— Andreas, ich hatte dich doch gebeten, Nicole nicht aufzuregen. Sie schaut ohnehin immer so, als wäre sie gekommen, um einen Laden wegen Hygienemängeln zu schließen.
Nicole zog wortlos die Stiefel aus.
— Marlene Wolf, zeigen Sie uns die ärztlichen Verordnungen.
— Welche Verordnungen denn? Ich habe Blutdruck. Mir geht es schlecht. Nachts bekomme ich kein Auge zu.
— Die Unterlagen vom Arzt.
— Was fährst du mich an wie eine Staatsanwältin? Ich habe einen Sohn. Der glaubt mir.
— Sie haben auch einen Enkel. Der hat Ihnen zwanzig Euro überwiesen. Gehört das ebenfalls zur Therapie, oder ist das schon die gemeinnützige Stiftung für Ihre Nervosität?
Marlene Wolf lief rot an.
— Jonas wollte seiner Oma von sich aus helfen!
Hinter Nicoles Rücken sagte Jonas:
— Oma, du hast gesagt, du könntest bis morgen früh tot sein.
— Das war bildlich gemeint!
— Um Mitternacht verstehe ich bildlich nicht besonders gut.
Andreas stand mitten im Flur wie jemand, der gekommen war, einen Ertrinkenden aus dem Wasser zu ziehen, und nun feststellte, dass der Betreffende trocken am Ufer saß und Eintrittskarten für seine Rettung verkaufte.
— Mama, — sagte er dumpf. — Wo sind die Quittungen? Wo ist der Arzt?
— Andreas, du glaubst mir also nicht?
— Doch. Genau deshalb frage ich.
— So weit hat deine Frau es gebracht. Mein eigener Sohn verlangt Rechenschaft von mir.
— Nicht meine Frau, — sagte er. — Das Pfandhaus. Ich habe Vaters Siegelring versetzt.
Marlene Wolf verstummte. Für einen winzigen Moment huschte etwas Echtes über ihr Gesicht. Keine Krankheit, keine Inszenierung, sondern Angst.
— Warum? — fragte sie fast tonlos.
— Damit ich dir Geld geben kann.
— Du bist ein Dummkopf, Andreas.
Nicole sagte trocken:
— Schön, wenn sich die Familie wenigstens in einem Punkt einig ist.
Marlene Wolf ließ sich auf den Hocker sinken.
— Ich habe das Geld nicht in die Klinik gebracht.
— Wohin dann? — fragte Andreas.
Sie schwieg und knetete den Saum ihres Morgenmantels zwischen den Fingern.
— Mama.
— Zu Julius.
— Zu welchem Julius?
— Julius Fuchs. Der Nachbar. Dritter Stock. Sein Sohn hatte Schwierigkeiten. Ein Auto kaputtgefahren. Er brauchte ganz dringend Geld. Er hat versprochen, es zurückzugeben.
Nicole drehte langsam den Kopf zu Andreas.
— Da ist er also. Unser privates Herzzentrum Julius Fuchs.
— Mama, ist das dein Ernst? — Andreas sprach so leise, dass es gerade dadurch unheimlich wurde. — Du hast mich um Geld für Medikamente gebeten und es dem Nachbarn gegeben?
— Er ist ein guter Mensch.
— Ein guter Mensch nimmt Geld von einer Rentnerin, die es sich von ihrem Sohn erbettelt?
— Er hat geweint.
— In diesem Land weint jeder zweite Mann, sobald er fremdes Geld braucht.
— Er zahlt es zurück.
— Wann?
— Wenn er die Garage verkauft hat.
Nicole kniff die Augen zusammen.
— Existiert diese Garage ungefähr dort, wo auch Ihre Untersuchung stattgefunden hat?
Marlene Wolf hob den Kopf.
— Wag es nicht, in diesem Ton mit mir zu reden.
