„Für dich und Elias Möller tue ich doch alles“, sagte Markus und ließ seine Frau Anna wie angewurzelt im Spielzeugladen stehen

Heuchlerisch und herzlos, ein schmerzhaftes, bitteres Erwachen.
Geschichten

»Warum hast du das Geld heute nicht mitgebracht?«, fragte Markus Friedrich seine Frau überrascht.

»Du wirst begeistert sein, mein Schatz. Das ist der beste Transformer im ganzen Laden«, erklang eine Stimme hinter dem Regal.

Anna Lang legte gerade ein paar Kindersocken in ihren Einkaufskorb, als sie aus der benachbarten Reihe eine vertraute Stimme hörte. Es war die Stimme ihres Mannes. Sie blieb wie angewurzelt stehen und lauschte.

Durch die Regale mit Spielsachen hindurch erkannte sie Markus. In seinen Händen hielt er einen teuren Roboter — genau so einen, von dem ihr vierjähriger Sohn Noah Huber schon lange träumte. Neben Markus stand eine fremde Frau, etwa dreißig Jahre alt. An ihrer Hand hielt sie einen kleinen Jungen, vielleicht drei.

»Du bist so gut zu uns«, sagte die Frau und küsste Markus zärtlich auf die Wange. »Danke.«

Dieser Kuss dauerte zu lange, um nur ein höfliches Dankeschön zu sein. Darin lag Vertrautheit, Gewohnheit, eine Nähe, die man nicht vorspielen musste.

»Für dich und Elias Möller tue ich doch alles«, antwortete Markus und strich dem Jungen liebevoll über den Kopf.

Anna wich in die Ecke zurück und versuchte, ruhig Luft zu holen. Noch am Abend zuvor hatte Markus sich geweigert, Noah neue Schuhe zu kaufen, obwohl der Junge seit einem Monat darum bat.

»Geld wächst nicht auf Bäumen«, hatte er seinem Sohn streng erklärt. »Die alten Schuhe gehen noch. Hör auf zu quengeln.«

Jetzt aber gab er ohne jedes Zögern und sogar mit einem Lächeln rund achtzig Euro für ein Spielzeug aus — für ein fremdes Kind.

Anna wandte sich hastig zum Ausgang. Den Korb mit den Socken ließ sie stehen. In ihrer Tasche steckte der Umschlag mit ihrem Gehalt: neunhundert Euro. Wie in den vergangenen vier Jahren würde sie Markus am Abend siebzig Prozent davon geben. So hatten sie es nach der Hochzeit vereinbart. Er verwaltete das Familienbudget, er entschied über alle Ausgaben. »Der Mann muss das Oberhaupt der Familie sein«, hatte er sie damals überzeugt.

Markus kam wie immer zur gewohnten Zeit nach Hause. Er küsste Anna flüchtig auf die Stirn, spielte fünf Minuten mit Noah und ließ sich danach vor dem Fernseher nieder.

»Wie war es heute bei der Arbeit?«, fragte Anna, während sie den Umschlag hervorholte.

»Wie immer. Die Leitung nervt mit ihren Forderungen«, murmelte er, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen.

Anna reichte ihm sechshundertdreißig Euro statt der üblichen sechshundertfünfzig. Markus zählte die Scheine nach und runzelte die Stirn.

»Da fehlen zwanzig Euro.«

»Ich habe Lebensmittel für Noah gekauft. Er braucht Vitamine.«

»Sag mir das nächstes Mal vorher«, brummte Markus und steckte das Geld in seine Brieftasche. »Ich mag keine Überraschungen im Budget.«

»Markus, was ist eigentlich mit Noahs Schuhen? Es ist schon Oktober. Bald beginnt der Regen.«

»Ich kaufe sie am Wochenende. Ganz sicher. Mach dir keinen Kopf.«

»Und die Jacke? Die vom letzten Jahr ist ihm zu klein.«

»Auch die Jacke. Keine Sorge, es wird alles besorgt. Du weißt doch, ich rede nicht einfach so daher.«

Anna nickte nur. Ihr Geld war längst für den Jungen aus dem Spielzeugladen bestimmt. Für den kleinen Elias.

»Ach, übrigens«, fügte Markus beiläufig hinzu, »bei uns im Büro wird für ein Geschenk für Emilia Köhler gesammelt. Sie ist alleinerziehend, hat es nicht leicht. Ihr Geburtstag ist bald.«

Der Name Emilia stach Anna wie eine Nadel in die Brust. Sofort sah sie wieder die fremde Frau vor sich, ihren weichen, vertrauten Kuss auf Markus’ Wange. Das hatte nicht nach einer Sammlung für eine bedürftige Kollegin ausgesehen.

»Wie viel brauchst du?«, fragte sie mit ruhiger Stimme.

»Na ja, fünfzig bis siebzig Euro. Wir wollen etwas Anständiges kaufen. Eine Kette vielleicht. Oder Ohrringe.«

Siebzig Euro für eine Kette für die „Kollegin“, aber zwanzig Euro für Vitamine für den eigenen Sohn waren ein Problem.

»Nimm es aus der gemeinsamen Kasse«, sagte Anna.

