„…sonst übertreibst du wieder“, brummte Michael Friedrich, ohne den Blick zu heben. „Und bring Brot mit.“
Maria Böhm kam zurück, blieb neben dem Tisch stehen und riss das kleine Tütchen ganz auf. Nicht hastig. Fast sorgfältig. Vom äußersten Rand her ließ sie den gesamten Inhalt in seinen Teller rieseln. Das rote Pulver sammelte sich zunächst wie eine flache Insel auf der Oberfläche, dann sog es sich voll, kroch in die Brühe, zog Schlieren und Wirbel, bis die Suppe aussah wie ein missratener Abendhimmel.
Michael merkte es nicht sofort. Erst sah er ihre Hand. Dann den Teller.
„Was soll das werden?“
Maria legte das leere Päckchen neben seine Schüssel und strich es mit dem Zeigefinger glatt.
„Iss, Michaelchen. Klecker dich nur nicht voll.“
Er fuhr zurück, als hätte sie ihm kochendes Wasser hingestellt.
„Bist du jetzt völlig durchgedreht?“
„Du hast doch gesagt, es sei eine Plörre. Ich habe nachgebessert.“
Mit einem Ruck sprang Michael auf. Der Hocker knallte gegen den Kühlschrank, und an dessen Tür zitterte ein alter Magnet mit einem Strandmotiv.
„Wer braucht dich eigentlich, du alte Hysterikerin? Lebensmittel ruinieren und dann noch frech werden! Ich schufte den ganzen Tag, komme nach Hause, und hier wird mir ein Theater vorgespielt!“
Er sprach laut, hart, mit jener Wucht, die er liebte. Sonst fiel Maria in solchen Momenten in sich zusammen. Blick auf die Tischplatte, Stimme dünn und nasal.
Diesmal nicht.
Sie band die Schürze ab, hängte sie über die Stuhllehne und ging hinaus in den Flur.
„Wo willst du hin? Ich rede mit dir!“
„Ich höre dich.“
Oben im Abstellraum lag seine Sporttasche. Schwarz, mit einem Reißverschluss, dessen Farbe schon abblätterte. Michael nahm sie mit in die Sauna oder zu seiner Mutter in den Garten, sobald diese anrief und klagte, der Wasserhahn tropfe oder der Zucker sei alle. Maria zog die Tasche vom Regal, ließ sie auf den Boden fallen und öffnete den Kleiderschrank.
Unterwäsche. Socken. Pullover. Die Mappe mit seinem Ausweis.
Sollte reichen.
Michael trat in den Flur, noch immer ungläubig.
„Machst du hier eine Aufführung?“
Maria nahm ihr Handy, öffnete die Taxi-App und gab, ohne ihn anzusehen, die Adresse seiner Mutter ein. Sie kannte sie auswendig. Nach dreißig Jahren lernt man so etwas.
„Stornier das sofort.“
„Nein.“
„Du wirfst mich aus meinem Zuhause?“
Das traf ihn. Nicht der Pfeffer. Nicht die Tasche. Dieses Wort: auswerfen.
Maria sah zu ihm auf.
„Aus meiner Wohnung. Zu deiner Mutter. Da ist es bestimmt gemütlich.“
Die Wohnung gehörte ihr. Von ihrem Vater. Später hatte er sie Maria überschrieben. Michael hatte damals nur mit den Schultern gezuckt: „Deins ist deins, was geht mich das an.“ Darin zu wohnen hatte ihm allerdings ausgesprochen gut gefallen.
Neben der Tür hing ein hölzernes Schlüsselbrett. Eine gemeinsame Gewohnheit: Schlüssel dort, Chip für die Haustür dort. Maria nahm sein Bündel vom Haken und schob es in die Tasche ihrer Strickjacke.
Er bemerkte es.
Und verstummte.
Da begriff er.
Die Tasche stand bereits am Wohnungseingang.
„Jetzt reicht’s aber. Es ist mitten in der Nacht. Ich fahre nirgendwohin.“
„Doch.“
„Und wenn nicht?“
„Dann fahre ich. Und schließe hinter mir ab. Dann kannst du den Nachbarn erklären, warum du in einer fremden Wohnung herumschreist.“
Er versuchte es noch einmal.
„Ach, sie ist beleidigt. Kaum zu fassen. Ich habe die Suppe kritisiert. Der Mann bringt Geld nach Hause, und sie führt Kunststücke vor.“
Maria zog den Reißverschluss der Tasche zu.
„Geld gibt dir nicht das Recht, an meinem Tisch unverschämt zu sein.“
„An deinem?“
„An meinem.“
Das Handy gab einen kurzen Ton von sich. Der Wagen war da.
Michael lief unentschlossen hin und her, erst Richtung Küche, dann zur Tür, dann wieder zurück. Schließlich blieb er stehen und zeigte mit dem Finger auf sie.
„Morgen kommst du angekrochen. Dann sagst du: Michael, komm zurück. Wer repariert dir denn den Wasserhahn? Wer bezahlt die Einkäufe? Wer übernimmt die Wohnungskosten?“
„Die Nebenkosten verdiene ich mir mit Näharbeiten dazu. Nicht zum ersten Mal. Und den Wasserhahn macht Jonas Huber aus dem fünften Stock für ein Glas Marmelade.“
Michael öffnete sogar den Mund.
