Nicht, weil sie ihn besonders hart getroffen hätten, sondern weil sie auf alles eine Antwort hatte.
„Du bist undankbar.“
„Vielleicht.“
Maria Böhm hielt ihm die Tasche hin. Michael griff nicht danach.
Da machte sie die Wohnungstür auf und stellte die Tasche wortlos hinaus auf den Treppenabsatz.
Nebenan klickte ein Schloss. Hannah Köhler steckte den Kopf heraus, in ihrer weichen Hausjacke mit Katzenmuster, den Müllbeutel schon in der Hand.
„Alles in Ordnung?“, fragte sie leise.
Maria nickte.
„Alles gut, Hannah. Michaels Taxi ist da.“
Hannah sah erst Michael an, dann die Tasche, dann wieder Maria.
„Ach so. Verstehe.“
Michael riss die Tasche an sich, zog die Jacke endlich richtig über die Schultern und stapfte zum Aufzug. Dabei warf er noch irgendetwas über die Schulter: von Undank, von ihrem Alter, davon, dass er ja immer alle durchgebracht habe. Der Aufzug ließ auf sich warten. Michael stand davor, hochrot im Gesicht, lächerlich steif, mit dieser Reisetasche, die aussah, als ginge er ins Schwimmbad.
Maria wartete, bis sich die Aufzugtüren hinter ihm geschlossen hatten. Erst dann ging sie zurück in die Küche.
Stille.
Also wirklich so.
Drei Anrufe hintereinander
Zehn Minuten später klingelte ihr Handy. Auf dem Display stand: „Katharina Walter“. Es fühlte sich nicht an, als rufe ein Mensch an, sondern als melde sich eine Kontrolle.
Maria nahm ab.
„Was führst du da eigentlich auf?! Michael ist hier angekommen, als hätte man ihn angespuckt! Wegen eines Tellers Suppe machst du so ein Theater!“
Maria setzte sich auf den Hocker. Vor ihr stand ihre Tasse, noch leer.
„Es ging nicht um den Teller.“
„Worum denn sonst? Ein Ehemann sagt ein Wort, und Madame spielt beleidigt! Weißt du eigentlich, wem du…“
Maria beendete das Gespräch.
Sofort vibrierte das Telefon wieder.
Dann noch einmal.
Drei Anrufe nacheinander.
Sie schaltete den Ton aus, füllte Wasser in den Wasserkocher und merkte erst in diesem Moment, dass ihre Hände ganz ruhig waren.
Der Wasserkocher begann zu rauschen. Die Küche wirkte plötzlich eng, aber frei. Ohne seine Ellenbogen auf dem Tisch. Ohne dieses ewige: „Reich mal rüber.“
Doch das Schwerste kam, wie so oft, nicht am Abend.
Sondern am nächsten Morgen.
Maria wachte vor dem Wecker auf. Aus Gewohnheit lauschte sie, ob Michael im Flur schlurfte, nach seinen Socken suchte oder am Wasserkocher vor sich hin brummte. Nichts. Nur der Kühlschrank murmelte leise vor sich hin.
Sie kochte Haferbrei. Stellte die Butter auf den Tisch und ließ sich Zeit. Dann musste sie sogar lächeln. Die Butter blieb einfach da. Niemand schnitt die Hälfte davon ab und sagte: „Sparen hättest du gestern sollen.“
Gegen Mittag kam eine Nachricht von Michael. Ein einziges Wort: „Mach auf.“
Maria ging nicht sofort zur Tür. Erst sah sie durch den Spion. Er stand draußen. Ohne Geschrei. Ohne Mütze. In der Hand eine Tüte.
„Was willst du?“
„Reden.“
„Dann rede.“
„Nicht durch die Tür.“
„Doch. Genau so.“
Auf dem Treppenabsatz entstand eine lange Pause. Danach klang seine Stimme gedämpfter.
„Mein Rasierer ist bei dir. Das Ladegerät auch. Hemden. Ich muss morgen arbeiten.“
Er stolperte selbst über dieses bisschen Bedürftigkeit. Bitten konnte er nie. Nur nehmen oder verlangen.
Maria hatte am Morgen bereits alles zusammengesucht. Rasierer. Ladegerät. Zwei Hemden. Unterwäsche. Sogar seine Tasse hatte sie dazugelegt, damit es keinen Grund gab, wegen Kleinigkeiten wiederzukommen.
„Ich bringe es dir.“
Ein Gespräch durch den Türspalt
Als sie die Tür öffnete, nur so weit, wie die Sicherheitskette es zuließ, machte Michael sofort einen Schritt nach vorn. Reflex. Maria wich nicht zurück.
„Lass das.“
Er starrte auf die Kette, als sähe er sie zum ersten Mal.
„Maria, jetzt reicht es. Du hast dich ausgetobt, und damit ist gut.“
„Ich habe mich nicht ausgetobt.“
„Du hast deinen Mann wegen Suppe zu seiner Mutter geschickt. Erzähl das mal den Leuten, die lachen dich aus.“
„Sollen sie.“
Ausgerechnet in diesem Augenblick regte sich etwas hinter Hannah Köhlers Tür.
