„Maria, ich hab eben von deiner Brühe probiert … Schon wieder diese fade Plörre! Sparst du am Salz oder an mir?“
Die Schlüssel klirrten so hart gegen die kleine Glasschale, dass neben Maria Böhms Ellbogen der Topfdeckel erzitterte. Sie stand am Herd und schöpfte gerade den Schaum vom Suppenrand; auf dem Löffel bebte ein dünner, glänzender Fettkreis. In der Küche roch es nach Dill, Huhn und Zwiebeln, die einen Augenblick zu lange in der Pfanne gelegen hatten.
Michael Friedrich blieb im Flur stehen, die Jacke noch an, und redete bereits in diesem Ton, den man nicht für die eigene Frau benutzt, sondern für eine Kellnerin, die das falsche Gericht gebracht hat.
„Meine Mutter hätte aus so einem Stück Rücken eine Brühe gekocht, dass die Nachbarn mit den Löffeln gegen die Wand geklopft hätten. Bei dir schmeckt alles nach Wasser.“
Maria strich sich die Finger an der Schürze ab. Sie war alt, blau geblümt, die Blumen beinahe völlig ausgewaschen.

„Setz dich. Sonst wird es kalt.“
So verlief es seit dreißig Jahren. Setz dich. Mach keinen Lärm. Iss. Ich wärme es dir auf. Ich salze gleich nach. Morgen mache ich es anders. Am Anfang redet man sich ein, der Mensch habe eben ein scharfes Wesen. Später erkennt man: Es ist keine Laune mehr. Es ist Gewohnheit geworden, die Stimme zu erheben.
Michael kam schwerfällig in die Küche, ließ sich auf den Hocker fallen und zog die Mütze vom Kopf. Das Holz ächzte unter ihm. Er setzte sich immer, als betrete er ein Amtszimmer, nicht eine Küche, in der die Wachstuchdecke an den Rändern schon weiß und spröde geworden war.
„Wo ist das Brot?“
„Im Beutel rechts.“
„Nicht das. Roggenbrot.“
„Das Roggenbrot war heute Morgen alle.“
Nicht einmal den Kopf hob er.
„Und einkaufen konntest du nicht?“
Maria stellte ihm den Teller hin. Weißes Porzellan, ein schmaler Goldrand. Aus dem alten Service. Davon waren längst nur noch drei Teller und eine Zuckerdose mit angeschlagener Kante übrig, doch Maria nahm trotzdem immer genau dieses Geschirr.
Michael kostete, verzog das Gesicht nur mit einer Falte zwischen den Augenbrauen und schob den Teller von sich weg.
„Genau das meine ich. Plörre. Kein Geschmack, keine Farbe. Womit hast du das gekocht, mit guten Gedanken?“
Solche Sprüche mochte er. Er lachte sogar selbst darüber. Und wenn Maria schwieg, war er auch noch beleidigt.
„Ich bin doch kein Fremder, dass du hier mit so einem sauren Gesicht neben mir sitzt.“
Maria setzte sich. Essen wollte sie nicht. Ihr Blick blieb an einem Brotkrümel auf dem Wachstuch hängen. Draußen schlug eine Autotür zu, im Treppenhaus stieß jemand mit einem Eimer an die Wand. Ein ganz gewöhnlicher Abend.
Nur der Stich in ihrer Brust war heute schärfer als sonst.
„Ein einziges Mal könntest du es machen wie normale Leute, Maria. Der Mann kommt von der Arbeit, und zu Hause wartet ein vernünftiges Abendessen. Nicht so ein Missverständnis im Teller. Das blaue Hemd hast du wieder schlecht gebügelt. Am Kragen ist eine Falte. Und die Suppe …“
Er rührte mit dem Löffel darin herum.
„Schon wieder fade Plörre.“
Der Satz fiel auf den Tisch wie ein nasser Lappen.
Plötzlich erinnerte Maria sich an den vergangenen Mittwoch. Und an den Mittwoch davor. An den Januar, als er bei den Frikadellen das Gesicht verzogen hatte. An den letzten Sommer, als er vor Hannah Köhler vom Hof gesagt hatte: „Marias Gurken schmecken, als hätte man sie in Kummer eingelegt.“ Hannah hatte verlegen gelacht, und Maria hatte danach die halbe Nacht lang die Einmachgläser immer wieder gedreht.
Michael aß inzwischen Brot mit Senf.
„Für morgen packst du mir eine Dose ein. Aber eine anständige. Mit Fleisch. Nicht wieder dieses Spatzenfutter von deiner Diät. Hörst du?“
Sie hörte ihn. Sehr gut sogar.
Wenn sie jetzt aufstünde, um Salz zu holen, dann ginge es morgen um das Hemd. Übermorgen um den Boden. Danach um ihre Stimme, ihren Gang, ihr Alter, um alles, was ihm gerade einfiel. Die Suppe war nicht das, was ihn störte.
Das Hängeschränkchen über dem Herd klemmte, als Maria es öffnete. Michael sah nicht einmal hin. Er war überzeugt, sie greife nach dem Salzstreuer. Ihre Finger fanden stattdessen ein kleines Papierpäckchen mit Pfeffer. Rot, von der Küchenwärme weich geworden, an einer Seite eingerissen.
„Nur streu nicht zu viel hinein.“
