— Ich zahle es doch zurück!
— Andreas, du zahlst nicht zurück. Du kündigst es an. Das sind zwei völlig verschiedene Disziplinen.
Er schob den Stuhl zurück und stand auf.
— Weißt du was? Genau deshalb wollte ich diese Trennung. Damit du nicht in meinen Ausgaben herumwühlst. Ich bin ein erwachsener Mann.
— Ein erwachsener Mann versteckt keine Kreditkarte wie ein Schüler eine Fünf in Mathe.
— Und eine erwachsene Ehefrau kommandiert ihren Mann nicht herum, als wäre er Praktikant in ihrer Zahnarztpraxis!
— Die Praktikanten dort wissen wenigstens, wo die Überschuhe liegen.
Jonas Krause, der mit seinem Rucksack im Flur gesessen hatte, sagte leise:
— Ich glaube, ich gehe zu Viktor. Bei denen zu Hause schweigen die Eltern sich einfach nur an. Die Atmosphäre ist irgendwie stabiler.
— Du bleibst hier, — sagten beide Eltern gleichzeitig.
Jonas hob ergeben die Hände.
— Seht ihr? Bei entscheidenden Fragen funktioniert eure Haushaltsgemeinschaft tadellos.
Andreas knallte eine Schranktür zu und verschwand auf den Balkon, angeblich um Luft zu schnappen, in Wahrheit, um zu rauchen, obwohl er seit vier Jahren „eigentlich aufgehört“ hatte. Nicole blieb in der Küche zurück. Auf dem Tisch lagen der Kassenzettel für das „Premiumfutter“, die Rechnung für Jonas’ Sportkurs, ihr Einkaufszettel in winziger, ordentlicher Schrift und das Handy mit einer Nachricht von Emily Schulz: „Mama, streitet euch bitte nicht. Ich kann mir wirklich was von den Mädchen leihen.“
Nicole schrieb zurück: „Du leihst dir nichts. Konzentrier dich aufs Lernen.“
Dann spürte sie, wie in ihr ein trockener, kalter Zorn hochstieg. Nicht der laute, bei dem Teller fliegen und Türen zittern. Schlimmer. Einer, der sorgfältig Knöpfe schließt, Tassen spült, beim Sohn die Hausaufgaben kontrolliert und nachts mit offenen Augen daliegt, während er statt Schäfchen fremde Kränkungen zählt.
Am Samstag beschloss Andreas, seine hauswirtschaftliche Unabhängigkeit unter Beweis zu stellen, und erklärte, er werde das Abendessen übernehmen.
— Ohne deine Kommentare, — stellte er gleich klar. — Ich kriege das allein hin.
— Dann koch. Aber danach machst du den Herd sauber. Fettspritzer auf den Fliesen gelten nicht als Inneneinrichtung.
Er brachte Schweinefleisch mit, eine tiefgekühlte Gemüsemischung und eine Flasche Soße „kaukasische Art“. Zwanzig Minuten später roch die Küche nach verbranntem Knoblauch und nach aufkommender Panik.
— Nicole! — rief er. — Salzt man Fleisch vorher oder hinterher?
— Wenn man es ruinieren will?
— Sehr witzig.
— Andreas, du wolltest doch ohne Hilfe kochen.
— Ich frage nicht nach einem Rezept. Ich kläre nur einen technischen Ablauf.
— Technisch gesehen hast du aus dem Schwein schon eine Schuhsohle gemacht. Vor Salz brauchst du dich jetzt nicht mehr zu fürchten.
Wortlos zog er die Küchentür zu. Zehn Minuten danach kam Jonas heraus, schnupperte und fragte:
— Papa, ist das Abendessen oder eine Feuerwehrübung?
— Gegessen wird, was auf den Tisch kommt.
— Ich wollte nur wissen, ob man das kauen oder als Beweismittel einreichen soll.
Am Ende aßen sie das Schweinefleisch mit Ketchup, schwiegen viel und knackten auf halb rohen Karotten herum. Nicole nahm zwei Gabeln, bedankte sich höflich und goss sich ein Glas Kefir ein.
