„Für dich und Elias Möller tue ich doch alles“, sagte Markus und ließ seine Frau Anna wie angewurzelt im Spielzeugladen stehen

Heuchlerisch und herzlos, ein schmerzhaftes, bitteres Erwachen.
Geschichten

Wenn Anna nachfragte, wohin das Geld verschwunden sei, bekam sie keine klare Antwort. Markus wich aus, wechselte das Thema oder tat so, als sei ihre Frage kindisch und unangebracht.

»Ich habe einen Plan, wie wir finanziell endlich vorankommen«, erklärte er jedes Mal mit wichtiger Miene. »Mach dir darüber nicht den Kopf kaputt. Frauen haben für Geldangelegenheiten ohnehin kein richtiges Verständnis.«

Anna erzählte ihrer Mutter nur am Rande, dass es in der Ehe kriselte. Sie erwähnte weder Emilia Köhler noch die Ausgaben, die Markus vor ihr verheimlichte. Zu sehr fürchtete sie die üblichen Ratschläge, die mehr nach Aushalten als nach Hilfe klangen.

»Ach, mein Kind, in jeder Ehe gibt es Streit«, winkte ihre Mutter ab, als hätte Anna von einem kaputten Wasserhahn gesprochen. »Eine Frau muss eben klug sein. Männer kochen hoch, laufen davon, beruhigen sich wieder und kommen nach Hause zurück.«

»Und wenn er sich nicht beruhigt?«, fragte Anna leise.

»Natürlich wird er das. Wohin soll er denn? Von einem U-Boot springt man nicht einfach ins Meer. Du bist keine Hysterikerin, du führst den Haushalt gut, du bist eine ordentliche Frau. Man muss solche Zeiten nur durchstehen.«

Lina Huber reagierte weniger beschwichtigend, aber auch sie riet zur Vorsicht. Sie schenkte sich einen kleinen Schluck Cognac nach, sah Anna lange an und seufzte.

»Männer sind manchmal wirklich das Allerletzte«, sagte sie schließlich. »Aber bitte, Anna, mach jetzt nichts Unüberlegtes. Du hast ein Kind. Deine Arbeit ist auch nicht gerade ein Sprungbrett in ein sorgenfreies Leben. Vielleicht solltest du noch einmal ernsthaft mit ihm reden.«

»Warum soll ausgerechnet ich reparieren, was er kaputtgemacht hat?«, entgegnete Anna. »Habe ich irgendetwas falsch gemacht?«

»Nein. Natürlich nicht.« Lina hob beschwichtigend die Hände. »Ich meine nur: Denk praktisch. Wohnung, Geld, Noahs Zukunft…«

»Welche Zukunft? Soll er zusehen, wie sein Vater das Gehalt seiner Mutter für eine fremde Frau und deren Kind ausgibt?«

»Vielleicht ist es nur eine Verirrung. Eine Krise. Männer bekommen so etwas doch manchmal.«

Anna sah ihre Freundin mit müder Nachsicht an.

»Lina… das ist keine Krise. Das ist bereits eine zweite Familie.«

Noch einige Zeit beobachtete sie Markus, als wolle sie sich selbst die letzte Illusion nehmen. Er wurde vorsichtiger, kam nicht mehr so auffällig spät nach Hause und erfand weniger Dienstbesprechungen. Doch die Treffen mit Emilia hörten nicht auf. Sie wurden nur geschickter organisiert, in die Mittagspause verlegt, zwischen zwei angebliche Termine geschoben. Zu Hause versuchte Markus weiterhin, den liebevollen Vater und aufmerksamen Ehemann zu spielen, aber seine Rolle zerfiel ihm immer öfter zwischen den Fingern.

Der peinliche Dialog mit Noah beim Abendessen hatte Anna endgültig gezeigt, wie weit Markus innerlich von ihnen entfernt war. Er wusste nicht einmal mehr, dass sein Sohn noch in den Kindergarten ging. Das versprochene Fahrrad schob er auf den Sommer, so wie er alles auf später verschob: Verantwortung, Wahrheit, Geld, Entscheidungen.

Kurz darauf meldete sich Lina wieder.

