Dann meldete sich Sophie.
„Mama, bist du eigentlich völlig verrückt geworden? Papa hat kein Auto mehr. Er behauptet, du hättest ihn bei der Bank auflaufen lassen. Stimmt das?“
„Ja, mein Kind. Das stimmt.“
„Aber Mama … er ist doch mein Vater. Er weint.“
„Sophie, ich liebe dich sehr. Aber über dieses Thema werde ich mit dir nicht verhandeln. Dein Vater bleibt er dein Leben lang. Mein Ehemann ist er nicht mehr. Seine Rechnungen sind seine. Meine sind meine.“
Am anderen Ende blieb es still. Schließlich sagte sie leise:
„Du bist irgendwie anders geworden.“
„Nein“, antwortete ich. „Ich bin zum ersten Mal seit zweiunddreißig Jahren wieder ich selbst.“
Dann beendete ich das Gespräch.
Der zweite Schuss hatte also getroffen. Und ehrlich gesagt wusste ich in diesem Moment nicht, ob ich mich darüber freuen durfte. Denn meine Tochter schluchzte ins Telefon.
Ein Jahr verging.
Von Alexander Beck erfuhr ich nur Bruchstücke. Meist über Sophie. Sie rief weiterhin an, auch wenn sie ab Oktober nicht mehr „Papa“ sagte, sondern nur noch „er“.
Den Toyota holte man ihm bereits im März ab. Isabella Braun wollte nicht für ihn bürgen. Sie habe sich nicht mit ihm eingelassen, sagte sie, um am Ende seine Schulden zu bezahlen. Geheiratet haben die beiden übrigens nie. Sie lebten in ihrer gemieteten Einzimmerwohnung am Stadtrand, und nach allem, was Sophie erzählte, wurde es dort von Monat zu Monat unerträglicher.
Im August setzte Isabella ihn vor die Tür.
Es war ein Mittwochabend, als Sophie mich anrief. Sie weinte.
„Mama, er ruft mich dauernd an. Er sagt, er weiß nicht, wohin. Keine Wohnung, kein Auto, Isabella hat seine Taschen rausgestellt. Sie soll gesagt haben: ‚Ich kann nicht länger mit einem Mann leben, der nur Schulden hat.‘“
Ich saß in der Küche und schälte Kartoffeln. Eine Portion, wie inzwischen immer. Seit ich allein war, kochte ich nur noch für mich. Es blieb nichts übrig, nichts verdarb, und selbst Kartoffeln brauchte ich weniger.
„Mama? Hörst du mir überhaupt zu?“
„Ja. Ich höre dich.“
„Er will zurück. Nur vorübergehend, sagt er.“
Ich sah auf die geschälten Kartoffeln in der Schüssel, dann auf das Messer in meiner Hand. Meine Finger zitterten nicht.
„Sophie, richte ihm bitte etwas von mir aus. Sag ihm, ich könne nicht länger mit einem Rentner zusammenleben.“
„Mama!“
„Das sind seine Worte, Sophie. Nicht meine. Seine ganz eigenen.“
Wieder Schweigen. Diesmal dauerte es lange.
„Du bist hart geworden“, sagte sie irgendwann.
„Vielleicht.“
„Du müsstest ihn sehen. Alte Jacke, eine Tüte mit Sachen in der Hand. Wie ein Obdachloser.“
„Ich habe ihn zweiunddreißig Jahre lang gesehen, Sophie. In allen möglichen Zuständen. Im guten Anzug und in der Jogginghose. Jetzt bin ich an der Reihe zu leben. Nicht dazu, am Fenster zu stehen und zuzusehen, wie er mit einer Plastiktüte vor meiner Tür wartet.“
Sie legte auf.
Ich schälte die Kartoffeln zu Ende. Dann setzte ich den Topf auf den Herd und machte den Fernseher an. Lauter, als ich es früher je gewagt hätte, weil Alexander das nie leiden konnte.
Es lief irgendeine Serie. Ich sah nicht hin. Ich lauschte nur den Stimmen, die die Räume füllten. Meine Räume. Meine Wohnung. Vom Türrahmen bis zur Fußleiste, von der Küche bis zum Schlafzimmer: alles meins.
Etwa zwei Stunden später begann mein Handy auf dem Tisch zu vibrieren. Alexanders Nummer. Ich beobachtete, wie das Gerät über die Tischplatte kroch, ganz langsam zum Rand hin. Ein Anruf. Ein zweiter. Ein dritter.
Ich nahm nicht ab.
Auch nicht beim vierten, fünften oder sechsten Mal. Bis Mitternacht rief er insgesamt sechsmal an. Ich zählte mit. Alte Buchhaltergewohnheit.
Am nächsten Tag schrieb Sophie mir im Messenger: „Er schläft bei uns. Nur vorübergehend.“ Ich antwortete: „In Ordnung, mein Schatz. Pass gut auf dich auf.“ Mehr nicht.
Seitdem sprechen wir kaum noch darüber. Sophie ist kühl zu mir, aber sie bleibt meine Tochter. Sie sagt, ich hätte die Familie zerstört. Ich sage, zerstört hat sie derjenige, der an einem Samstag ging und zwei Frikadellen auf dem Tisch zurückließ. In diesem Punkt werden wir uns nicht einig.
Von Alexander hörte ich später, er habe eine Stelle als Nachtwächter auf einer Baustelle angenommen. Er wohnt wohl in einem Baucontainer. Isabella Braun hat inzwischen einen anderen geheiratet, irgendeinen Geschäftsführer eines Autohauses. Auf Instagram zeigt sie ständig neue Fotos davon.
Und ich trinke morgens meinen Tee aus der Tasse mit den Vergissmeinnicht. Ich koche für eine Person. Vor Kurzem habe ich mir einen neuen Morgenmantel gekauft. Nicht blau, sondern grün, mit großen Knöpfen. Ich habe ihn selbst ausgesucht, im Laden vor dem Spiegel anprobiert und mitgenommen.
Im Spiegel stand eine Frau von vierundfünfzig Jahren. Graue Strähnen an den Schläfen. Brille auf der Nase. Keine Rentnerin. Nur eine Frau, die endlich niemandem mehr etwas schuldet.
Darum frage ich euch jetzt, ihr Lieben.
Sophie redet fast nicht mehr mit mir. Die Nachbarin, Franziska Koch, sagte gestern im Aufzug: „Julia Möller, vergib ihm doch. Er ist nun mal ein Mann, bei Männern kommt so etwas vor.“ Die Buchhalterin aus der Arbeit meinte: „Julia Pawlowna, denken Sie doch an Ihre Tochter, sie sitzt zwischen allen Stühlen.“ Und meine eigene Schwester aus Nürnberg rief an und sagte: „Julia, er hat kein Dach über dem Kopf. Nimm ihn wenigstens über den Winter auf.“
Aber ich tue es nicht.
War ich damals zu weit gegangen mit der Bank und dieser Bürgschaft? Oder war es genau richtig, nach zweiunddreißig Jahren Wäschewaschen, zwei Frikadellen und dem Wort „Rentnerin“?
Wie hättet ihr gehandelt? Hättet ihr den Mann wieder hereingelassen, den ihr ein Jahr zuvor mit einem Müllsack verabschiedet habt?
