Ich setzte mich an die Stirnseite des Tisches, genau gegenüber meiner Schwiegermutter. Alexander Vogel ließ sich am Rand nieder und machte sich so klein, dass er in seinem Stuhl beinahe verschwand. Lena Meier und Julia Böhm beugten sich schweigend über die Getränkekarte, als stünde dort ihre Rettung geschrieben. Keine von beiden wagte es, den Blick zu heben.
Der Kellner füllte zügig die Wassergläser, stellte die Karaffe ab und zog sich lautlos zurück.
Danach breitete sich eine Stille aus, die mit jeder Sekunde schwerer wurde. Man hörte sogar das leise Surren der Klimaanlage, die lauwarme Luft durch den Raum schob. Valentina Albrecht drehte unruhig an ihrem Ring. Niederlagen gehörten nicht zu ihrem gewohnten Repertoire. Schon gar nicht solche, die vor Publikum stattfanden.
Sie wartete, bis die Vorspeisen serviert waren. Dann griff sie nach der Gabel, stocherte lustlos in ihrem Salat herum und fixierte mich über den Tisch hinweg.
„Interessant“, sagte sie schließlich und bemühte sich hörbar, diesen gönnerhaften Ton wiederzufinden, den sie sonst so meisterhaft beherrschte. „Bekanntschaften unter Restaurantbesitzern sind natürlich praktisch. So etwas kann einem im Leben durchaus nützen. Aber seien wir ehrlich, Sophie: Es ist das eine, in fremden Unterlagen herumzuwühlen. Und etwas völlig anderes ist es, ein echtes Unternehmen aus dem Nichts aufzubauen. So wie Alexander es getan hat.“
Alexander verschluckte sich an seinem Wasser. Ein Hustenanfall schüttelte ihn.
„Mama… können wir nicht einfach essen?“, brachte er heiser hervor und tupfte sich mit der Serviette den Mund ab.
„Warum denn?“, fuhr Valentina Albrecht lauter fort. „Darf eine Mutter nicht stolz auf ihren Sohn sein? Er hat dieses Logistikzentrum hochgezogen. Er schließt Verträge mit den größten Werken ab. Er ernährt seine Familie. Und du, Sophie, kannst dich noch so sehr mit irgendwelchen Lokalinhabern anfreunden, aber ohne Alexander würdest du solche Kleidung gar nicht tragen.“
Mit der Gabel deutete sie auf meinen Blazer.
Julia Böhm, durch diese Worte ermutigt, nickte eifrig.
„Stimmt doch. Alexander schuftet von morgens bis abends. Und du schiebst nur Zahlen in irgendwelchen Tabellen auf deinem Laptop hin und her.“
Ich legte Messer und Gabel ordentlich an den Rand meines Tellers. Dann tupfte ich mir langsam die Lippen ab und sah Alexander an. Er war kreidebleich, seine Stirn glänzte feucht, und sein Blick klebte auf der Tischdecke.
„Alexander“, sagte ich ruhig. „Möchtest du deiner Mutter selbst erklären, wem diese Firma gehört? Oder soll ich das übernehmen?“
Meine Schwiegermutter zog die Brauen zusammen.
„Wovon redest du?“
„Alexander. Ich warte.“
Er zuckte zusammen.
„Sophie, doch nicht hier“, murmelte er. „Lass uns zu Hause darüber sprechen.“ Er versuchte zu lächeln, doch es wurde nur eine hilflose Grimasse. „Mama, es ist alles in Ordnung. Wir reden später.“
„Nein“, sagte ich und stützte die Unterarme auf den Tisch. „Wir reden jetzt. Frau Albrecht, erinnern Sie sich noch daran, wie Alexander vor einem Jahr zu Ihnen kam und Sie um Geld für die erste Lkw-Flotte bat? Er bat Sie, dieses Ferienhaus zu verkaufen, in das Sie ohnehin nur alle paar Jahre einmal fahren.“
Ihre Lippen wurden zu einem schmalen Strich.
„Das sind Familienangelegenheiten. Ich bin nicht verpflichtet, mein Geld in riskante Hirngespinste zu stecken. Ich bin Rentnerin.“
„Ganz genau. Sie haben ihn abgewiesen. Sie sagten, er würde das niemals schaffen und solle lieber weiter brav im Büro für sein Gehalt sitzen. Ich dagegen habe an ihn geglaubt.“
Ich ließ meinen Blick erst zu Julia Böhm, dann zu Lena Meier wandern.
„Ich habe meine eigene Wohnung im Brandenburger Umland verkauft, die mir schon vor der Ehe gehörte. Ich habe zwei Kredite auf mein Einzelunternehmen aufgenommen. Und ich habe die GmbH ‚Global-Logistik‘ gegründet.“
„Na und?“, stieß Valentina Albrecht hervor und zuckte nervös mit der Schulter. „Eine Ehefrau unterstützt ihren Mann. Du hast eben den Papierkram erledigt, schön für dich. Aber geführt wird das Ganze von Alexander!“
Ein leises Lachen entwich mir. Bei diesem Klang zog Alexander den Kopf noch tiefer zwischen die Schultern.
„Frau Albrecht“, sagte ich. „Alexander führt gar nichts. Alexander ist bei mir angestellt. Mit einem ganz normalen Arbeitsvertrag. Ich bin die alleinige Eigentümerin der Firma. Sämtliche Konten laufen über mich, sämtliche Fahrzeuge gehören der Gesellschaft, die auf meinen Namen eingetragen ist, und alle Vermögenswerte liegen in meiner Verantwortung. Auch der große Abschluss, den Sie heute so stolz feiern wollten, ist mein Vertrag. Drei Wochen lang habe ich mit dem Werk verhandelt. Alexander hat lediglich die fertig vorbereitete Mappe mit den Unterschriften hingefahren.“
Das Gesicht meiner Schwiegermutter erstarrte. Sie starrte mich an, als hätte ich plötzlich in einer fremden Sprache gesprochen.
„Das ist Unsinn“, flüsterte sie und wandte sich ruckartig ihrem Sohn zu. „Alexander, sag ihr, sie soll aufhören, solchen Schwachsinn zu erzählen.“
Alexander schwieg. Er griff nach seinem Wasserglas, doch seine Hände zitterten so heftig, dass Wasser über den Rand schwappte und dunkle Flecken auf der weißen Tischdecke hinterließ.
„Alexander?!“, rief Valentina Albrecht, und ihre Stimme kippte.
„Mama, es hat sich eben so ergeben“, nuschelte er, ohne den Blick vom Teller zu nehmen. „Auf Sophie war es einfacher anzumelden… wegen der Bonität und all dem. Aber wir sind doch eine Familie. Was macht es schon aus, auf wessen Namen die Unterlagen laufen?“
„Das macht einen gewaltigen Unterschied, Alexander“, sagte ich, stand vom Tisch auf und wandte mich nun ganz seiner Mutter zu.