— Und Sie wagen es nicht, meinen Mann und meinen Sohn anzulügen. Wir sind nicht reich. Wir sind keine Erdölquelle in Hausschuhen. Jeder Monat ist bei uns ein Hindernisparcours: Kreditrate zahlen, alle satt kriegen, nicht durchdrehen, dem Kind Turnschuhe kaufen und dabei so tun, als wäre das Leben normal. Und Sie veranstalten hier ein Drama, weil Julius Fuchs überzeugend schluchzen kann.
Andreas trat ans Fenster.
— Ich gehe hoch zu ihm.
— Nein, — sagte Marlene Wolf zu schnell. — Er ist bei der Arbeit.
— Am Wochenende?
— Er arbeitet in Schichten.
Nicole zog ihr Handy hervor.
— Jonas, geh zu den Nachbarn und frag, wo Julius Fuchs aus dem dritten Stock ist.
— Nicole, lass den Jungen da raus, — sagte Andreas.
— Er ist längst Teil dieser Finanzpyramide. Dann kann er sich auch ansehen, wie sie ohne Hochglanzpräsentation aussieht.
Jonas kam nach fünf Minuten zurück.
— Julius ist weg. Die Nachbarin hat gesagt, gestern hätten Möbelpacker sein Sofa rausgetragen, und heute Morgen ist er mit irgendeiner Frau ins Taxi gestiegen. Und sie hat noch gesagt: „Richtet Marlene aus, er schuldet allen Geld.“
Marlene Wolf bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.
Andreas setzte sich auf einen Stuhl. Eine ganze Weile sagte er gar nichts. Dann fragte er:
— Wie viel hast du ihm gegeben?
— Ich habe nicht mitgezählt.
— Wie viel, Mama?
— Dreihundertsiebzig.
— Von mir waren es zweihundertfünfzig. Von Jonas zwanzig. Woher kam der Rest?
— Aus meiner Rente. Und die Ohrringe habe ich verkauft.
— Papas Ohrringe?
— Das waren meine!
— Papa hat sie dir zum vierzigsten geschenkt.
Sie begann zu weinen. Diesmal klang es nicht hübsch, nicht rund, nicht wie ein geübter Auftritt. Es war ein hässliches, altes Weinen, brüchig und schamlos. Nicole sah sie an und empfand keinen Triumph. Ein Sieg ist es, wenn man beweist, dass man recht hatte. Hier aber lag dieses Recht im Zimmer wie ein zerbrochenes Glas Marmelade: klebrig, schmutzig und für niemanden mehr süß.
— Marlene Wolf, — sagte Nicole leiser. — Warum haben Sie uns das nicht gleich gesagt?
— Weil ihr gesagt hättet, ich sei eine alte Närrin.
— Das denke ich auch jetzt noch. Aber wenn Sie es sofort erzählt hätten, hätten wir Polizei, eine Anzeige und Zeugen gehabt. Stattdessen haben wir ein Pfandhaus und das Geld eines Kindes.
Marlene Wolf sah auf.
— Polizei? Aber er hat doch versprochen …
— Er ist ausgezogen, — sagte Andreas. — Seine Versprechen sind mit ihm im Taxi weggefahren.
Auf dem Revier verbrachten sie drei Stunden. Der Beamte vom Dienst hörte müde zu, seufzte, tippte mit einem Finger und murmelte:
— Solche Julius-Fuchs-Typen produziert hier gefühlt jedes Treppenhaus. Wir nehmen die Anzeige auf, aber Sie wissen ja selbst …
Nicole antwortete:
— Wir wissen, dass er noch drei Rentnerinnen ausnimmt, wenn keiner etwas unternimmt.
Andreas schwieg. Jonas saß neben Marlene Wolf und reichte ihr eine Wasserflasche.
— Oma, trink mal.
Sie nahm die Flasche.
— Bist du wütend auf mich?
— Ja. Aber du bist trotzdem meine Oma. Nur überweise ich dir ab jetzt kein Geld mehr, bevor Mama es geprüft hat. Nichts Persönliches. Finanzielle Sicherheit.
Marlene Wolf schniefte.
— Ganz die Nicole geworden.
— Wenigstens entwickelt sich irgendwer in dieser Familie weiter, — sagte Nicole.