— Das machst du extra, oder? — fragte Andreas.
— Was mache ich extra?
— So tun, als könnte man das nicht essen.
— Andreas, ich spiele nichts vor. Ich schone nur meine Zähne. Ja, ich bekomme in der Praxis Rabatt, aber nicht für derartige Dummheiten.
— Immerhin habe ich mir Mühe gegeben.
— Mühe ist schön. Aber ein Abendessen ist kein Aufsatz in der fünften Klasse. Der Magen vergibt keine Note für Anstrengung.
Er wollte etwas Scharfes erwidern, schluckte es jedoch hinunter. Sein Blick wanderte zur Pfanne, zu den Fettflecken an den Kacheln, zum Spülbecken voller Geschirr. Plötzlich sagte er müde:
— Machst du das jeden Tag so?
— Was?
— Überlegen, was man kauft. Wie man es kocht, damit es reicht. Damit nichts verdirbt. Damit alle etwas essen. Damit für morgen auch noch was übrig bleibt.
— Natürlich nicht. Manchmal überlege ich, ob ich in den Wald ziehen und bei Eichhörnchen leben soll. Die sammeln ihre Nüsse wenigstens selbst.
Fast hätte er gelächelt, doch in diesem Moment klingelte sein Handy. Andreas sah aufs Display und drückte den Anruf sofort weg.
Nicole bemerkte es.
— Wer war das?
— Arbeit.
— Samstagabend?
— Unsere Monteure sind schwer von Begriff. Die haben dauernd Fragen.
Das Handy vibrierte erneut. Andreas griff danach und ging ins Treppenhaus hinaus.
Nicole lief ihm nicht nach. Sie gehörte nicht zu den Frauen, die ihr Ohr an Türen pressen. Sein Gesicht hatte genügt. So sehen keine Männer aus, denen ein Monteur eine Schraubenfrage stellt. So sehen Männer aus, die an Schulden, an Lügen oder an eine Frau erinnert werden, deren Name zu Hause besser nicht fällt.
Nach fünf Minuten kam er zurück.
— Alles in Ordnung? — fragte sie.
— Ja.
— Haben die Monteure es begriffen?
— Haben sie.
— Erstaunlich, wie schnell eure Dummen klug werden.
— Nicole, fang nicht an.
— Ich fange nicht an. Ich merke mir nur Dinge.
Er sah sie misstrauisch an.
— Was für Dinge?
— Tonfälle.
— Du hättest Ermittlerin werden sollen.
— Nein. Ermittler bekommen dafür Gehalt. Ehefrauen machen es gratis, aus Liebe und aus Ausweglosigkeit.
Nach diesem Anruf veränderte sich etwas in Andreas. Er klammerte sich noch sturer an seinen getrennten Haushaltsetat, aber die heitere Angeberei war verschwunden. Er stellte nicht mehr stolz Wurstaufschnitt auf den Tisch, hielt keine Vorträge mehr über Gerechtigkeit und sagte auch nicht mehr „mein Geld“. Stattdessen zählte er Wechselgeld, verzichtete auf Kaffee an der Tankstelle und nahm belegte Brote mit zur Arbeit. Die machte er sich sogar selbst: Brot, Käse, Gurke, Wurstscheiben so dünn wie eine Beleidigung.
Nicole beobachtete ihn und schwieg. Schweigen in einer Familie kann furchterregender sein als Streit. Ein Streit zeigt wenigstens, wo der Schlag getroffen hat. Schweigen lässt den blauen Fleck innen entstehen.
