„Für dich und Elias Möller tue ich doch alles“, sagte Markus und ließ seine Frau Anna wie angewurzelt im Spielzeugladen stehen

Heuchlerisch und herzlos, ein schmerzhaftes, bitteres Erwachen.
Geschichten

»Und was war mit den Küssen?«, stieß Markus hervor. »Mit den Geschenken für deinen Sohn? Mit unseren Treffen?«

»Ich habe dich nie darum gebeten, ihm Spielzeug zu kaufen!«, gab Emilia wütend zurück. »Und ein Kuss ist kein Vertrag fürs Leben. Sag mal, bist du gestern erst vom Dorf gekommen?«

»Dann war ich also der Idiot, der bezahlt hat…«

»War ich denn für dich mehr als das?«, fragte Emilia und verzog den Mund zu einem bösen Lächeln. »Du hast eine Frau. Ein Kind. Oder hast du wirklich gedacht, ich nehme dir dieses Gerede von der großen Liebe ab?«

Aus dem Kinderzimmer drang ein Weinen. Emilia zuckte zusammen, drehte sich nervös zur Tür und sagte knapp:

»Geh jetzt. Theo kommt gleich nach Hause.«

»Ach, so läuft das also!«, brüllte Markus. »Ich war bloß dein Zeitvertreib? Deine Melkkuh?«

»Was hast du denn erwartet?«, fragte Emilia plötzlich kühl. »Ein verheirateter Mann mit Kind sucht sich ein Abenteuer nebenbei. Hast du geglaubt, ich sei so dumm, dir die Geschichte von deiner unglücklichen Ehe abzukaufen?«

»Ich habe keine Frau mehr! Wegen dir habe ich meine Familie verloren!«

»Wegen dir selbst«, schnitt Emilia ihm das Wort ab. »Wegen deiner eigenen Wünsche und Entscheidungen. Und jetzt willst du mir die Schuld dafür geben?«

»Du mieses Stück«, zischte Markus. »Eine berechnende, gierige Schlampe.«

»Vielleicht«, sagte Emilia gleichgültig und zuckte mit den Schultern. Dann öffnete sie die Wohnungstür. »Komm nie wieder her.«

»Wir sehen uns noch!«, knurrte Markus, während er hinaustrat. »Frauen wie du bekommen irgendwann, was sie verdienen.«

»Drohst du mir?«, fragte Emilia spöttisch. »Dann schreib dir am besten gleich die Nummer der nächsten Polizeidienststelle auf. Die wirst du brauchen.«

Die Wochen bis zum Gerichtstermin zogen sich endlos dahin, träge und zäh wie kalter Honig. Markus versuchte mehrmals, Anna Lang anzurufen. Er verlangte ein Treffen, wollte reden, erklären, sich irgendwie zurück in ihr Leben drängen. Doch sie antwortete jedes Mal mit derselben trockenen Ruhe:

»Wir sprechen vor Gericht.«

»Anna, wir sind eine Familie! Vier Jahre, verstehst du? Vier Jahre zusammen!«, versuchte er bei einem dieser Anrufe, sie an ihre gemeinsame Zeit zu erinnern.

»Markus, du hast Noah und mich verraten. Nicht einmal. Immer wieder.«

»Was habe ich denn so Schreckliches getan?«

»Auf Wiederhören, Markus. Wir sehen uns im Gerichtssaal.«

Bis zuletzt war Markus überzeugt, Anna würde im letzten Moment einknicken. Sie würde sich an die Ehe erinnern, an die gemeinsamen Jahre, an das Wort Familie. Wohin sollte sie schon gehen, allein mit einem Kind? Welcher Mann würde sich für eine Frau interessieren, die bereits einen Sohn hatte?

Doch als er sie vor Gericht sah, begriff er sofort: Es gab keinen Weg zurück. Anna stand ruhig da, fast unerschütterlich. Sie beantwortete die Fragen der Richterin mit klarer Stimme und sah Markus an, als wäre er ein Fremder, dem sie zufällig auf der Straße begegnet war.

»Frau Lang, bitte schildern Sie dem Gericht die Gründe für Ihren Scheidungsantrag«, wandte sich die Richterin an sie.

Anna hob den Blick.

»Mein Ehemann hat über Jahre hinweg Geld aus unserem Familienbudget für eine außereheliche Beziehung ausgegeben. Er hat mich und unser Kind regelmäßig über unsere finanzielle Lage belogen. Die Bedürfnisse unseres minderjährigen Sohnes hat er wiederholt ignoriert.«

»Herr Friedrich, möchten Sie dazu Stellung nehmen?«

Markus öffnete den Mund. Er wollte etwas sagen. Irgendeine Erklärung liefern. Doch die Worte blieben stecken. Wie sollte er einer Richterin begreiflich machen, dass er doch nur hatte glücklich sein wollen?

»Stimmen Sie der Scheidung zu?«, fragte die Richterin.

Er wollte Nein sagen. Aus Trotz. Aus Wut. Aus Angst. Aber das Wort kam nicht über seine Lippen. Die Frau neben ihm sah aus wie Anna, und doch war sie es nicht mehr. Seine Anna, die nachgab, schwieg, wartete und verzieh, war verschwunden.

»Ich stimme zu«, presste er schließlich zwischen den Zähnen hervor.

»Beantragt die Klägerin Kindesunterhalt?«

»Ja«, antwortete Anna ohne Zögern. »Fünfundzwanzig Prozent sämtlicher Einkünfte des Beklagten.«

»Das ist Raub!«, fuhr Markus auf. »Ich muss Miete zahlen, ich habe Kredite!«

»Darüber hättest du früher nachdenken sollen«, sagte Anna eisig. »Damals, als du unser Geld für eine fremde Frau ausgegeben hast.«

Gemeinsames Vermögen gab es nicht zu teilen. Übrig waren nur Schulden auf Kreditkarten, und die wurden Markus zugerechnet. Der Unterhalt wurde auf ein Viertel seines Gehalts festgesetzt: rund hundertachtzig Euro im Monat.