Als sie am Abend nach Hause kamen, empfing sie die Wohnung mit dem Geruch von Katzenfutter und einer ungewaschenen Pfanne. Mimi trottete aus dem Zimmer, betrachtete die Heimkehrer und miaute laut, als wäre sie die Vorsitzende eines Untersuchungsausschusses.
Andreas zog seine Jacke aus.
— Morgen löse ich den Siegelring aus.
— Wovon? — fragte Nicole.
— Ich verkaufe den Bootsmotor.
— Den, den du seit drei Jahren reparieren wolltest?
— Genau den.
— Du hast ihn kaputt gekauft.
— Deshalb verkaufe ich ihn billig. Aber ich verkaufe ihn.
— Andreas.
— Was?
— Mach aus Schrott keinen Heldentod. Zuerst schreiben wir alle Schulden auf. Kreditkarte, Pfandhaus, Emilys Laptop, Jonas’ Turnschuhe. Danach entscheiden wir.
Er sah sie beinahe schuldbewusst an.
— Du bringst das wieder in Ordnung?
— Nein. Wir bringen das in Ordnung. Der Unterschied ist riesig, auch wenn er dir früher wie eine Kleinigkeit vorkam.
— Ich dachte wirklich, du wolltest mich nur kontrollieren.
— Ich habe dich auch kontrolliert. Weil du dich aufführst wie jemand, der der Katze Premiumfutter kauft, ohne vorher die Katze zu fragen.
— Fair.
— Aber ich will nicht deine Mutter sein, Andreas. Eine hast du schon. Und die hat uns allen gereicht.
Er setzte sich an den Tisch.
— Ich hatte Angst, du würdest sagen: „Selbst schuld.“
— Ich sage: selbst schuld. Aber das heißt nicht, dass ich mir einen Tee mache und zusehe, wie du untergehst. Es heißt nur, dass du ab jetzt mitruderst und nicht hinten im Boot sitzt und Reden über Freiheit hältst.
Jonas stellte seine alten Turnschuhe auf den Tisch.
— Wenn heute Abend schon Beichten dran sind: Hier. Die Sohle löst sich. Ich habe sie mit Sekundenkleber geklebt, dann bin ich auf eine Plastiktüte getreten, und seitdem raschelt der rechte Schuh in Kurven.
Andreas nahm den Schuh in die Hand.
— Morgen kaufen wir neue.
— Aus der gemeinsamen Kasse?
Nicole sagte:
— Aus der Elternkasse. Das ist so eine uralte Währung, die nicht halbiert wird, sondern einfach fällig ist.
Andreas nickte.
— Wir kaufen welche. Und Emily zahlen wir den Rest für die Reparatur. Und Mama … Mama bekommt eine Grenze.
— Was denn für eine Grenze? — Nicole wurde sofort wachsam.
— Keine Geldgrenze. Eine menschliche. Wenn sie anruft, schauen wir uns die Sache zusammen an. Geld gibt es nur nach Unterlagen. Und nie wieder dieses „Sag Nicole nichts“.
— Den Satz hättest du vor ungefähr zehn Jahren sagen sollen.
— Besser spät als nach dem zweiten Julius Fuchs.
Andreas’ Handy klingelte erneut. Auf dem Display stand: „Mama“.
Er sah Nicole an.
— Lautsprecher, — sagte sie.
Andreas drückte auf die Taste.
— Andreas, — erklang Marlene Wolfs Stimme. — Ich habe nachgedacht. Ich habe noch ein Sparbuch. Nicht viel. Eigentlich war es für meine Beerdigung.
— Mama …
— Unterbrich mich nicht. Für die Beerdigung spare ich später wieder, ich habe es nicht eilig. Morgen hebe ich etwas ab und gebe euch Jonas’ zwanzig Euro zurück. Und dir einen Teil. Und Nicole … sag ihr …
Nicole beugte sich zum Telefon.
— Ich höre.
Am anderen Ende blieb es kurz still.
— Danke, dass du nicht nachgetreten hast.
— So barmherzig bin ich nicht. Mir fehlte bloß die Kraft.
