— Daniel Friedrich, ich bin schon in der Stadt. Der Flieger ist vierzig Minuten früher gelandet. In ungefähr einer Stunde bin ich zu Hause.
Am anderen Ende der Leitung entstand für einen Herzschlag Stille. Nicht diese gewöhnliche Pause, in der jemand nach der passenden Antwort sucht. Es war eine andere Stille: angespannt, ertappt, als hätte er hastig etwas von sich weggeschoben und müsse nun fieberhaft überlegen, welche Worte unverfänglich klangen.
— Du hattest doch gesagt, du kommst erst morgen früh zurück, — antwortete ihr Mann. Zu rasch. Zu glatt.
Laura Simon saß auf der Rückbank des Taxis und wandte den Kopf ein wenig zum Fenster. Draußen zogen graue Wohnhäuser vorbei, eine Reifenwerkstatt, eine Bushaltestelle, nasser Asphalt. Die Stadt sah genauso aus wie vor fünf Tagen, als sie zu ihrer Dienstreise aufgebrochen war. Und doch stach Daniel Friedrichs Stimme sie unangenehm, wie ein Splitter unter dem Fingernagel.
— Die Besprechung war früher vorbei. Ich habe selbst nicht damit gerechnet. Warum?

— Ach, nichts. Ich bin nur… noch im Büro. Es wird spät bei mir.
— Ich habe dich nicht gefragt, wo du bist, — sagte sie ruhig.
Daniel Friedrich räusperte sich, als wolle er ein paar Sekunden gewinnen.
— Nur damit du nicht mit dem Abendessen auf mich wartest.
— Tue ich nicht, — erwiderte Laura knapp und beendete das Gespräch.
Das Telefon blieb in ihrer Hand liegen. Der Bildschirm wurde dunkel, und für einen kurzen Moment spiegelte sich darin ihr Gesicht: müde, beherrscht, mit einer feinen Falte zwischen den Augenbrauen. Erschöpft hatte sie nicht die Reise, nicht der Flug und auch nicht das fremde Hotelzimmer. Zermürbt hatten sie die endlosen Verhandlungen, bei denen jeder am Tisch es für nötig gehalten hatte, ihre Geduld, ihre Kompetenz und ihre Belastbarkeit auf die Probe zu stellen. Zuhause war in diesem Augenblick der einzige Ort, an dem sie niemandem etwas beweisen musste. Dort konnte sie den Koffer an die Wand stellen, in die Küche gehen, sich Wasser einschenken, das Fenster öffnen und dem Zuschlagen der Autotüren im Hof lauschen.
Sie schloss nur für wenige Sekunden die Augen. Als sie sie wieder öffnete, hielt das Taxi bereits vor ihrem Haus.
Der Hauseingang empfing sie mit dem vertrauten Geruch nach feuchtem Beton, Staub und fremdem Essen, das aus irgendeinem Grund immer aus dem Erdgeschoss nach oben kroch. Laura zog ihren Koffer hinter sich her, stieg die Treppen hinauf und merkte erst auf ihrer Etage, dass sie keine Freude über die Rückkehr empfand. Stattdessen breitete sich eine undeutliche Gereiztheit in ihr aus. Von außen sah die Wohnungstür aus wie immer. Keine Spuren, keine Kratzer, kein Zettel der Hausverwaltung. Alles ganz gewöhnlich. Und doch regte sich in ihr bereits jene Wachsamkeit, die sie sich im Lauf der Jahre im Beruf angewöhnt hatte nicht zu übergehen.
Sie steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn herum und trat ein.
Zuerst blieb ihr Blick an den Schuhen hängen.
Es war nicht ein Paar. Auch nicht zwei. Neben der Fußmatte standen Damenstiefel, achtlos hingeworfen, die Spitzen in verschiedene Richtungen gedreht, als wären die Menschen, denen sie gehörten, nicht als Gäste gekommen, sondern als Besitzer, die niemandem erklären mussten, wo sie ihre Sachen abstellten. Daneben lagen helle Turnschuhe mit rosafarbenem Einsatz. Lauras waren es ganz sicher nicht. Auf dem unteren Regalbrett, wo sonst ihre Pumps und ordentlich weggestellten Hausschuhe standen, drängten sich Einkaufstüten.