»Habe ich gestern schon genommen. Sozusagen als Vorschuss.«

Den restlichen Abend verbrachte sie schweigend. Immer wieder beobachtete sie ihren Mann verstohlen. Markus bemerkte es schließlich und legte sein Handy beiseite, auf dem er gerade jemandem schrieb.

»Du bist heute irgendwie komisch«, sagte er mit leichter Gereiztheit. »Ist etwas passiert? Ärger auf der Arbeit?«

»Ich bin nur müde. Herbstliche Erschöpfung, nichts weiter.«

»Dann nimm Baldrian. Oder irgendein Beruhigungsmittel. Du siehst aus wie eine Gewitterwolke.«

»Danke für deine Anteilnahme«, erwiderte Anna, ohne den Sarkasmus ganz verbergen zu können.

»Immer gern, Liebling«, sagte Markus nur und vertiefte sich wieder in sein Telefon.

Am nächsten Tag nahm Anna frei und fuhr zum Büro ihres Mannes. Sie setzte sich im Park gegenüber auf eine Bank und wartete. Um sechs Uhr trat Markus aus dem Gebäude — zusammen mit jener Frau. Hand in Hand überquerten sie die Straße und gingen in ein Café.

Durch das Fenster beobachtete Anna, wie sie gemeinsam zu Abend aßen. Emilia berührte immer wieder Markus’ Hand, beide lachten. Markus zeigte ihr etwas auf seinem Handy, woraufhin sie erfreut in die Hände klatschte. Als sie später hinausgingen, küsste Markus sie mitten auf der Straße lange auf den Mund.

Nun gab es keinen Zweifel mehr.

Am Abend brachte Anna Noah zu ihrer Mutter und behauptete, sie müsse dringend beruflich etwas erledigen.

»Du bleibst bis morgen bei Oma, mein Sonnenschein«, sagte sie zu ihrem Sohn. »Mama muss bei Tante Lina Huber eine wichtige Sache klären.«

»Wird Papa mich nicht vermissen?«, fragte Noah.

»Papa… Papa wird es nicht einmal merken«, antwortete Anna ehrlich.

Lina öffnete die Tür mit verweinten Augen und zerzaustem Haar.

»Komm schnell rein. Ich heule hier gerade wegen meines dummen Lebens«, sagte sie und fiel ihrer Freundin um den Hals. »Sieht so aus, als säßen wir beide in der Klemme.«

»Was ist bei dir passiert?«

»Dieser verfluchte Ludwig Fuchs. Stell dir vor, er hat seit einem halben Jahr eine andere. Heute hat er mir gesagt, dass er zu ihr zieht. Angeblich versteht sie ihn, während ich immer nur widerspreche.«

Sie setzten sich in die Küche, tranken starken Tee mit Cognac, und Anna erzählte ausführlich, was sie im Spielzeugladen und vor Markus’ Büro gesehen hatte.

»Männer sind einfach… elende Schweine«, stellte Lina fest und goss noch etwas Cognac nach. »Aber mach jetzt bloß nichts Überstürztes, Anna. Denk gründlich nach. Du hast ein Kind, deine Arbeit ist auch nicht gerade ein Traum… Vielleicht solltest du versuchen, das irgendwie zu retten? Mit ihm reden?«

»Warum soll ich reparieren, was er kaputtgemacht hat?«, fragte Anna. »Habe ich irgendetwas falsch gemacht?«

»Nein, natürlich nicht. Aber sieh es auch praktisch. Die Wohnung, das Geld, Noahs Zukunft…«

»Welche Zukunft? Dass er zusehen soll, wie sein Vater das Gehalt seiner Mutter für eine andere Frau und deren Kind ausgibt?«

»Vielleicht ist es nur eine Phase. Eine Art Krise.«

Anna sah ihre Freundin traurig an.

»Lina… Das ist keine Krise. Das ist eine zweite Familie.«

Einen ganzen Monat lang beobachtete Anna ihren Mann und wog ihre Möglichkeiten ab. Markus wurde vorsichtiger, blieb seltener angeblich länger im Büro, doch die Treffen mit Emilia hörten nicht auf. Sie verlegten sie lediglich in die Mittagspause. Zu Hause spielte er weiterhin den liebevollen Vater und Ehemann, nur gelang ihm diese Rolle immer schlechter.

»Na, wie läuft es in der Schule?«, fragte er Noah eines Abends beim Essen.

Der Junge sah ihn erstaunt an. »Papa, ich gehe doch in den Kindergarten.«

»Ja, natürlich. In den Kindergarten. Und? Wie läuft es dort?«

»Gut. Kaufst du mir jetzt ein Fahrrad?«

»Im Winter? Was willst du denn im Winter mit einem Fahrrad? Warte bis zum Sommer.«

»Aber du hast es mir doch zum Geburtstag versprochen…«

»Ja, ja, habe ich. Ich erinnere mich. Wir kaufen es auf jeden Fall.«

Anna hörte still zu. Noahs Geburtstag war vor drei Monaten gewesen.

Ihre gemietete Zweizimmerwohnung kostete dreihundert Euro im Monat. In vier Ehejahren hatten sie nicht einmal genug für die erste Rate einer eigenen Wohnung zusammensparen können. Markus verbrauchte einfach alles, was in ihre gemeinsame Kasse floss.

Fortsetzung des Artikels

LebensKlüber