— Oma, soll ich Sie vielleicht bis zur Tür begleiten? — spottete die Verkäuferin und musterte mich unverhohlen von Kopf bis Fuß. — Diese Sachen hier sind nichts für Rentnerinnen. Auf dem Wochenmarkt wären Sie vermutlich besser aufgehoben.
Ich stand vor der Vitrine mit den Kleidern. In der Hand hielt ich meine Tasche, die Jacke hing über meiner Schulter. Das Mädchen hinter dem Tresen sah mich an, als hätte es ein Insekt im Dessert entdeckt.
— Ich möchte mich nur umsehen, — erwiderte ich ruhig.
— Natürlich, nur umsehen, — schnaubte sie. — Solche Kundinnen kennen wir. Erst alles anprobieren, zerknittern und dann ohne Einkauf verschwinden. Das hier ist eine Boutique, falls Sie es nicht bemerkt haben. Kein Secondhandladen.
Sie mochte etwa achtundzwanzig sein, trug ein enges schwarzes Kleid, auffällige Nägel und einen Gesichtsausdruck, der vor Arroganz nur so tropfte. Auf ihrem Namensschild stand: Laura Meier.

Für einen Moment schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: Sie ahnte nicht einmal, dass ich diese Boutique samt Gebäude vor einem Monat gekauft hatte. Und dass sie gerade ihre eigene Chefin beleidigte.
— Darf ich mir Ihre neuen Modelle ansehen? — fragte ich und deutete auf die Kleiderstange.
— Die Neuheiten? — Laura Meier ging an der Auslage entlang und rückte ein paar Bügel zurecht. — Oma, sind Sie sicher? Das sind teure Stücke. Sehr teuer. Vielleicht schauen Sie lieber bei den reduzierten Artikeln. Da hängt etwas Schlichteres.
Ich trat näher heran und nahm ein blaues Kleid vom Ständer. Der Stoff fühlte sich weich und seidig an, der Schnitt war klassisch. Ein gutes Kleidungsstück.
— Was kostet dieses hier? — erkundigte ich mich.
Laura Meier warf einen Blick auf das Etikett und verzog den Mund.
— Sechshundertachtzig Euro, — sagte sie gedehnt. — Aber Sie müssen gar nicht erst genauer hinsehen. Das liegt eindeutig außerhalb Ihres Budgets.
Ich schwieg. Das Kleid blieb in meinen Händen, während ich die Nähte betrachtete und die Verarbeitung prüfte. Es war seinen Preis wert. Vielleicht hätte man sogar mehr dafür verlangen können.
— Ich würde es gern anprobieren, — sagte ich.
— Im Ernst? — Sie zog eine Augenbraue hoch. — Ihnen ist schon klar: Wenn Sie es beschmutzen oder beschädigen, müssen Sie es kaufen. Das sind unsere Regeln. Sechshundertachtzig Euro erlässt Ihnen hier niemand.
— Das ist mir bewusst, — antwortete ich mit einem Nicken.
— Na gut, — sie zuckte mit den Schultern. — Ihre Entscheidung. Aber wenn Sie es sowieso nicht nehmen, sagen Sie es gleich. Verschwenden Sie bitte nicht unnötig meine Zeit. Ich habe bald Mittagspause.
Sie nahm das Kleid vom Bügel und reichte es mir achtlos hin, als wäre es ein Putzlappen.
— Die Kabine ist dort hinten, — sagte sie und nickte in die Ecke. — Und seien Sie vorsichtig mit dem Reißverschluss. Italienische Ware, empfindlich.
Ich ging mit dem Kleid in die Umkleide, schloss die Tür, zog mich aus und schlüpfte hinein. Es saß vollkommen richtig. Das Blau betonte meine Augen, der Schnitt kaschierte, was kaschiert werden sollte, und die Länge stimmte ebenfalls. Vor dem Spiegel drehte ich mich einmal zur Seite. Ein schönes Kleid. Hochwertig. Jeden Euro wert.
Als ich wieder hinaustrat, saß Laura Meier hinter dem Tresen, blätterte in einer Zeitschrift und kaute Kaugummi. Nicht einmal den Kopf hob sie.
— Wie sieht es aus? — fragte ich.
Nur widerwillig löste sie den Blick von der Seite, die sie gerade gelesen hatte, und musterte mich.
— Na ja, im Grunde ganz in Ordnung, — meinte sie träge. — Für Ihr Alter sogar akzeptabel. Obwohl der Ausschnitt ehrlich gesagt etwas gewagt ist. Mit fünfzig sollte man sich nicht mehr so präsentieren. Falten am Hals sind nun mal kein Schmuck.
Ich bin vierundfünfzig. Ja, ich habe Falten. Aber ich schäme mich nicht für sie. Ich habe sie mir verdient. Jede einzelne steht für Arbeit, Erfahrung und alles, was ich überwunden habe.
— Ich nehme es, — sagte ich.
Laura Meier legte die Zeitschrift beiseite und richtete sich auf.
— Wirklich? — In ihrer Stimme lag unverhohlene Verwunderung. — Wissen Sie überhaupt, wie viel es kostet?
— Sechshundertachtzig Euro, — wiederholte ich. — Ja, ich weiß es.
Die Verkäuferin erhob sich, kam ein Stück näher und kniff die Augen zusammen, als sähe sie mich plötzlich mit anderem Interesse.
— Hm, — machte sie gedehnt. — Und womit möchten Sie bezahlen? Mit der Rente in Monatsraten? Oder haben Ihre Enkelinnen zusammengelegt?
Ich holte meine Karte aus der Tasche und legte sie auf den Tresen.
— Mit dieser Karte.
Laura Meier nahm sie, drehte sie zwischen den Fingern und bemerkte das schwarze Plastik sowie das Logo des Premium-Bankings. Dann schnaubte sie leise.
— Oh, eine schwarze Karte, — sagte sie mit kaum verhohlenem Spott. — Haben Sie etwa einen reichen Mann gefunden? Oder hilft ein großzügiger Gönner aus?
Sie verzog den Mund, als wolle sie noch eine weitere, besonders verletzende Bemerkung nachschieben.