»Anna, hör zu, ich habe vielleicht etwas für dich«, begann sie ohne lange Einleitung. »Kennst du Maria Weiß? Sie ist eine Bekannte deiner Mutter. Eine ruhige, anständige Frau. Vor Kurzem hat sie bei einem Unfall ihre Familie verloren – ihren Mann, ihren Sohn und den Enkel. Seitdem lebt sie ganz allein in ihrem Haus. Sie sucht jemanden, der ihr Gesellschaft leistet.«

Anna presste die Finger gegen die Schläfen.

»Lina, ich weiß nicht, ob ich dafür Kraft habe. Mir reicht mein eigenes Chaos.«

»Du sollst sie ja nicht heiraten«, sagte Lina sanfter. »Sprich einfach mit ihr. Vielleicht hilft es euch beiden. Und sie ist bereit, ordentlich zu zahlen.«

»Wie viel?«

»Sechshundert Euro im Monat. Dazu könntest du mit Noah in ihrem Haus wohnen. Anna, verstehst du nicht? Das könnte dein Ausweg sein.«

Anna schwieg. Sechshundert Euro. Keine Miete. Keine Nebenkosten. Ein Dach über dem Kopf, das nicht von Markus’ Launen und Lügen abhing. Zum ersten Mal seit Monaten spürte sie nicht nur Angst, sondern auch den winzigen Anfang einer Möglichkeit.

Einige Wochen später bekam Anna eine Vorauszahlung. Markus sah davon keinen einzigen Cent. Früher hätte sie das Geld in die gemeinsame Schublade gelegt, und am Ende wäre es wieder verschwunden. Diesmal blieb es bei ihr.

»Wo ist das Geld?«, fragte Markus scharf, als er merkte, dass sie ihm nichts hingelegt hatte. Sein Ton verriet, dass er Gehorsam erwartete, nicht eine Erklärung.

Anna stand am Herd und rührte die Suppe um.

»Ich entscheide selbst darüber«, sagte sie ruhig. »In vier Jahren haben wir nichts zurückgelegt. Für Noah gebe ich ab jetzt nur noch Geld aus, das wirklich bei ihm ankommt.«

Markus’ Gesicht lief rot an.

»Was soll diese Frechheit? Ich bezahle die Wohnung, die Nebenkosten, das Essen!«, brüllte er.

Anna erwiderte nichts. Mit einem Mann zu streiten, der ihr Geld nahm und es in ein anderes Leben trug, hatte keinen Sinn. Jedes Wort wäre verschwendete Kraft gewesen. Und Kraft brauchte sie inzwischen für Wichtigeres.

Am Wochenende brachte sie Noah zu ihrer Mutter. Vor dem Haus traf sie Lina, die nicht allein gekommen war. Neben ihr stand eine ältere Dame mit gerader Haltung, gepflegter Frisur und einem eleganten Mantel. Alles an ihr wirkte würdevoll, doch in ihren Augen lag eine Schwere, die Anna sofort bemerkte.

»Anna, darf ich vorstellen«, sagte Lina. »Das ist Maria Weiß.«

»Freut mich sehr«, sagte Anna und spürte unerwartet Sympathie für diese fremde Frau.

»Mich ebenfalls«, antwortete Maria Weiß mit leiser Stimme. »Lina hat viel Gutes über Sie erzählt.«

Sie unterhielten sich nur kurz – über das Wetter, über Kinder, über belanglose Dinge, an denen man sich festhält, wenn das Eigentliche zu groß ist. Noah zog ungeduldig an Annas Hand, weil er endlich zur Großmutter wollte.

»Entschuldigen Sie bitte, wir müssen weiter«, sagte Anna. Doch der Eindruck, den Maria Weiß bei ihr hinterließ, blieb.

Am Abend rief Lina erneut an.

»Du hast Maria gefallen«, sagte sie. »Sie möchte mit dir über die Bedingungen sprechen.«

»Bedingungen?« Anna runzelte die Stirn.

»Für diese Stelle. Gesellschaft leisten, ihr ein wenig im Alltag beistehen. Sie ist allein, das Haus ist groß, und du weißt ja, was passiert ist. Denk darüber nach, Anna. Vielleicht ist genau das die Tür, nach der du suchst.«

Anna sah zu Markus hinüber. Er saß vor dem Fernseher und hob nicht einmal den Kopf, obwohl ihr Telefon klingelte und sie deutlich hörbar sprach. Ihre Gespräche interessierten ihn nicht. Ihre Gedanken auch nicht.

