„Was ist hier los, mein Sohn? Warum ist das Schloss herausgebrochen, und wieso ist die Scheibe kaputt? Hat etwa diese unerzogene Gans hier alles verwüstet?“, kreischte die Schwiegermutter.
„Du undankbares Biest! Du Nichtsnutz!“ Maria Albrecht stürmte in die Wohnung, als hätte ein Sturm die Tür aufgerissen. Alles, was ihr im Weg stand, schob sie zur Seite. Ihre schrille, schneidende Stimme füllte den engen Flur bis in den letzten Winkel. „Ich habe es gewusst! Ich wusste, dass das nicht gut ausgehen kann!“
Doch einen Moment. Woher kam dieser Zorn? Was war in der Stunde geschehen, bevor die Schwiegermutter wieder einmal mit Vorwürfen in ihr Leben hineinplatzte?
Es hatte so begonnen.
Sophie Bergmann stand mitten im Wohnzimmer und blickte auf die Glasscherben. Große Splitter, winzige Stückchen, überall auf dem Parkett verstreut, kalt glänzend wie gefrorene Tränen. Das Fenster klaffte vor ihr wie eine offene Wunde, und durch die Lücke drang der unbarmherzige Oktoberwind herein.

Der Vorhang schlug gegen den Rahmen und verursachte ein leises, trockenes Klatschen. Das Türschloss hing nur noch an einer einzigen Schraube. Man sah sofort, dass jemand versucht hatte, es aufzubrechen — grob, hastig, ohne jede Vorsicht.
Sophie weinte nicht. Ihre Tränen waren bereits am Morgen versiegt, als Alexander Möller gegangen war und die Tür so heftig hinter sich zugeschlagen hatte, dass die Wände bebten. Jetzt war in ihr nur noch Leere. Schwer, dumpf, wie nasser Sand.
„Was ist hier los, mein Sohn? Warum ist das Schloss kaputt, und weshalb ist die Scheibe eingeschlagen? Hat diese freche Person das angerichtet?“ Genau so würde Maria Albrecht in wenigen Minuten loslegen. Sophie ahnte allerdings noch nicht, dass ihre Schwiegermutter bereits unterwegs war und in ihrem alten Opel durch die Straßen hetzte.
Sie wusste auch nicht, dass die Nachbarin, die unverbesserliche Klatschtante Johanna Otto, längst zum Telefon gegriffen hatte. Vor Empörung fast erstickend, hatte sie Maria Albrecht berichtet:
„Bei denen passiert etwas Schreckliches! Lärm, Krachen, alles scheppert! Bestimmt macht diese Schwiegertochter wieder einen Aufstand!“
Sophie ließ sich auf das Sofa sinken, das sie vor fünf Jahren gemeinsam mit Alexander ausgesucht hatte. Damals hatte sie geglaubt, alles werde gut. Damals hatte er sie angesehen, als gäbe es auf der ganzen Welt nur sie. Und jetzt?
Sie fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Ihre Wange brannte noch immer an der Stelle, an der er… Nein, geschlagen hatte er sie nicht. Er hatte sie nur weggestoßen, als sie sich ihm in den Weg gestellt hatte.
„Geh zur Seite, Sophie! Ich habe genug!“, hatte er sie angefahren. In seinen Augen lag dabei etwas Fremdes, etwas, das sie nicht kannte. Müdigkeit? Wut? Gleichgültigkeit? Sie konnte es nicht deuten.
„Ich bin nicht schuld“, flüsterte sie in die Stille hinein. „Ich kann wirklich nichts dafür.“
Aber wer hätte sie hören sollen? Nicht sie hatte das Fenster eingeschlagen. Nicht sie hatte das Schloss zerstört. Das alles war Maximilian Huber gewesen, Alexanders Bruder, der zwei Stunden zuvor betrunken, mit roten Augen, in die Wohnung geplatzt war und verlangt hatte, dass man ihm „schnell etwas Geld leihe“.
Sophie hatte Nein gesagt. Sie hatten kein Geld übrig, und Alexander hatte ihr ausdrücklich verboten, seinem Bruder auch nur einen Cent zu geben, seit dieser ihre Ersparnisse vertrunken hatte. Maximilian war außer sich geraten. Er hatte gebrüllt, sie beschimpft, sie mit schmutzigen Worten überschüttet.
Dann versuchte er, ihr die Handtasche zu entreißen. Darin lagen dreißig Euro — für Lebensmittel und die Nebenkosten. Sophie hielt die Tasche fest. Maximilian stieß sie zurück, sie verlor das Gleichgewicht und schlug mit dem Ellbogen gegen den Couchtisch. Die Vase mit den künstlichen Blumen rollte über den Boden.
Danach verschwamm alles ineinander. Alexander kam früher nach Hause als erwartet; sein Chef hatte ihn eher gehen lassen. Kaum trat er ein, sah er die Szene: den betrunkenen Bruder, seine Frau am Boden, die Scherben der zerbrochenen Vase. Doch statt sich erklären zu lassen, was passiert war, fuhr er Sophie an:
„Hast du ihn schon wieder provoziert? Konntest du nicht einmal normal mit ihm reden?“
Maximilian spielte natürlich sofort das beleidigte Opfer.
„Alex, Bruder, sie wollte mich rauswerfen! Sie hat gesagt, für mich sei hier kein Platz! Deinen eigenen Bruder würde sie auf die Straße setzen!“
Sophie versuchte, die Wahrheit zu erklären. Aber Alexander hörte ihr nicht zu. Er stand sonst an ihrer Seite — bis es um seine eigene Familie ging. Um seine Mutter. Um seinen Bruder. In solchen Augenblicken wurde Sophie plötzlich zur Fremden.
„Du bist immer gegen meine Familie!“, platzte es aus ihm heraus. In diesem Satz steckte so viel angestauter Groll, dass Sophie kaum Luft bekam. „Meine Mutter hat recht. Du denkst nur an dich.“