Als sie das Gerichtsgebäude verließen, versuchte Markus, Anna noch einmal einzuholen.

»Anna, vielleicht könnten wir…«

»Auf Wiedersehen«, unterbrach sie ihn und ging weiter, ohne sich umzudrehen.

»Das wirst du bereuen!«, rief er ihr hinterher. »Alleinerziehende Mutter mit Kind! Wer nimmt dich denn noch?«

Anna blieb stehen. Langsam wandte sie sich um und sah ihn an.

»Weißt du, Markus, was dein größter Irrtum ist? Du glaubst, eine Frau sei ohne Mann nicht vollständig. In Wahrheit wird ihr Leben erst dann unvollständig, wenn der falsche Mann darin Platz einnimmt.«

Zu Hause setzte sich Markus an den Tisch und griff zum Taschenrechner. Sein Gehalt: siebenhundert Euro. Abzüglich Unterhalt blieben fünfhundertzwanzig. Die Miete verschlang dreihundert, Nebenkosten fünfzig, Lebensmittel mindestens hundert. Für alles andere blieben siebzig Euro.

Früher hatte Anna zusätzlich rund sechshundertzwanzig Euro nach Hause gebracht. Jetzt war auch dieses Geld fort, mit ihr zusammen zu ihrer Mutter gezogen.

»Was für ein verdammtes Leben!«, schrie Markus in die leere Wohnung hinein. »Alle Frauen sind gleich! Gierige Miststücke! Erst benutzen sie Männer als Geldautomaten, und wenn nichts mehr zu holen ist, werfen sie einen weg wie alten Müll!«

Er schleuderte den Taschenrechner gegen die Wand. Das Plastikgehäuse platzte auf, kleine Teile sprangen über den Boden.

»Emilia hat mich belogen, mich ausgenommen, meine Geschenke angenommen, obwohl sie genau wusste, dass ich verheiratet bin! Und die da…« Er zeigte mit dem Finger in die Luft, als stünde Anna direkt vor ihm. »Die lässt mich im schwierigsten Moment fallen und holt sich auch noch Unterhalt! Als würde ich ihr irgendetwas schulden!«

Rastlos lief er durch das Zimmer. Alles, was ihm in den Weg kam, stieß er mit dem Fuß beiseite.

Sie hatten alle nur sein Geld gewollt. Verfluchte Parasiten.

Am widerwärtigsten war für ihn jedoch, dass beide Frauen sich im Recht fühlten. Emilia mit ihrem »Ich wollte dir nichts versprechen«, Anna mit ihrem »Du bist selbst schuld an der Scheidung«. Heuchlerinnen. Beide.

Während Markus in seiner Wohnung tobte, schob Anna im Park langsam ein Fahrrad neben sich her und beobachtete, wie Noah Huber lernte, das Gleichgewicht zu halten. Maria Weiß fuhr auf ihrem eigenen Rad dicht neben dem Jungen her und feuerte ihn an:

»Sehr gut, Noah! Nicht nach unten schauen, immer nach vorn! Stell dir vor, du fliegst!«

»Mama, guck mal! Ich fahre! Siehst du?«, rief Noah begeistert.

»Ich sehe es, mein Großer! Du machst das wunderbar! Ein richtiger Radfahrer!«, antwortete Maria Weiß voller Stolz.

Anna lächelte. Gleichzeitig zog sich in ihr etwas zusammen, ein kleines, unerwartetes Stechen. Maria Weiß ging so selbstverständlich mit Noah um, als wäre er ihr eigener Enkel. Und Noah suchte ihre Nähe, erzählte ihr von kleinen Sorgen und Erlebnissen, die er früher nur seiner Mutter anvertraut hatte.

Sei nicht eifersüchtig, ermahnte Anna sich. Dein Kind braucht Zuwendung. Und du arbeitest von früh bis spät.

In diesem Moment wurde ihr auf einmal klar, dass sie innerhalb eines einzigen Monats etwas gewonnen hatte, was sie während der Ehe nie wirklich besessen hatte: Ruhe. Niemand verlangte Rechenschaft über jede Ausgabe. Niemand machte ihr Szenen. Niemand log ihr ins Gesicht. Sie hatte bereits dreihundert Euro zurückgelegt. Noch ein Jahr, vielleicht etwas länger, und sie konnte ernsthaft über eine eigene Wohnung oder einen Kredit nachdenken.

Am Abend, als Noah eingeschlafen war, saß Anna mit einer Tasse heißem Kakao auf der Veranda. Ihr Telefon blieb stumm. Markus hatte seit einem Monat nicht mehr angerufen. Der Unterhalt kam pünktlich.

Seltsam, dachte sie. Vor einem Jahr hätte mich seine Gleichgültigkeit zerrissen. Jetzt ist sie nur noch eine Tatsache. Nicht wichtiger als das Wetter draußen.

Ihr Leben begann tatsächlich, wieder in Ordnung zu kommen. Die Arbeit brachte nicht nur Geld, sondern auch ein Gefühl von Wert und Zufriedenheit. Noah fing an zu lesen und fragte immer seltener, warum Papa nicht mehr bei ihnen wohnte.

Und das Wichtigste: Anna hatte aufgehört, sich für die Entscheidungen anderer Menschen verantwortlich zu fühlen. Markus hatte seine Wahl getroffen. Emilia ebenfalls.

Nun war sie an der Reihe gewesen.

Und ihre Entscheidung hatte sich als richtig erwiesen.

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