Von wegen junger Mann. Für sie war er natürlich „jung“, weil er zahlte. Und zahlen tat er, nebenbei bemerkt, mit meinem Geld. In den letzten drei Jahren hatte Alexander Beck mir nämlich nur noch die halbe Summe seines Gehalts aufs Haushaltskonto überwiesen. Der Rest verschwand angeblich „für Sprit und Mittagessen“.
In meinen Schläfen begann es zu pochen. Nicht im Herzen, nein, genau dort, an den Schläfen. Trocken, hart, als hätte jemand in meinem Kopf mit den Fingern geschnipst.
„Alexander, geh bitte. Und nimm deine Dame mit. Die Unterlagen bekommst du. Über das Gericht.“
„Spinnst du jetzt völlig?“
„Über das Gericht, Alexander. Ab jetzt läuft alles über das Gericht. Deine Hemden, deine Socken und auch die Hälfte der Wohnung, die dir angeblich zusteht. Mit Liste, Stempel und Unterschrift.“
Isabella Braun stieß ein kurzes, verächtliches Lachen aus.
„Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass Sie da irgendetwas einklagen können? Die Wohnung läuft auf seinen Namen.“
„Junge Frau“, sagte ich und wandte mich ihr zu. Offenbar lag etwas in meiner Stimme, denn sie machte unwillkürlich einen Schritt zurück. „Gehen Sie auf den Flur. Ich spreche mit meinem Mann. Rein formal ist er das nämlich noch.“
Alexander packte sie am Ärmel. Sie verschwand ins Treppenhaus, er blieb stehen.
„Julia, mach jetzt keinen Unsinn. Wir können das doch vernünftig regeln.“
„Können wir. Nur bedeutet vernünftig nicht: Gib mir Wohnung und Pass. Vernünftig heißt: Wir rechnen aus, wer was eingebracht hat, und teilen danach auf. Wollen wir rechnen?“
Er sagte nichts.
„Willst du nicht. Gut. Dann rechne ich eben allein. Darin bin ich ziemlich gut, wie du weißt.“
Ich machte die Tür hinter ihm zu. Einmal den Schlüssel gedreht. Dann noch einmal. Danach lehnte ich mich mit dem Rücken gegen das Türblatt.
In der Wohnung war es still. Nur aus der Küche brummte der Kühlschrank, genau wie immer. Es roch nach Borschtsch, den ich seit Samstag nicht aufgegessen hatte.
Ich rutschte an der Tür hinunter und blieb auf dem Boden sitzen. Fünf Minuten vielleicht. Ich weinte nicht. Ich saß nur da und rechnete im Kopf: siebenundzwanzigtausend, dazu die Renovierung von 2012, noch einmal viertausend, die Küche 2015 – zweitausendeinhundert, der Balkon 2019 …
Die Buchhalterin in mir arbeitete. Die Ehefrau schwieg.
Dann stand ich auf, nahm das Telefon und rief einen Schlüsseldienst. Nach einer Stunde war der Mann da und tauschte den Schließzylinder aus. Dreiundzwanzig Euro. Ich trug es in mein Ausgabenheft ein. Alte Gewohnheit.
Am Abend meldete sich meine Tochter.
„Mama, Papa sagt, du lässt ihn nicht rein.“
„Stimmt.“
„Mama, aber er ist doch …“
„Sophie, ich bitte dich um eines: Misch dich nicht ein. Bitte. Ich kümmere mich selbst darum.“
Am anderen Ende wurde es still. Dann sagte sie leise:
„In Ordnung, Mama.“
Und dieses „in Ordnung“ war das Erste seit einer Woche, das mich innerlich wärmte.
Zwei Wochen später kam die gerichtliche Ladung.
„Klage auf Aufteilung des während der Ehe erworbenen Vermögens.“ Alexander Beck verlangte die Hälfte der Wohnung, die Hälfte eines Ferienhauses – das wir übrigens gar nicht besaßen, er hatte es wohl der Wirkung wegen hineingeschrieben – und aus irgendeinem Grund auch noch „Schmerzensgeld“ dafür, dass ich die Schlösser hatte auswechseln lassen.
Ich las das Schreiben und musste, ehrlich gesagt, lachen. Zum ersten Mal seit einem Monat.
Danach suchte ich mir eine Anwältin. Keine Bekannte, Bekannte reden zu viel, sondern eine völlig Fremde aus einer Anzeige. Eine Frau um die vierzig, grauer Blazer, ruhiger Blick. Sie hieß Nicole Lang.
Ich legte ihr eine Mappe auf den Tisch. Genau jene Mappe, die ich achtzehn Jahre lang gefüttert hatte. Berufskrankheit: Eine Buchhalterin wirft nichts weg.
„Erbschein aus dem Jahr 2007“, sagte ich und zog ein Blatt nach dem anderen hervor. „Bankauszug über den Eingang von siebenundzwanzigtausend Euro auf meinem Konto. Kaufvertrag für die Wohnung über exakt denselben Betrag, im selben Monat abgeschlossen. Sämtliche Belege für die Renovierung seit 2012. Rechnungen für die Küche. Vertrag mit der Firma, die den Balkon gemacht hat. Zahlungsnachweise für die Nebenkosten, die ich, nebenbei bemerkt, in den letzten sechs Jahren allein von meinem Gehalt bezahlt habe. Fünfhundertachtzig Euro monatlich, während er in seine Beziehungen investierte.“
Nicole Lang blätterte schweigend durch die Unterlagen. Schließlich hob sie den Blick.
„Frau Möller, weshalb haben Sie das alles aufbewahrt?“
„Ich bin Buchhalterin“, antwortete ich. „Ich bewahre alles auf.“
Sie lächelte. Warm und ehrlich, als säße zum ersten Mal jemand vor ihr, der nicht mit leeren Händen gekommen war.
„Ihre Ausgangslage ist sehr stark. Ich denke, wir holen Ihnen nicht die Hälfte zurück, sondern die Wohnung insgesamt.“
Ich nickte. Dann fiel mir noch etwas ein.
„Frau Lang, da gibt es noch einen Punkt. Ich bin Bürgin für seinen Autokredit. Seit 2022. Ein Toyota, Laufzeit drei Jahre, elf Monate sind noch offen. Kann ich da irgendwie heraus?“
Sie dachte einen Moment nach.
„Einseitig lässt sich eine Bürgschaft nicht einfach streichen. Aber wir können die Bank über eine wesentliche Veränderung der Umstände informieren, nämlich über die Scheidung. Sehr wahrscheinlich wird die Bank von ihm entweder einen neuen Bürgen verlangen oder die vorzeitige Rückzahlung. Wenn er weder das eine noch das andere vorweisen kann, hat die Bank Handhabe.“