Am Montag fand sie in der Tasche seiner Jacke einen Pfandschein. Sie hatte nicht danach gesucht. Sie leerte nur die Taschen vor dem Waschen. Auf dem Zettel stand: „Pfandgegenstand: goldener Siegelring. Auszahlungsbetrag: 180 €.“
Den Ring hatte Andreas von seinem Vater bekommen, als er seine erste anständige Stelle antrat. Ein schweres, geschmackloses Ding mit dunklem Stein, aber Andreas hatte daran gehangen. Er trug ihn selten, nur zu Hochzeiten und Beerdigungen. Nicole stand neben der Waschmaschine und starrte auf den Schein, bis Jonas aus dem anderen Zimmer rief:
— Mama, wo ist das Ladekabel vom Laptop?
— Schau in deinem Zimmer nach.
Ihre Stimme klang ruhig. Zu ruhig.
Am Abend legte sie den Pfandschein vor Andreas auf den Tisch.
— Erklär das.
Er wurde blass.
— Durchsuchst du jetzt meine Taschen?
— Ich mache Wäsche. Das ist eine andere Tätigkeit. Erklär es, Andreas.
— Das ist mein Ring.
— Ich habe nicht gefragt, wem er gehört. Ich frage, wofür.
— Ich brauchte Geld.
— Wofür?
— Für etwas Persönliches.
— Für etwas Persönliches verpfändest du ein Andenken an deinen Vater?
— Nicole, setz mich nicht unter Druck.
— Ich habe noch nicht einmal angefangen. Bisher liegt nur ein Stück Papier auf dem Tisch. Druck kommt erst, wenn ich sicher bin, dass du lügst.
Er setzte sich und rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht.
— Ich kann es nicht sagen.
— Dann gebe ich dir ein paar Möglichkeiten. Erstens: die Kreditkarte. Zweitens: eine Frau. Drittens: irgendein idiotischer Schlamassel. Viertens: alles zusammen, weil das Leben gern Zeit spart.
— Ich habe keine Frau.
— Schade eigentlich. Eine Frau würde wenigstens fremdes Parfum erklären. Bei uns riecht es nur nach billigem Pfandhaus und deiner Feigheit.
— Pass auf, was du sagst.
— Pass du lieber auf deine Schulden auf.
Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
— Was weißt du denn schon? Glaubst du, ich habe das alles aus Spaß angefangen? Meinst du, es macht mir Freude, Klopapier abzuzählen und mir meine eigene Seife separat zu kaufen? Ich bin kein Idiot, Nicole!
— Dann benimm dich nicht wie einer und sag die Wahrheit.
Er schwieg.
— Andreas.
— Ich kann nicht.
— Kannst du nicht oder willst du nicht?
— Ich will dich da nicht hineinziehen.
Nicole lachte kurz auf, hart und bitter.
— Du lebst seit zweiundzwanzig Jahren mit mir zusammen. Wir haben zwei Kinder, eine gemeinsame Hypothek, eine Katze, die besser frisst als manche Menschen, und einen Balkon voller Bretter, die du „für alle Fälle“ aufhebst. Wohin willst du mich noch hineinziehen? Ich stehe längst mittendrin. Mit Putzlappen und Rechnungen in der Hand.
— Nicole …
— Wer hat am Samstag angerufen?
— Nicht wichtig.
— Doch.
— Meine Mutter.
Nicole erstarrte.
— Deine Mutter?
— Ja.
— Deine Mutter, die mir vor drei Monaten erklärt hat, ich würde ihrem Sohn die Luft zum Atmen nehmen?
— Ja, meine Mutter. Fang jetzt nicht mit ihr an.
— Ich habe noch gar nicht angefangen. Warum hat sie angerufen?
— Sie musste zu Untersuchungen. Privat. Dann Medikamente. Dann hatte ihr irgendeine Nachbarin einen Arzt in einem privaten Zentrum empfohlen. Sie ist hingegangen. Die haben ihr allerlei erzählt, sie bekam Angst. Sie brauchte Geld. Ich habe ihr welches gegeben.
— Wie viel?
— Erst hundert Euro.
— Und dann?
— Noch mal hundertfünfzig.
— Und danach hast du den Ring versetzt.
— Ja.
Nicole setzte sich langsam ihm gegenüber.
