Der junge Mann am Empfang rückte seine Krawatte zurecht und strich zum wiederholten Mal mit dem Finger über das Display seines Tablets. Das Licht der kleinen Schreibtischlampe fiel auf sein Namensschild: Sebastian Beck. In der Lobby klang leise ein Saxofon, und vom Garderobenbereich her mischten sich teures Parfum und die feuchte Kälte eines Herbstabends.
„Sehen Sie bitte noch einmal nach“, sagte ich und zwang mich, ruhig zu bleiben. „Der Name lautet Vogel. Ein Tisch für fünf Personen. Wir feiern den großen Vertragsabschluss meines Mannes.“
Sebastian Beck lächelte entschuldigend, hielt das Tablet jedoch fest in der Hand.
„Ich sehe Ihre Reservierung, Frau Fuchs. Allerdings ist sie ausdrücklich für vier Gäste eingetragen. Alexander Vogel, Valentina Albrecht und zwei weitere Damen. Die Gruppe ist vor etwa zehn Minuten in den Saal gegangen. Ohne Bestätigung darf ich Sie leider nicht hineinlassen, da sind unsere Vorgaben sehr streng.“
Ich zog mein Handy aus der Tasche. Auf dem Bildschirm stand Alexanders Nachricht, die er mir zwei Stunden zuvor geschickt hatte: „Adresse ist raus. Komm nicht zu spät, Mama wartet ungern.“

„Sophie? Was machst du denn hier?“
Diese gedehnte, leicht näselnde Stimme hätte ich unter tausend anderen erkannt. Langsam drehte ich mich um. Valentina Albrecht stand neben einer verspiegelten Säule. Der akkurate Bob saß perfekt, der schwere Tweedanzug ebenfalls, und um ihren Hals lag eine breite goldene Kette. Sie blickte auf mich herab, obwohl wir gleich groß waren.
Hinter ihr stand Alexander. Er zupfte nervös an einem Knopf seines Sakkos und schaute angestrengt zur Bar hinüber. Ein paar Schritte weiter warteten seine Schwestern, Lena Meier und Julia Böhm. Lena stieß Julia sofort mit dem Ellbogen an, und beide starrten mich offen an, ohne auch nur zu versuchen, ihr spöttisches Grinsen zu verbergen.
„Guten Abend, Frau Albrecht“, sagte ich und steckte das Telefon zurück in meine Handtasche. „Offenbar gibt es ein Missverständnis mit der Reservierung. Herr Beck meint, der Tisch sei nur für vier Personen bestellt.“
Meine Schwiegermutter trat näher. Von ihr ging ein scharfer, schwerer Duft aus, in dem etwas Nelkenartiges lag.
„Da gibt es kein Missverständnis, Sophiechen. Ich habe heute Morgen selbst mit dem Restaurantleiter telefoniert und die Gästezahl ändern lassen.“
Sie sagte es so beiläufig, als ginge es um eine Packung Milch. Alexander trat hinter ihr von einem Fuß auf den anderen, hob aber nicht einmal den Blick.
„Ändern lassen?“ In mir begann es heiß zu brodeln. „Alexander hat mich zu diesem Abendessen eingeladen. Es geht um seinen ersten wirklich großen Vertrag.“
„Ach, bitte“, erwiderte sie und verzog das Gesicht, als hätte ich etwas ausgesprochen Dummes gesagt. „Das ist eine Familienfeier. Hier sitzen Menschen zusammen, die verstehen, wie mühsam echtes Geschäft ist. Alexander braucht einen ruhigen Abend unter seinen Leuten. Du würdest dich hier nur unwohl fühlen. Zu viel Glanz, zu komplizierte Speisekarte. Warum solltest du dich quälen?“
Sie ließ den Satz wirken und musterte dabei mein Kleid von oben bis unten.
„Dein Name steht nicht auf der Liste, also fahr nach Hause“, sagte sie mit einem dünnen Lächeln. „Bestell dir eine Pizza, schau irgendeine Serie. Verderb Alexander nicht den Abend mit deinem beleidigten Gesicht.“
Lena konnte sich nicht beherrschen und kicherte in ihre Faust.
„Sophie, ehrlich“, zog Julia die Worte in die Länge und trat einen Schritt vor. „Eine Portion Salat kostet hier wahrscheinlich so viel wie deine Stiefel. Du würdest doch den ganzen Abend die Preise auf der Karte in Wocheneinkäufe umrechnen und seufzen. Geh lieber heim und ruh dich aus.“
Ich wandte mich meinem Mann zu.
„Alexander?“ Meine Stimme war leise. „Willst du dazu nichts sagen?“
Er zuckte zusammen, als hätte ihn jemand mit kaltem Wasser überschüttet. Erst sah er seine Mutter an, dann seine Schwestern, schließlich mich. Auf seinem Gesicht breiteten sich unansehnliche rote Flecken aus.
„Sophie… Mama hat nun mal schon alles bestellt“, murmelte er und schob die Hände in die Hosentaschen. „Lass uns hier vor den Leuten keine Szene machen. Morgen bestelle ich dir etwas Schönes, dann sitzen wir zu zweit zusammen. Fahr jetzt nach Hause, ja? Gleich fängt der Verkehr an.“
So einfach war das also. Fünf Jahre hatten wir zusammengelebt. Fünf Jahre lang hatte ich mir angehört, wie unfair seine Vorgesetzten seien und wie oft man ihn überging. Als er dann beschloss, etwas Eigenes aufzubauen, saß ich Nächte über seinen Unterlagen, rechnete Budgets neu durch und verhandelte mit Lieferanten. Und nun sollte ich nach Hause fahren und Pizza essen, damit ich ihre Feier nicht störte.
Valentina Albrecht hatte mich nie ausstehen können. Ich kam aus einer ganz normalen Familie, hatte in der Provinz Finanzen studiert und war später in die Hauptstadt gezogen. Ihre eigene Familie dagegen ordnete meine Schwiegermutter stets in einer völlig anderen Liga ein.
