„Für dich und Elias Möller tue ich doch alles“, sagte Markus und ließ seine Frau Anna wie angewurzelt im Spielzeugladen stehen

Heuchlerisch und herzlos, ein schmerzhaftes, bitteres Erwachen.
Geschichten

»Wann könnte ich beginnen?«, fragte Anna.

»Wenn es Ihnen möglich ist, schon morgen. Ich brauche im Moment wirklich jemanden an meiner Seite.«

Als Anna ihrem Mann am Abend mitteilte, wozu sie sich entschieden hatte, fuhr Markus Friedrich auf, als hätte sie ihm eine Ungeheuerlichkeit eröffnet.

»Bist du völlig verrückt geworden?«, platzte es aus ihm heraus. »Was soll das heißen, Arbeit? Und was heißt, du ziehst zu irgendeiner fremden Frau?«

Anna blieb ruhig. Sie faltete Noahs Pullover zusammen und legte ihn in eine Reisetasche.

»Es ist eine befristete Stelle als Gesellschafterin bei einer anständigen älteren Dame«, erklärte sie. »Das Zimmer ist kostenlos, die Bezahlung gut. So kann ich endlich etwas für die Anzahlung einer eigenen Wohnung zurücklegen.«

»Wir leben doch gut!«, rief Markus. »Was fehlt dir denn bitte?«

Gut. So nannte er es also, wenn er sein Geld für eine andere Frau ausgab, während ihr gemeinsamer Sohn in abgetragenen Schuhen herumlief.

»Mir fehlt eine Zukunft«, sagte Anna leise.

»Anna, du kannst doch nicht einfach verschwinden! Wir sind eine Familie!«

»Das weiß ich. Und genau deshalb übernehme ich jetzt Verantwortung für mein Leben.«

»Was ist bloß aus dir geworden? Früher warst du eine normale Ehefrau!«

Sie hielt inne, drehte sich zu ihm um und sah ihn lange an.

»Nein, Markus. Früher war ich bequem. Das ist ein Unterschied.«

Noch eine halbe Stunde tobte er durch die Wohnung. Er schrie, drohte, wechselte dann zu Bitten, versprach, alles werde anders, nur um im nächsten Moment wieder Vorwürfe auszustoßen. Anna hörte kaum noch hin. Sie packte inzwischen Noahs Sachen ein, kontrollierte Dokumente, legte die wichtigsten Medikamente beiseite.

Am nächsten Morgen, kaum dass Markus zur Arbeit gegangen war, rief sie einen Umzugsdienst an.

»Mama, wohnen wir dann wirklich in einem großen Haus?«, fragte Noah und beobachtete mit runden Augen, wie zwei Männer Kartons aus dem Flur trugen.

Anna kniete sich zu ihm hinunter.

»Ja, mein Schatz. Dort gibt es sogar einen Garten. Und eine Schaukel.«

»Kommt Papa auch mit?«

Sie strich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn.

»Papa bleibt erst einmal hier. Aber er kann dich besuchen.«

Noah dachte kurz darüber nach und nickte dann, als sei damit alles geklärt.

»Gut.«

Maria Weiß erwartete sie bereits an der Haustür. Sie trug eine schlichte Strickjacke, ihr graues Haar war ordentlich hochgesteckt, und in ihrer Miene lag eine Wärme, die Anna beinahe verlegen machte.

»Willkommen in Ihrem neuen Zuhause«, sagte sie und half sofort dabei, die Taschen und Kisten zu verteilen.

Noah war kaum aus der Jacke geschlüpft, da lief er schon hinaus in den Garten. Anna sah ihm nach und begriff sehr schnell, dass Maria weniger jemanden zum Aufräumen brauchte als vielmehr einen lebendigen Menschen im Haus. Jemanden, der Stille füllte. Jemanden, der sie daran hinderte, in Erinnerungen zu versinken.

Beim Abendessen, als Noah müde, aber glücklich über seine Entdeckungen berichtete, wandte sich Anna vorsichtig an Maria.

»Wenn Sie möchten, könnten wir morgen auf den Friedhof fahren.«

Maria hob überrascht den Kopf.

»Sind Sie sicher? Das ist kein besonders heiterer Ort.«

»Vielleicht nicht«, sagte Anna. »Aber die Gräber brauchen Blumen. Und Sie brauchen vielleicht jemanden, der Sie begleitet, wenn Sie mit ihnen sprechen.«

Für einen Moment zitterten Marias Finger. Dann legte sie ihre Hand auf Annas.

»Danke. Ich wollte schon lange hin. Allein habe ich mich nicht getraut.«

Von da an rief Markus jeden Abend an.

