„Oma, soll ich Sie vielleicht bis zur Tür begleiten?“ spottete die Verkäuferin, während die Kundin ruhig ein teures Kleid musterte

Diese herablassende Arroganz war schlicht unerträglich.
Geschichten

In ihren Augen sei ich für eine Boutique wie diese schlicht nicht geeignet. Sie riet mir, lieber auf den Wochenmarkt zu gehen. Dann meinte sie, ich würde nur ihre Zeit verschwenden. Sie fragte, ob ich vorhätte, den Betrag in Raten von meiner Rente abzuzahlen, oder ob meine Enkelinnen für mich zusammengelegt hätten. Außerdem deutete sie an, ich hätte vermutlich einen reichen älteren Gönner, der mir Geld zustecke. Und zum Schluss erklärte sie mir noch, Falten am Hals seien nicht gerade vorteilhaft, weshalb ich besser kein Kleid mit Ausschnitt tragen sollte.

Johanna Schmitt wurde kreidebleich. Ihre Finger umklammerten die Mappe so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.

— Laura, — sagte sie leise, aber jedes Wort klang scharf und deutlich. — Stimmt das?

— Sie verdreht alles! — kreischte die Verkäuferin. — Ich habe doch nur ein bisschen gescherzt! Bei uns ist die Atmosphäre eben locker! Ich rede immer so mit Kundinnen, und normalerweise nimmt mir das niemand übel!

— Ein Scherz über Rente und einen reichen Gönner? — Die Filialleiterin presste die Lippen zusammen. — Laura, wir haben Ihre Art, mit Kundinnen umzugehen, bereits mehr als einmal besprochen. In den letzten sechs Monaten haben Sie drei schriftliche Abmahnungen erhalten. So ein Verhalten ist völlig inakzeptabel.

— Ach, kommen Sie schon! — Laura Meier machte eine wegwerfende Handbewegung. — Sie hat das Kleid doch gekauft! Sie hat 680 Euro bezahlt! Also kann es ja wohl nicht so schlimm gewesen sein, oder?

— Nicht so schlimm? — Ich öffnete meine Handtasche, zog meinen Ausweis und den Eigentumsnachweis heraus und legte beides ordentlich vor Johanna Schmitt auf den Tresen. — Bitte sehen Sie sich diese Unterlagen ganz genau an.

Die Filialleiterin nahm die Papiere mit zitternden Fingern. Sie schlug den Nachweis auf, überflog die Zeilen, stockte und las noch einmal. Ihr Gesicht verlor den letzten Rest Farbe. Erst sah sie mich an, dann wieder auf das Dokument, dann erneut zu mir.

— Mein Gott, — flüsterte sie. — Frau Fuchs… Theresa Fuchs. Bitte verzeihen Sie. Ich habe Sie nicht sofort erkannt. Sie… Sie sehen so anders aus. Ich meine, jünger… schlichter… einfach verändert.

Laura Meier riss die Augen auf.

— Was? Wer soll das sein?

— Das ist Theresa Fuchs, — sagte Johanna Schmitt langsam, als müsse sie jedes Wort einzeln hervorbringen. — Die Eigentümerin dieser Boutique und des gesamten Gebäudes. Sie hat vor einem Monat alles für 180.000 Euro übernommen. Komplett. Das Haus, das Geschäft, die Ware, alles. Und du hast sie eben „alte Oma“ genannt. Und behauptet, sie hätte einen reichen Gönner.

Für einen Moment war es vollkommen still.

Laura stand da, den Mund halb geöffnet. Ihr Gesicht wurde erst weiß, dann tiefrot, dann wieder blass. Sie wich einen Schritt zurück, griff nach der Kante des Tresens, als wäre ihr plötzlich der Boden unter den Füßen unsicher geworden.

— Ich… ich wusste das nicht, — stammelte sie. — Ich habe Sie doch nicht erkannt… Entschuldigung, ich dachte…

— Sie dachten, ältere Frauen könne man respektlos behandeln, — nahm ich ihr den Satz ab. — Weil sie Ihrer Meinung nach ohnehin keine Achtung verdienen. Weil sie angeblich kein Geld haben. Weil sie alt sind. Weil sie Ihrer Vorstellung nach auf einen Markt gehören und nicht in eine Boutique.

— Nein! So habe ich das nicht gemeint! — Laura fuhr sich mit beiden Händen an den Kopf. — Ich habe nur… ich habe nicht nachgedacht! Das war doch ein Witz!

— Ein Witz, — wiederholte ich ruhig. — Für Sie ist es also humorvoll, einen Menschen zu demütigen. Verstehe. Frau Schmitt, wie hoch ist das Monatsgehalt von Laura Meier?

— 650 Euro, — antwortete die Filialleiterin kaum hörbar.

— Und wofür genau bekommt sie dieses Geld?

— Für den Umgang mit Kundinnen. Beratung, Verkauf, Abwicklung der Einkäufe.

— Und erfüllt sie diese Aufgaben gut?

Johanna Schmitt schwieg einen Augenblick. Dann senkte sie den Blick.

— Nein, — gab sie schließlich zu. — Wenn ich ehrlich bin: nein. Es gab Beschwerden. Mehrfach im vergangenen Jahr. Kundinnen sagten, Laura sei unhöflich, überheblich und behandle sie von oben herab. Es kam auch vor, dass Menschen den Laden verlassen haben, ohne etwas zu kaufen, ausdrücklich wegen ihres Verhaltens.

— Warum wurde sie dann nicht längst entlassen?

— Ich wollte es tun, — seufzte die Filialleiterin. — Aber ich hatte Angst, ohne Verkäuferin dazustehen. In unserem Bereich ist es nicht leicht, jemanden zu finden, der Erfahrung hat und wirklich passt. Ich hoffte, Laura würde sich ändern. Ich habe sie ermahnt, Gespräche geführt, ihr Chancen gegeben.

— Geändert hat sie sich nicht, — stellte ich fest. — Dann ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, Konsequenzen zu ziehen. Laura Meier, Sie sind entlassen. Mit sofortiger Wirkung. Sie erhalten Ihre Abrechnung und können gehen.

Die Verkäuferin krallte sich am Rand des Tresens fest.

— Das können Sie nicht einfach so machen!

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