— Statt mir zu sagen: „Nicole, Mama braucht Hilfe“, veranstaltest du hier ein Theaterstück über finanzielle Souveränität?
— Du hättest sofort angefangen.
— Womit?
— Damit, dass sie manipuliert. Dass sie wieder auf Mitleid macht. Dass wir Emily haben, Jonas, die Hypothek. Dass Privatärzte Abzocke sind. Dass man erst zum Hausarzt gehen muss.
— Mit anderen Worten: Ich hätte vernünftige Dinge gesagt.
— Du hättest es so gesagt, als wäre ich ein kleiner Junge, der seiner Mutter das letzte Bonbon bringt.
— Und was bist du jetzt? Ein erwachsener Mann, der das Andenken an seinen Vater verpfändet und seine Frau belügt, weil Mama sonst gekränkt ist?
— Sie ist krank!
— Woran?
— Herz. Blutdruck. Ihr ist schwindelig.
— Welche Diagnose?
— Ich bin kein Arzt.
— Hast du Unterlagen gesehen?
— Sie hat gesagt …
— Andreas, sie ist siebzig. Reden kann sie. Besonders dann, wenn sie Geld braucht.
— Es reicht!
— Nein, es reicht nicht. Unsere Tochter saß ohne Laptop da, für Jonas’ Kurs musste bezahlt werden, und du finanzierst eine Privatklinik, in der man deiner Mutter womöglich nur Angst verkauft hat. Und das Ganze hast du mit deinem getrennten Budget zugedeckt, damit ich das Loch nicht sehe.
Er ballte die Hände zu Fäusten.
— Du hasst sie.
— Ich hasse sie nicht. Ich bin erschöpft davon, dass sie dich anruft und weint, und du kommst danach nach Hause und spielst Finanzminister. Ich bin müde davon, die Böse zu sein, nur weil ich rechnen kann. Wirklich müde, Andreas. Sehr.
Er wandte sich zum Fenster.
— Sie ist allein.
— Sie ist nicht allein. Sie hat einen Sohn. Nur hat dieser Sohn offenbar beschlossen, dass seine Frau kein Mensch an seiner Seite ist, sondern ein Hindernis zwischen ihm und dem Drama seiner Mutter.
Im Flur knarrte eine Tür. Jonas stand barfuß dort, in einem ausgeleierten T-Shirt.
— Oma schon wieder? — fragte er leise.
Andreas fuhr herum.
— Warum schläfst du nicht?
— Weil ihr so brüllt, dass Mimi sich unter der Badewanne versteckt hat. Papa, Oma hat mich auch angerufen.
Nicole sah ihren Sohn an.
— Wann?
— Am Donnerstag. Sie hat gesagt, ich soll es euch nicht erzählen. Sie bräuchte Geld für Infusionen und Papa sei sowieso schon überall verschuldet. Ich habe ihr zwanzig Euro überwiesen. Das Geld, das ich für neue Turnschuhe gespart hatte.
Andreas sackte förmlich in sich zusammen.
— Jonas …
— Ich dachte, es geht ihr wirklich schlecht. Sie hat geweint. Sie sagte: „Du bist doch mein großer Enkel, du verstehst das.“ Ich habe es verstanden. Jetzt laufe ich in alten Turnschuhen herum, die riechen wie ein Keller nach Starkregen.
Nicole schloss für einen Moment die Augen.
— Andreas, morgen fahren wir zu deiner Mutter. Alle zusammen. Und dann sehen wir uns die Unterlagen an.
— Sie mag es nicht, wenn man so bei ihr auftaucht.
— Und ich mag es nicht, wenn mein Sohn gemolken wird wie ein Geldautomat mit Pickeln.
— Mama, die Pickel sind fast weg.
— Für Dermatologie ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.
Am nächsten Tag fuhren sie zu dem alten fünfstöckigen Wohnblock am Stadtrand. Marlene Wolf öffnete ihnen im Morgenmantel und mit der Stimme einer kranken Kaiserin.
— Ach, da sind ja die Kontrolleure.