»Gut«, sagte sie schließlich. »Ich treffe mich mit ihr.«

»Das ist vernünftig. Morgen um zwei. Ich schicke dir die Adresse.«

Das Haus von Maria Weiß überraschte Anna schon von außen. Es war keine prunkvolle Villa, aber groß, zweistöckig, hell verputzt, mit breiter Treppe und einem sorgfältig gepflegten Garten. Zwischen Sträuchern und alten Obstbäumen verlief ein schmaler Weg zur Eingangstür. Für einen Moment erinnerte sich Anna an ihre Kindheitstage bei ihrem Großvater, an Sommermorgen, an denen niemand etwas von ihr verlangte.

Maria Weiß öffnete selbst.

»Kommen Sie herein«, sagte sie warm.

Sie führte Anna ins Wohnzimmer. Auf dem Kaminsims standen Fotos in silbernen und hölzernen Rahmen: ein grauhaariger Mann mit gutmütigem Blick, ein junger Mann in Uniform, ein kleiner Junge mit frechem Lächeln und zerzausten Haaren.

Maria blieb vor den Bildern stehen.

»Das war meine Familie«, sagte sie kaum hörbar.

Dann brach ihre Stimme. Sie wandte sich ab, doch die Tränen kamen schneller, als sie sie verbergen konnte.

»Verzeihen Sie…«

Anna trat behutsam zu ihr und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

»Sie müssen sich nicht entschuldigen. Kommen Sie, legen Sie sich einen Augenblick hin.«

Sie brachte Maria Weiß ins Schlafzimmer, half ihr, sich auf die Tagesdecke zu setzen, und wartete, bis die ältere Frau ruhiger atmete. Dann kehrte Anna ins Wohnzimmer zurück. Ohne darüber nachzudenken, sammelte sie die Tassen ein, spülte sie in der Küche, wischte die Arbeitsfläche ab und goss die Blumen, deren Erde in den Töpfen trocken und rissig war.

Seltsam – in diesem Haus, das von Verlust erfüllt war, empfand Anna eine Ruhe, die sie in ihrer eigenen Wohnung schon lange nicht mehr gespürt hatte. Kein Fernseher dröhnte. Niemand verlangte Geld. Niemand log ihr ins Gesicht.

Nach etwa einer halben Stunde erschien Maria Weiß wieder im Türrahmen.

»Es tut mir leid«, sagte sie. »Ich wollte mich vor Ihnen nicht so gehen lassen.«

»Das ist nicht schlimm«, antwortete Anna. »Ich kann mir vorstellen, wie schwer es sein muss, allein mit all diesen Erinnerungen zu leben.«

Maria betrachtete sie aufmerksam.

»Auch Sie tragen etwas mit sich herum.«

Anna lächelte traurig.

»Ja. Aber bei mir gibt es wenigstens noch etwas, das ich ändern kann.«

Maria setzte sich in einen Sessel und faltete die Hände im Schoß.

»Dann mache ich Ihnen einen Vorschlag. Ziehen Sie mit Ihrem Sohn zu mir. Das Haus ist groß, viel zu groß für mich allein. Für Essen komme ich auf, und zusätzlich zahle ich Ihnen sechshundert Euro im Monat.«

Anna war sprachlos. Diese Summe, dazu die ersparte Miete und die Nebenkosten – es war mehr, als sie zu hoffen gewagt hatte.

»Zunächst für ein halbes Jahr«, fügte Maria hinzu. »Bis ich meine Familienangelegenheiten geordnet habe und Sie sehen, ob es für Sie passt.«

»Einverstanden«, sagte Anna nach kurzem Schweigen.

Maria erhob sich.

»Dann zeige ich Ihnen das Zimmer.«

Im ersten Stock öffnete sie eine helle, geräumige Kammer mit zwei Betten, einem Schreibtisch und einem großen Fenster zum Garten. Draußen bewegten sich die Zweige im Wind, und für einen Augenblick fühlte Anna wieder diese alte, vergessene Freiheit aus Kindertagen.

»Es gefällt mir«, sagte Anna.

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