„Ab heute Abend führen wir getrennte Kassen,“ erklärte Andreas Vogel und legte die Gabel feierlich an den Tellerrand

Diese Entscheidung ist trostlos und längst überfällig.
Geschichten

— Ab heute Abend führen wir getrennte Kassen, — erklärte Andreas Vogel und legte die Gabel so feierlich an den Tellerrand, als würde er nach einem langen Krieg einen Friedensvertrag unterschreiben. — Jeder erwachsene Mensch ist selbst für sein Geld verantwortlich.

Nicole Albrecht hob den Blick von dem Topf mit Buchweizen.

— Sagst du das gerade zu mir oder zum Kühlschrank? Der Kühlschrank wünscht sich nämlich schon seit Monaten, dass endlich irgendein Erwachsener Verantwortung für seine Füllung übernimmt.

— Spar dir den Spott, — Andreas richtete sich auf dem Hocker auf. — Ich meine es ernst. Mein Gehalt ist für meine Ausgaben. Dein Gehalt für deine. Miete, Lebensmittel, Internet, Jonas’ Schule — alles zur Hälfte. Über den Rest entscheidet jeder allein. Ich habe es satt, am Monatsanfang Geld zu bekommen und drei Tage später nicht mehr zu wissen, wohin es verschwunden ist.

— Wusstest du das früher denn?

— Früher hatte ich nicht einmal die Chance, es herauszufinden. Ich habe dir das Geld überwiesen, du hast es verwaltet, und dann hieß es: „Andreas, wir brauchen noch fünfzig Euro, Jonas’ Turnschuhe fallen auseinander.“ Und ich natürlich: „Klar, brauchen wir.“ Dabei habe ich, nebenbei bemerkt, auch Wünsche.

— Ich weiß, — Nicole drehte den Herd ab und setzte sich ihm gegenüber. — Eine Angelrute, ein Akkuschrauber, ein Bit-Set, das du letztes Jahr gekauft und bis heute nicht geöffnet hast, und eine Jacke „wie richtige Männer sie tragen“, obwohl deine alte Jacke nicht ersetzt, sondern einfach nur gewaschen werden möchte.

— Siehst du! Du findest meine Wünsche lächerlich.

— Andreas, nicht der Wunsch ist lächerlich. Lächerlich ist, dass du das wirtschaftliche Freiheit nennst. Freiheit beginnt dort, wo man weiß, was Waschpulver kostet. Nicht dort, wo man einen Wobbler für neunzehn Euro kauft und ihn als „Investition in Erholung“ bezeichnet.

— Da haben wir’s, — er lehnte sich zurück. — Ich habe nur darauf gewartet. Gleich kommt der Vortrag darüber, dass wir ohne dich alle verhungern und in dreckigen Socken untergehen.

— Ach was. Sterben werden wir nicht. Im schlimmsten Fall riechen wir irgendwann nach Selbstbewusstsein.

Aus dem Zimmer streckte Jonas Krause den Kopf heraus, ihr sechzehnjähriger Sohn, lang aufgeschossen, die Kopfhörer um den Hals.

— Mama, redet ihr schon wieder über Geld? Darf ich einfach vorbeigehen? Meine seelische Gesundheit ist mir teuer.

— Geh nur, Erbe, — sagte Andreas. — Mit dir fangen wir übrigens auch gleich an. Taschengeld bekommst du künftig getrennt von mir und von deiner Mutter. Wenn du Geld fürs Kino brauchst, sagst du, wen du fragst. Damit alles transparent bleibt.

— Papa, sind wir eine Familie oder eine Ausschreibung für Kekslieferungen? — Jonas kratzte sich am Hinterkopf. — Soll ich den Antrag gleich in doppelter Ausführung schreiben?

— Werd nicht frech.

— Ich bin nicht frech. Ich passe mich nur dem Markt an.

Nicole schmunzelte.