»Anna, hör auf mit diesem Unsinn«, sagte er beim ersten Mal. »Du fehlst hier. Komm nach Hause.«

»Ich arbeite«, antwortete sie. »Ich habe einen Vertrag für ein halbes Jahr.«

»Dein verdammter Vertrag ist mir egal! Du bist meine Frau!«

»Ich bin ein Mensch, Markus. Und ich halte mich an das, was ich zugesagt habe.«

Noah gewöhnte sich erstaunlich rasch an das Haus. Maria zeigte ihm, wie man mit Wasserfarben malt, wie man Licht und Schatten auf ein Blatt bringt. Anna wiederum las Maria abends vor. Ihre Aussprache war klar, ihre Stimme ruhig, und Maria schien sich daran zu halten wie an einem Geländer.

»Sie haben eine schöne Stimme«, sagte sie eines Abends, nachdem Anna ein Kapitel beendet hatte. »Sie könnten beim Radio arbeiten.«

Anna lächelte unsicher.

»Davon habe ich früher tatsächlich geträumt.«

»Und dann?«

»Dann habe ich geheiratet. Dann kam Noah. Und irgendwie… blieb alles liegen.«

»Sie haben Ihre Träume begraben?«

»Nein«, widersprach Anna nach kurzem Überlegen. »Ich habe sie nur aufgeschoben. Aber aus ein paar Monaten wurden Jahre.«

Maria sah sie aufmerksam an.

»Mit sechsundzwanzig ist nichts zu spät. Man darf nur nicht glauben, dass das Leben schon vorbei ist.«

Zwei Wochen später erklärte Anna sich bereit, Markus in einem Café zu treffen. Er sah erschöpft aus. Seine Augen lagen tief, das Hemd war schlecht gebügelt, und doch begann er nicht mit einer Entschuldigung, nicht einmal mit einer Begrüßung.

»Wo ist dein Gehalt?«, fragte er, noch bevor sie richtig saß.

Anna zog die Augenbrauen hoch.

»Wie rührend, deine Fürsorge. Ich gebe es für unseren Sohn und für mich aus.«

»Anna, hör endlich auf mit dieser Albernheit. Ich bin dein Mann. Ich habe ein Recht zu wissen, was mit deinem Geld passiert.«

»Noch bist du mein Mann«, sagte sie und nahm eine Mappe aus ihrer Tasche. »Hier. Die Ladung vom Gericht. Ich habe die Scheidung eingereicht.«

Markus starrte auf das Papier. Als er den Stempel sah, wich alle Farbe aus seinem Gesicht.

»Warum?«, brachte er hervor. »Wir hatten es doch gut miteinander.«

»Du hattest es gut. Ich habe nur funktioniert.«

»Aber Scheidung? Was habe ich denn getan?«

Anna sah ihn an.

»Emilia.«

Das Wort fiel zwischen sie wie ein Stein. Markus’ Kiefer spannte sich, seine Hände ballten sich zu Fäusten, und sein Gesicht verzerrte sich.

»Das… das ist nicht so, wie du denkst.«

»Das Spielzeug für ihren Sohn für achtzig Euro? Die Treffen jede Woche in dem Café an der Friedrichstraße? Die Küsse? Was genau ist daran nicht so?«

»Du hast mich beschattet?«, fuhr er auf. »Wie kannst du es wagen?«

»Ich habe dich zufällig gesehen. Und ja, ich wage es, dich darauf hinzuweisen, dass du für ein fremdes Kind Geld hast, während dein eigenes in kaputten Schuhen herumläuft.«

»Wir hatten eine Krise!«, stieß Markus hervor. »Ich habe sie ein paarmal getroffen, na und? Was ist daran so schlimm?«

»Schlimm ist, dass ihre Wünsche für dich wichtiger waren als die Bedürfnisse deines Sohnes.«

Markus lehnte sich zurück und rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht.

»Gut. Ja. Da war etwas. Aber ich habe dich nicht verlassen. Meine Familie ist mir heilig.«

Anna lachte nicht. Gerade das machte ihre Antwort schärfer.

»So heilig, dass du sie bei der ersten Gelegenheit verraten hast.«

Sie stand auf und nahm ihre Tasche.

»Wo willst du hin?«, rief Markus. »Wir sind noch nicht fertig!«

»Doch«, sagte Anna. »Ich bin fertig. Wir sehen uns vor Gericht.«

Sie verließ das Café, ohne sich noch einmal umzudrehen, obwohl er ihr etwas hinterherrief.