Sie hob den Blick. An der Garderobe hingen eine warme Jacke mit Pelzkragen, ein karierter Mantel und ein langer Cardigan, den Laura im vergangenen Herbst an der Schwester ihres Mannes gesehen hatte. An einem Haken baumelte eine Handtasche mit großer goldfarbener Beschlägverzierung. Christina Sommer liebte Dinge, die auffielen. Laura erinnerte sich an diese Tasche: Christina hatte sie zu einem Familienessen mitgebracht und den halben Abend erzählt, wie unglaublich billig sie sie ergattert habe.
Laura zog die Schuhe nicht aus. Sie blieb auf der Schwelle stehen, die Hand noch am Griff des Koffers, und betrachtete diese fremde, selbstgewisse Unordnung, als wäre sie ein matschiger Fußabdruck mitten auf einem frisch gewischten Boden.
Aus dem Inneren der Wohnung drangen Stimmen.
Man sprach laut, unbekümmert, ohne die Stimme zu senken, ohne auf Geräusche an der Tür zu achten. Also rechneten sie nicht damit, dass vor dem Abend jemand käme. Oder sie waren sich noch in etwas anderem sicher.
— Nein, dieses Zimmer solltest du lieber nicht nehmen, — hörte Laura die Stimme ihrer Schwiegermutter Sabine Walter, tief, bestimmt, mit jenem eigentümlichen Druck, der immer dann in ihr Sprechen kam, wenn sie etwas verteilte, entschied oder das Leben anderer Leute für unvernünftig erklärte. — Da fällt weniger Licht hinein. Außerdem geht das Fenster zum Hof. Für Kinder wird es dort später zu eng.
— Mama, welche Kinder denn jetzt? — Christina Sommer schnaubte. — Ich sage doch: Erst ziehe nur ich hier ein. Dann sieht man weiter. Hier wäre es für mich praktischer. Näher an der Küche. Laura ist ja sowieso fast nie zu Hause.
Laura schloss langsam die Tür hinter sich. Das Einrasten des Schlosses war nicht laut, aber sie selbst nahm es deutlich wahr. Den Koffer ließ sie an der Wand stehen, den Mantel behielt sie an, und dann ging sie den Flur entlang, mit leisen, gleichmäßigen Schritten.
Das Wohnzimmer war vom Tageslicht erfüllt. Der Tisch, den Laura am Morgen vor ihrer Dienstreise leer zurückgelassen hatte, war nun übersät mit fremden Taschen, Essensbehältern, einer Kosmetiktasche und zusammengerollten Papierbögen. Auf dem Sofa lag eine ausgebreitete Decke. Über der Sessellehne hing ein bunter Schal. Und als reichte das nicht, stand auf dem Couchtisch eine Tasse mit einem Teebeutel darin, daneben ein Teller mit aufgeschnittenem Käse und Brot, als hätten die selbsternannten Hausherrinnen zwischen zwei organisatorischen Entscheidungen eine kleine Pause eingelegt.
Mitten im Zimmer hockten Sabine Walter und Christina Sommer über etwas, das sie auf dem Boden ausgebreitet hatten. Es waren karierte Blätter, auf denen hastig ein Grundriss der Wohnung skizziert worden war. Die Räume waren mit Kugelschreiber umrandet, daneben standen Notizen.
Laura blieb im Türrahmen stehen und sagte kein Wort.
Sabine Walter, in einem grauen Kostüm, saß in der Hocke und hielt mit der Handfläche ein Blatt fest, damit es sich nicht wieder zusammenrollte. Christina, nach der Fahrt zerzaust, in Haussocken und einem weiten Pullover, räumte Dinge aus einer Tasche aufs Sofa. Dort lagen bereits ihre Jeans, ein flaches Necessaire, ein Ladekabel, irgendein Notizbuch und eine durchsichtige Mappe mit Unterlagen.