— Gut, Andreas. Dann trennen wir eben. Aber ehrlich. Gemeinsame Ausgaben nur nach Beleg. Essen, Putzmittel, Jonas’ Fahrkarten zum Training, Medikamente, Geschenke für Verwandte, kleine Reparaturen, Katzenfutter, Wasserfilter, Glühbirnen, Batterien, Müllbeutel. Alles wird geteilt.

— Wird geteilt, — sagte er mit fester Stimme. — Ich bin kein Kind. Ich komme damit zurecht.

— Und der Kühlschrank?

— Was soll mit dem sein?

— Ganz einfach. Was du für dich kaufst, isst du. Was ich für mich kaufe, esse ich. Gemeinsames besorgen wir nach gemeinsamer Liste und zahlen halbe-halbe. Und später bitte nicht nachts meine Behälter mit Frikadellen öffnen, als wärst du ein Archäologe vor einer Grabkammer.

— Meine Güte, welche Behälter denn… Ich bin doch keine fünf.

— Genau das werden wir sehen.

Andreas arbeitete als Meister in einem Betrieb für Kunststofffenster und verdiente nicht schlecht, besonders wenn Aufträge aus den Neubaugebieten hereinkamen. Nicole saß am Empfang einer privaten Zahnarztpraxis; ihr Gehalt war bescheidener, doch ihr Kopf funktionierte wie eine Buchhaltungstabelle. Sie wusste, an welchem Wochentag Hähnchen günstiger war, wo Waschmittel weniger kostete, welcher Arzt keine unnötigen Untersuchungen verschrieb und warum man Kartoffeln im Netz besser nicht kaufte, weil sich unten grundsätzlich zwei faule Exemplare versteckten wie Geheimagenten der Verwesung.

Andreas dagegen war überzeugt, das Geld verschwinde nur deshalb, weil seine Frau sich ständig mit Kleinkram abgebe. In seiner Vorstellung musste man bloß auf Joghurt, Servietten, Binden, Spülschwämme, Handcreme, Dill, Zitronen und irgendwelche „überflüssigen“ Gefrierbeutel verzichten — und schon würde das Leben weit, frei und vor allem männlich werden.

Am nächsten Tag kam er aus dem Supermarkt zurück und brachte ein riesiges Stück geräucherten Bauchspeck, ein Glas eingelegte Gurken und ein Brot mit Sonnenblumenkernen mit.

— Das gehört mir, — verkündete er und legte seine Einkäufe auf das mittlere Fach im Kühlschrank. — Für mich gekauft. Von meinem Geld.

Nicole öffnete schweigend die Kühlschranktür, holte eine Plastikdose mit Borschtsch heraus, dazu einen kleinen Topf mit Hähnchenklößchen, und stellte beides ins obere Fach.

— Und das gehört mir. Von meinem Geld. Verwechsel es bitte nicht. Der Borschtsch ist zwar nicht beschriftet, aber er sieht dir nicht ähnlich.

— Was soll das heißen?

— Er ist reichhaltig und durchdacht.

Jonas warf einen Blick in den Kühlschrank und pfiff leise.

— Stark. Bei uns ist es jetzt wie im Studentenwohnheim: Das ist meins, das ist deins, das nicht anfassen, und wenn du das anfasst, bist du tot.

— Für dich gilt das ebenfalls, — erklärte Andreas. — Du sollst ab jetzt auch verstehen, welchen Wert Lebensmittel haben.

— Hab ich verstanden. Mamas Borschtsch ist unbezahlbar, Papas Bauchspeck gefährdet die Leber.

— Jonas!

— Schon weg. Der Markt ist nervös.

Den ersten Schlag gegen Andreas’ große Reform führte nicht Nicole, sondern die Katze Mimi. Sie setzte sich vor ihren leeren Napf und begann derart zu schreien, als würde sie gerade von Gerichtsvollziehern aus der Wohnung geräumt.

— Nicole, ist kein Futter mehr da? — rief Andreas aus der Küche.

— Doch.

— Wo?

— In meinem Schrankfach.

— Warum nicht im gemeinsamen?

— Weil ich eine kleine Packung von meinem Geld gekauft habe. Du hast doch gestern gesagt, jeder sei für seine eigenen Ausgaben verantwortlich.

