er sie. Die Tasche hing über ihrer Schulter, sie ging schnell, ohne sich umzudrehen. Ein Taxi hielt. Sophie stieg ein. Der Wagen fuhr los.

Erst in diesem Augenblick begriff er es wirklich: Sie war gegangen. Nicht, um ihn zu erpressen. Nicht, um Druck auszuüben. Sondern weil sie müde geworden war, weiter darauf zu hoffen, dass er irgendwann ihr Mann sein würde — und nicht nur der gehorsame Sohn seiner Mutter.

Alexander sah sich in der Wohnung um. In ihrer Wohnung. Auf dem Regal stand das Hochzeitsfoto. Im Flur standen ihre Hausschuhe. Auf dem Couchtisch lag das Buch, das Sophie nie zu Ende gelesen hatte.

Er ließ sich auf den Boden sinken, mitten zwischen die Splitter. Dann wählte er ihre Nummer noch einmal.

Diesmal nahm sie ab.

„Was willst du?“, fragte sie. Ihre Stimme klang erschöpft, aber fest.

„Ich…“ Alexander verstummte. Was sollte er sagen? Dass er alles verstanden hatte? Dass er sich ändern würde? Sie hatte solche Versprechen schon zu oft gehört. „Ich möchte es wieder gutmachen.“

„Alexander, es ist zu spät.“

„Nein. Das ist es nicht. Sophie, ich…“

„Du hast dich entschieden“, sagte sie leise. „Jedes Mal, wenn du geschwiegen hast. Jedes Mal, wenn du weggesehen hast. Da hast du gewählt.“ Sie atmete hörbar ein. „Und jetzt habe ich auch gewählt. Endlich mich selbst.“

Dann war nur noch das abgehackte Zeichen der beendeten Verbindung zu hören.

Alexander blieb mitten in der verwüsteten Wohnung sitzen und verstand plötzlich, dass er nicht einfach seine Frau verloren hatte. Er hatte den einzigen Menschen verloren, der in ihm den echten Alexander gesehen hatte — nicht Mamas Sohn, nicht Maximilians Bruder, sondern ihn selbst. Den Menschen, der besser hätte sein können. Den sie trotz allem für möglich gehalten hatte.

Jetzt blieben ihm nur das eingeschlagene Fenster, das zerstörte Schloss und der eisige Wind, der durch die Wohnung zog wie eine Erinnerung daran, dass manche Dinge sich nicht wieder zusammenkleben lassen.

Eine Woche später würde Johanna Otto es im ganzen Haus erzählen:

„Stellt euch vor, er wohnt jetzt allein! Man sagt, seine Frau habe sich am anderen Ende der Stadt eine Wohnung genommen und… sie wirkt glücklich. Das hätte ich wirklich nicht gedacht!“

Und die Wahrheit war erschreckend einfach:

Manchmal ist Weggehen keine Schwäche.

Manchmal ist es die einzige Möglichkeit, sich selbst nicht zu verlieren.

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