Als Anna in das Haus von Maria Weiß zurückkehrte, setzte sie sich auf die Veranda und blieb lange dort. Die Dunkelheit breitete sich über dem Garten aus, irgendwo raschelten Blätter, und aus Noahs Zimmer drang ein leises, zufriedenes Atmen. Das Gespräch mit Markus hatte sie stärker erschüttert, als sie zugeben wollte. Sie hatte geglaubt, danach würde es leichter werden. Stattdessen kochte in ihr noch immer Wut auf den Mann, mit dem sie vier Jahre ihres Lebens verbracht hatte.

Die Tür öffnete sich leise. Maria trat mit zwei Tassen Tee hinaus.

»Ist etwas passiert?«

Anna nahm eine Tasse entgegen und wärmte ihre Hände daran.

»Ich habe mich mit meinem Mann getroffen. Ich habe ihm gesagt, dass die Scheidung läuft.«

»Und? Wie hat er reagiert?«

Anna lächelte bitter.

»Zuerst wollte er wissen, wo mein Gehalt ist. Danach war er ehrlich erstaunt, dass ich mich scheiden lassen will.«

Maria setzte sich neben sie.

»Erzählen Sie. Manchmal ordnen sich die Gedanken erst, wenn man sie laut ausspricht.«

Und Anna erzählte. Von dem Tag im Laden. Davon, wie sie vor Markus’ Büro gewartet hatte. Von den Jahren, in denen sie ihm fast siebzig Prozent ihres Lohns überlassen hatte, während für Noah immer angeblich kein Geld da gewesen war.

»Wissen Sie, was mich am meisten verletzt?«, sagte sie schließlich. »Er glaubt tatsächlich, er habe nichts Falsches getan. Für ihn bin ich einfach nur hysterisch.«

Maria schnaubte trocken.

»Eine bemerkenswerte Logik. Der Geliebten Geld zuzustecken ist offenbar normal, aber sich darüber zu empören, gilt als Hysterie.«

»Genau das«, flüsterte Anna. »Als ich ihn daran erinnerte, dass Noah Förderstunden gebraucht hätte, sagte er, das Kind würde auch ohne so etwas groß werden.«

Maria schwieg lange. Ihr Blick glitt in den dunklen Garten, als sähe sie dort etwas, das Anna verborgen blieb.

»Ulrich hat zweiunddreißig Jahre lang jeden Cent nach Hause gebracht«, sagte sie schließlich leise. »Er hat nie die Hand gegen mich erhoben. Er hat mich nie betrogen. Ich dachte früher, so müsse es eben sein. Selbstverständlich.« Sie wandte sich Anna zu. »Sie haben richtig gehandelt. Das Leben ist zu kurz, um es mit Menschen zu verbringen, die uns nicht schätzen.«

Anna schluckte.

»Wissen Sie, Maria… ich habe seit Jahren mit niemandem mehr wirklich offen gesprochen. Markus hat mich immer unterbrochen. Oder er hat das Gespräch so gedreht, dass am Ende wieder alles um ihn ging.«

Zur selben Zeit stand Markus vor der Wohnungstür von Emilia Köhler und suchte nach dem Mut zu klingeln. Anna war gegangen. Die Wohnung kam ihm seitdem vor wie eine Gruft. Morgen würde er anfangen müssen, ein neues Leben zu ordnen, aber heute wollte er sich an das klammern, was ihm geblieben zu sein schien.

Emilia öffnete im Morgenmantel. Offenbar hatte sie nicht mit Besuch gerechnet.

»Markus?«

»Kann ich reinkommen? Wir müssen reden.«

Sie ließ ihn in den Flur, allerdings ohne ihn weiter in die Wohnung zu bitten.

»Hör zu«, begann Markus hastig. »Alles hat sich verändert. Anna hat die Scheidung eingereicht. Jetzt können wir zusammen sein.«

Emilia wurde blass.

»Markus, du verstehst nicht…«

»Doch, ich verstehe sehr gut. Endlich sind wir frei.«

»Nein«, unterbrach sie ihn scharf. »Du verstehst gar nichts. Ich bin verheiratet.«

Er starrte sie an.

»Verheiratet? Mit wem?«

»Seit zwei Jahren«, sagte sie. »Du hast doch nicht ernsthaft geglaubt, ich sitze herum und warte darauf, dass du irgendwann aufwachst.«

»Seit zwei Jahren?«, presste Markus hervor. Seine Stimme kippte. »Zwei Jahre lang hast du mit mir gespielt? Zwei verdammte Jahre habe ich Geld für dich ausgegeben, meine Frau belogen, und du…«

»Ich habe dich nicht an der Nase herumgeführt!«, fuhr Emilia zurück. »Das hast du dir alles selbst zurechtgelegt. Ich habe nie behauptet, frei zu sein.«

Fortsetzung des Artikels

LebensKlüber