„Oma, soll ich Sie vielleicht bis zur Tür begleiten?“ spottete die Verkäuferin, während die Kundin ruhig ein teures Kleid musterte

Diese herablassende Arroganz war schlicht unerträglich.
Geschichten

— In Ihrem Alter nimmt man wohl auch einen Opa, Hauptsache, er bezahlt.

Ich erwiderte nichts. Ich sah sie nur ruhig an und wartete, bis sie die Zahlung abwickelte. Meine Hände blieben still, meine Stimme musste ich nicht erst beherrschen. Ich wusste genau: In wenigen Minuten würde ihre Überheblichkeit hart auf die Wirklichkeit treffen.

— Na schön, dann wollen wir mal sehen, — sagte Laura Meier und steckte die Karte ins Lesegerät. — Gleich wissen wir, ob da wirklich Geld drauf ist oder ob das nur ein Stück Plastik zum Angeben ist. Solche Karten bekommt man heute schließlich an jeder Ecke.

Das Terminal piepte. Die Zahlung wurde bestätigt. Laura Meier zog die Karte heraus und warf einen Blick auf den Beleg. Ihr Gesicht verzog sich, als hätte sie in eine Zitrone gebissen.

— Bitte, — knurrte sie und schob mir Karte und Kassenbon hin. — Ziehen Sie sich um. Ich packe das Kleid ein.

Ich ging zurück in die Kabine, streifte das Kleid ab und zog wieder meine eigenen Sachen an. Als ich herauskam, hatte Laura Meier den Einkauf bereits in eine Tüte mit dem Logo der Boutique gelegt. Ein Lächeln oder ein Dankeschön hielt sie offenbar weiterhin für überflüssig.

— Hier, nehmen Sie, — sagte sie und schob mir die Tüte über den Tresen. — Und kommen Sie gern wieder, falls die Rente reicht. Oder falls Ihr Opa spendabel ist.

Ich nahm die Tüte entgegen und sah sie aufmerksam an.

— Laura Meier, — sagte ich ruhig. — Seit wann arbeiten Sie hier?

Sie runzelte die Stirn und verschränkte die Arme vor der Brust.

— Was geht Sie das an?

— Ich frage nur aus Interesse.

— Drei Jahre, wenn Sie es unbedingt wissen wollen, — fuhr sie mich an. — Seit drei Jahren stehe ich hier. Und weiter?

— Also drei Jahre, — sagte ich und nickte langsam. — Verstehe. Dann wissen Sie sicher auch, wem diese Boutique gehört?

Laura Meier verzog das Gesicht, als sei schon die Frage eine Zumutung.

— Natürlich weiß ich das. Früher gehörte der Laden Clara Peters. Dann hat sie ihn an irgendwen verkauft. Die neue Besitzerin habe ich allerdings noch nie gesehen. Um alles kümmert sich Johanna Schmitt, unsere Filialleiterin. Warum wollen Sie das wissen?

— Wo ist Frau Schmitt im Moment? — fragte ich.

— Im Lager. Sie nimmt neue Ware an. Gerade ist eine Lieferung gekommen. Wollen Sie sich etwa beschweren? — Laura Meier lachte spöttisch auf. — Worüber denn bitte? Ich habe Ihnen nichts getan. Ich habe Ihnen das Kleid verkauft und die Zahlung angenommen. Alles ordnungsgemäß.

— Rufen Sie sie bitte her, — bat ich.

— Wozu brauchen Sie denn die Filialleiterin? — Die Verkäuferin verdrehte die Augen. — Frau Schmitt hat zu tun. Sie kann sich nicht mit jeder älteren Dame unterhalten, die Langeweile hat.

— Rufen Sie sie trotzdem.

Laura Meier schnaubte, zog aber ihr Telefon hervor und wählte eine Nummer.

— Johanna, hier ist eine Kundin, die unbedingt mit dir sprechen will. Ja, sofort. Komm bitte mal nach vorn, sonst steht sie hier weiter herum und geht nicht. Genau, im Verkaufsraum. Gut.

Sie legte auf und sah mich herausfordernd an.

— Sie kommt gleich. Aber Sie verschwenden nur Ihre Zeit. Ich habe nichts Schlimmes gesagt. Im Gegenteil, ich bin höflich. Fragen Sie ruhig andere Kunden.

Ich schwieg. Mit der Tüte in der Hand blieb ich am Tresen stehen und blickte zum Fenster hinaus. Hinter der Scheibe fiel Schnee, Menschen eilten über den Gehweg, jeder unterwegs zu seinen eigenen Angelegenheiten. Ein ganz gewöhnlicher Wintertag. Ein ganz normales Geschäft. Und doch würde sich hier gleich alles verändern.

Nach etwa einer Minute trat eine Frau von ungefähr fünfundvierzig Jahren aus dem hinteren Bereich. Sie trug einen strengen grauen Hosenanzug, hielt eine Mappe unter dem Arm und wirkte erschöpft. Johanna Schmitt. Die Filialleiterin. Ich hatte sie schon einmal getroffen, vor einem Monat, als ich den Kaufvertrag für die Boutique unterschrieben hatte. Doch sie erkannte mich nicht. Damals hatte ich eine Brille getragen, das Haar zu einem festen Knoten gebunden und einen dunklen Businessanzug angehabt. Heute fiel mir das Haar offen über die Schultern, ich trug Jeans, einen weichen Pullover und nur dezentes Make-up. Es war ein völlig anderes Bild.

— Guten Tag, — sagte Johanna Schmitt höflich, wenn auch etwas vorsichtig. — Womit kann ich Ihnen helfen?

— Guten Tag, — erwiderte ich. — Sagen Sie bitte, spricht Laura Meier immer in diesem Ton mit Kundinnen?

Die Filialleiterin zog die Brauen zusammen und sah sofort zu der Verkäuferin hinüber.

— Was ist passiert? Laura, gab es Schwierigkeiten?

— Überhaupt keine! — Laura Meier fuhr empört auf. — Ich habe ganz normal mit ihr gesprochen! Sie sucht nur nach einem Grund, sich aufzuregen!

— Sie hat mich als alte Oma bezeichnet, — sagte ich ruhig und sah Johanna Schmitt direkt in die Augen. — Außerdem bot sie an, mich zum Ausgang zu begleiten.

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