Er war der Gründer und Vorstandsvorsitzende der Gesellschaft und besaß 68 Prozent der Anteile. Trotzdem bewegte er sich an diesem Morgen durch das Terminal wie irgendein Reisender unter vielen: Kapuzenpullover, schlichte Kleidung, kein demonstrativer Reichtum, kein Auftritt, der Aufmerksamkeit verlangte. Niemand ahnte, wer er tatsächlich war. Genau darauf beruhte sein leises Experiment. Er wollte sehen, was geschah, wenn kein Titel, kein Vermögen und keine Macht die Menschen zu höflicheren Gesichtern zwangen.
Schon früh betrat Felix Walter die Maschine, grüßte die Crew mit einem knappen Nicken und ließ sich auf Sitz 1A nieder. Den Kaffee stellte er vorsichtig ab, faltete die Zeitung auseinander und holte einmal tief Luft. In weniger als zwei Stunden erwartete ihn eine entscheidende Sitzung des Vorstands, bei der Weichen gestellt werden sollten, die das Unternehmen langfristig verändern konnten. Seit Monaten verfolgte er interne Untersuchungen, las Passagierbeschwerden, prüfte Berichte über Benachteiligung und Fehlverhalten an Bord und versuchte herauszufinden, welche Missstände real waren und welche nur in Tabellen verborgen blieben.
Die Zahlen wirkten alarmierend. Doch Felix wusste, dass Statistiken selten die ganze Wahrheit erzählten. Er wollte die Wirklichkeit ungefiltert erleben. Ohne Assistenten. Ohne Vorwarnung. Ohne dass jemand ihn erkannte. Nur beobachten, prüfen und begreifen, wie sich seine eigene Fluggesellschaft verhielt, wenn niemand von oben zusah.
Da durchschnitt plötzlich eine schneidende Stimme die ruhige Kabinenatmosphäre. Im selben Moment legte sich eine perfekt manikürte Hand grob auf seine Schulter und riss ihn so abrupt zurück, dass der heiße Kaffee über die Zeitung und auf seine Jeans schwappte.
„Verzeihung?“, sagte Felix und erhob sich langsam.
Vor ihm stand eine Frau um die vierzig, gekleidet in einen cremefarbenen Designeranzug, die Frisur makellos, der Schmuck auffällig schwer. Ihr Blick war fest, beinahe herausfordernd. Ohne die geringste Unsicherheit ließ sie sich auf Platz 1A sinken.
„So“, erklärte sie kühl und strich ihr Sakko glatt. „Damit wäre das Problem gelöst.“