— Mimi gehört uns beiden.

— Selbstverständlich. Also bekommst du für die Hälfte der Packung eine Rechnung über eins achtzig. Oder du kaufst eigenes Futter.

— Du willst ernsthaft Katzenfutter aufteilen?

— Ich? Nein. Du hast angefangen, eine finanzielle Ordnungsmauer zu bauen. Ich lege nur die Steine gerade.

Andreas schnaubte, ging in den Laden und kam mit „Premium“-Futter zurück, weil die Verkäuferin gesagt hatte: „Wenn Sie Ihr Tier lieben, nehmen Sie dieses hier.“ Mimi roch an dem Premiumfutter, sah Andreas mit tiefer Verachtung an und marschierte davon, um sich auf die frische Wäsche zu legen.

— Sie frisst es nicht, — sagte er eine halbe Stunde später.

— Sie hat eben Charakter. Ganz wie du. Nur mit mehr Fell und ehrlicheren Ansprüchen.

— Vielleicht kannst du ihr ein bisschen von deinem Futter untermischen?

— Ich kann dir eine Portion verkaufen. Marktwirtschaft, Andreas. Rabatt für Stammkunden gibt es ab dem zehnten Einkauf.

Gegen Ende der ersten Woche hatten sich in der Wohnung seltsame Einflusszonen gebildet. Im Badezimmer stand auf dem Regal Nicoles Shampoo, daneben lag verlassen Andreas’ Seife „Tannenduft“, erworben im Angebot „drei Stück zum Preis von zwei“. Auf die Waschmaschine stellte Nicole ihr Waschmittel und klebte einen Zettel daran: „Für Nicoles Kleidung und gemeinsame Handtücher.“ Andreas lachte zunächst darüber, musste dann aber feststellen, dass seine Arbeitssocken sich nicht von allein wuschen und dass Waschmittel für Buntwäsche nicht dasselbe war wie Waschmittel „das gerade am billigsten war“.

— Nicole, mit welchem Programm wäscht man Jeans? — fragte er am Abend, während er vor der Maschine stand wie ein Bombenentschärfer.

— Mit dem, bei dem sie nicht auf Jonas’ Shorts-Größe schrumpfen.

— Ich meine es ernst.

— Dreißig Grad, Schleudern bei achthundert. Und kontrolliere vorher die Taschen. Beim letzten Mal hast du einen Kassenbon, zwei Schrauben und ein Bonbon ohne Papier mitgewaschen. Die Maschine roch danach eine Woche lang nach Kindheit auf der Baustelle.

— Und wie viel Waschmittel?

— Nach Gefühl.

— Nach wessen Gefühl? Du hast ein Buchhalterauge, ich ein Bauarbeiterauge.

— Eine halbe Kappe.

— Und Weichspüler?

— Du hast doch gesagt, das sei bürgerlicher Unsinn.

— Ich meinte den Geruch „Alpenlavendel“. Nicht, dass ein T-Shirt nach dem Waschen von allein stehen soll.

— Siehst du. Du wirst erwachsen.

Andreas tat, als habe er alles im Griff. Eine Stunde später zog er jedoch eine graue Masse aus der Trommel. Die weißen Socken hatten die Farbe von Melancholie angenommen, und sein Arbeits-T-Shirt besaß plötzlich eine seltsame Form, als hätte es einem Menschen gehört, dem man den Oberkörper verkürzt und die Seele verbreitert hatte.

— Passt schon, — sagte er, als er Nicoles Blick bemerkte. — Dafür selbst gemacht.

— Selbst gemacht ist wunderbar. Selbstständigkeit ist überhaupt eine nützliche Sache. Vor allem, wenn man sie anschließend auf dem Balkon zum Trocknen aufhängen und bewundern kann.

Die zweite Woche begann mit einem Anruf der Tochter. Emily Schulz studierte in Dresden, wohnte im Studentenwohnheim, jobbte in einem Café und rief zu Hause gewöhnlich in einer von zwei Tonlagen an: entweder „bei mir ist alles bestens“ oder „Mama, bitte schimpf nicht“.