— Und danke für die Anzeige. Allein wäre ich nicht hingegangen. Es war mir peinlich.
— Peinlich ist, nichts zu tun und weiterzulügen.
— Ich habe verstanden.
Andreas starrte auf das Telefon, als hörte er seine Mutter zum ersten Mal ohne Befehlston sprechen.
— Mama, morgen komme ich vorbei. Aber ohne Theater, ja?
— Ich bemühe mich.
— Und miss deinen Blutdruck.
— Habe ich. Er ist normal.
Nicole konnte sich nicht zurückhalten:
— Sehen Sie, wie gut eine Strafanzeige für die Gefäße ist.
Unerwartet schnaubte Marlene Wolf.
— Deine Zunge, Nicole, ist wie eine Küchenreibe.
— Dafür ist die Möhre für die Suppe schnell klein.
Nach dem Gespräch wurde es still. Nicht friedlich, nein. Frieden lag noch weit entfernt. Aber wenigstens war es ehrlich. Nicole holte das Notizbuch hervor, in das sie sonst „Milch, Eier, Buchweizen, Glühbirnen“ schrieb, und setzte oben auf die Seite: „Rettungsplan für Ertrinkende“.
Andreas rückte neben sie.
— Schreib: Kreditkarte — vierhundertzwanzig.
Nicole hob den Blick.
— Du sagtest, es sei „nicht viel“.
— Ich habe gelogen.
— Ich erkenne Fortschritte. Weiter.
— Pfandhaus — hundertachtzig mit Zinsen. Emily — fünfzig fehlen noch. Jonas — Turnschuhe. Mama … vorerst unbekannt.
— Summe?
— Viel.
— Viel ist keine Zahl. Zahlen sind unangenehmer, aber sie lügen wenigstens nicht.
Sie rechneten fast bis Mitternacht. Zum ersten Mal betrachtete Andreas das Familienbudget nicht als geheimnisvolles Loch, in dem seine Frau sein Gehalt verschwinden ließ, sondern als abgewetztes Boot, in dem man jeden Monat mit dem Finger ein neues Leck stopfte. Hier der Sportverein. Dort Medikamente. Hier wurden die Fahrkarten teurer. Dort wollte die Schule Geld für den Sicherheitsdienst. Hier brauchte die Katze eine Impfung. Dort schrieb die Tochter: „Mama, ich halte schon durch“, und man wollte nicht stolz auf das Kind sein, sondern mit dem Kopf gegen die Wand schlagen, weil Kinder die Dummheit der Erwachsenen nicht „durchhalten“ müssen.
— Nicole, — sagte er schließlich. — Ich wusste das nicht.
— Doch. Du hast nur nicht hingesehen.
— Ist das schlimmer?
— Es ist ehrlicher.
Er schwieg lange. Dann zog er seine Bankkarte aus der Tasche und legte sie vor sie hin.
— Gemeinsame Karte?
— Nein, — sagte Nicole.
Er sah verwirrt aus.
— Warum nicht?
— Weil das alte System auch falsch war. Du hast Geld abgegeben und dich aus der Verantwortung verabschiedet. Ich habe es genommen und wurde zur wütenden Leitstelle. So machen wir nicht weiter.
— Und wie dann?
— Es gibt ein gemeinsames Konto für gemeinsame Ausgaben. Wir sehen beide, was passiert. Wir zahlen beide. Wir planen beide. Persönliches Geld wird es auch geben, ohne Demütigungen und Verhöre. Aber Schulden, Hilfe für Eltern und größere Anschaffungen werden besprochen. Nicht um Erlaubnis gefragt, sondern besprochen. Verstehst du den Unterschied?
— Ich versuche es.
— Versuch schneller. Unsere Kreditrate wartet nicht auf deine Persönlichkeitsentwicklung.
Er lächelte müde.
— Du bist böse.
— Ich bin erschöpft. Das verwechseln viele.
Am nächsten Tag verkaufte Andreas den Motor. Für lächerlich wenig Geld, aber er war ihn los. Danach gingen sie zusammen zum Pfandhaus. Der Siegelring kehrte zu ihm zurück.