— Ich habe dir gleich gesagt, das kleine Zimmer sollte man besser als Kinderzimmer oder Arbeitszimmer freihalten, — erklärte Sabine Walter, ohne den Kopf zu heben. — Für euch wäre das rechte Zimmer sinnvoller. Da steht schon ein Schrank. Das macht weniger Arbeit.
— Und was bekommt Laura dann? — Christina verzog den Mund zu einem Lächeln, das die Frage vollständig ihrer Bedeutung beraubte. — Etwa das große? Das wäre ein bisschen zu großzügig.
— Nicht großzügig, sondern logisch, — verbesserte ihre Mutter sie. — Eine Ehefrau braucht ihren Mann in der Nähe. Also sollen sie im Durchgangszimmer bleiben. Es ist ja ohnehin nur vorläufig. Später, wenn Daniel Friedrich alles ordentlich geregelt hat, kann man immer noch anders darüber nachdenken.
Christina gab ein kurzes, spöttisches Geräusch von sich.
— Er hätte das längst geregelt, wenn sie sich nicht so querstellen würde. Man sieht doch, dass sie sich an jeden Nagel klammert.
— Genau deshalb muss man ruhig vorgehen, — sagte die Schwiegermutter in ihrem gewohnten belehrenden Ton. — Nicht mit der Tür ins Haus fallen. Frauen wie sie tun immer so, als hätten sie alles selbst in der Hand. Aber irgendwann gewöhnen sie sich. Wichtig ist nur: hineinkommen, sich festsetzen und keine Hektik machen.
Christina nickte, als ginge es um eine harmlose Alltagsfrage, etwa darum, wo man Winterkleidung lagert oder welche Vorratsgläser in welchen Schrank gehören.
— Ich glaube, in diesem Zimmer wäre es für mich am bequemsten, — sagte sie lauter und hob eines der Blätter vom Boden auf. — Der Balkon ist gleich daneben. Falls nötig, stelle ich den Wäscheständer dort hinaus. Und Laura kann ihre Arbeit meinetwegen in die Küche schleppen. Sie sitzt doch ohnehin dauernd mit ihrem Laptop irgendwo herum.
— Fang nur nicht sofort an, dich mit ihr zu streiten, — fügte Sabine Walter hinzu. — Lächle. Sag, es sei nur für eine Weile. Sag, du hättest es allein schwer. Sag, dein Bruder habe dich nicht abweisen können. Zuerst wird sie das Gesicht verziehen, dann wird sie sich damit abfinden. Solche Menschen wehren sich meistens nur mit Worten.
Christina lachte.
— Und wenn nicht?
— Wohin sollte sie denn gehen? Ihr Mann ist hier, die Familie ist hier. Sie wird doch nicht auf die Straße laufen.
Laura stand da, ohne sich zu rühren. Kein einziges Wort glitt an ihr vorbei. Jedes sank kalt und präzise in sie hinein, wie ein kleiner Stein ins Wasser; nur breiteten sich die Kreise nicht an der Oberfläche aus, sondern tief in ihrem Inneren.
Vor fünf Jahren hatte sie diese Wohnung gekauft. Allein. Nicht durch Zufall, nicht mit der Hilfe anderer, nicht dank eines glücklichen Umstands. Sie hatte sie sich nach acht Jahren Arbeit, Mietwohnungen, dauerndem Sparen an Kleinigkeiten und der Angewohnheit, jede Entscheidung zweimal durchzurechnen, leisten können. Als sie und Daniel Friedrich geheiratet hatten, war er zu ihr gezogen. Darüber hatte es keine Diskussion gegeben. Er hatte noch ein Zimmer in der Wohnung seiner Eltern, wo er weiterhin gemeldet war. Sie dagegen hatte ihr eigenes Zuhause, ihren eigenen Raum, ihre eigenen Schlüssel und dieses stille Gefühl von Halt, das man nicht erklärt, weil man es sich hart verdient hat.
Laura hatte Daniel Friedrich mehr als einmal gesagt: Zusammenzuleben ist das eine; die Grenzen des eigenen Lebensraums verschwimmen zu lassen, ist etwas völlig anderes.