Diesmal war es eindeutig die zweite.

— Mama, ist Papa da? — fragte sie.

— Ja. Er sitzt hier und studiert die Stromrechnung, als wäre sie ein uraltes Manuskript.

— Stell mich bitte auf Lautsprecher.

Andreas wurde sofort wachsam.

— Was ist passiert?

— Mein Laptop ist kaputt. Also nicht ganz tot, aber der Bildschirm hat Streifen wie ein Gartenzaun. Ich muss in vier Tagen meine Hausarbeit abgeben. In der Werkstatt haben sie gesagt, die Reparatur kostet ab sechzig Euro, falls es die Matrix ist.

Andreas wechselte augenblicklich in den Tonfall eines verantwortungsvollen Vaters.

— Emily, du musst mit solchen Sachen vorsichtiger umgehen. Das ist Technik und kein Schneidebrett.

— Papa, ich habe ihn nicht geschlagen. Er ist älter als mein Humor. Sieben Jahre alt.

— Sieben Jahre ist kein Alter.

— Für einen Menschen nicht. Für einen Laptop ist das Rente mit Anspruch auf Kuraufenthalt.

Nicole sah ihren Mann an.

— Also? Familienfinanzrat?

— Ja, — sagte Andreas. — Die Reparatur ist gemeinsame Sache. Die Tochter auch. Wir teilen.

— Gut. Dreißig Euro von dir, dreißig von mir.

— Jetzt sofort?

— Soll sie die Hausarbeit etwa auch erst nächsten Monat abgeben?

Andreas griff nach dem Handy, öffnete seine Banking-App und verfinsterte sich.

— Auf meiner Karte ist im Moment… eher schwierig.

— Was heißt „eher schwierig“? Ist das eine Diagnose oder ein Betrag?

— Nicole, fang nicht an. Ich habe nur etwas Notwendiges gekauft.

— Bauchspeck, Katzenfutter, Waschmittel, zwei Mittagessen aus der Feinkosttheke, weil deine Suppe übergelaufen ist, und ein neues Maßband, weil das alte angeblich „um einen Zentimeter lügt“?

— Das Maßband hat wirklich gelogen.

Emily seufzte aus dem Lautsprecher.

— Mama, Papa, könnt ihr euch später nach Rechnungen scheiden lassen und jetzt erst mal meine Bildschirmreparatur bezahlen?

— Ich überweise es, — sagte Nicole. — Andreas gibt mir seine Hälfte bis Freitag zurück.

— Gebe ich, — brummte Andreas. — Tu nicht so, als wäre ich bei meiner eigenen Tochter verschuldet.

— Papa, keine Sorge. Falls nötig, schicke ich dir einen Tilgungsplan in Excel.

— Ganz die Mutter, — murmelte er.

— Gott sei Dank, — antworteten Nicole und Emily gleichzeitig.

Bis Freitag zahlte Andreas nur zehn Euro zurück.

— Den Rest bekommst du nach dem Vorschuss, — sagte er, ohne seine Frau anzusehen.

— Dein Vorschuss war vorgestern.

— Da wurde etwas für die Kreditkarte abgebucht.

Nicole legte den Löffel ab.

— Für welche Kreditkarte?

— Eine normale eben.

— Andreas, Kreditkarten sind nie einfach normal. Normal können Kochtöpfe sein, und selbst die nur, wenn sie nicht teflonbeschichtet sind. Was ist das für eine Kreditkarte?

— Ich habe sie vor einer Weile abgeschlossen. Für den Fall der Fälle.

— Für welchen Fall?

— Für einen männlichen.

— Also für den Fall, dass du etwas unbedingt haben willst, dich aber schämst, es deiner Frau zu sagen?

Er wurde rot.

— Da ist nicht viel drauf.

— Wie viel?

— Nicole, bitte keine Verhöre. Wir hatten abgemacht: eigenes Geld, eigener Bereich.

— Natürlich. Nur hindert dein eigener Bereich dich gerade daran, die Laptopreparatur deiner Tochter zu bezahlen.

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