„Maximilian Huber, erklärst du mir jetzt selbst, was hier vor sich geht, oder soll ich lieber gleich die Polizei rufen?“ verlangte Anna empört im Flur, während fremde Koffer und Hausschuhe ihr Zuhause besetzten

Sein kaltherziges Lächeln ist unerträglich verlogen.
Geschichten

— Anna, — sagte Maximilian Huber nun mit einer anderen Stimme, kontrolliert, hart, ohne den vorherigen Ton des Beschwichtigens, — ich werde Clara nicht auf die Straße setzen. Wenn du willst, reden wir morgen darüber. Heute bleibt sie hier.

Da war es.

Der Satz stand im Raum wie eine Tür, die endgültig ins Schloss gefallen war.

Anna Schmitt nickte langsam. Nicht ihm zu. Eher sich selbst. Als hätte sich in ihr etwas verschoben und endlich an die richtige Stelle gesetzt.

— Gut, — sagte sie leise.

Maximilian deutete dieses Wort offenbar als Einlenken. Seine Schultern entspannten sich sogar ein wenig, als habe er gerade einen Streit gewonnen.

— Na also. Morgen besprechen wir das in Ruhe.

— Nein, — entgegnete Anna. — In Ruhe machen wir es jetzt.

Sie ging zum Schrank im Flur, zog die obere Schublade auf, nahm eine Mappe mit Unterlagen heraus und legte sie auf den Tisch. Danach holte sie ihr Handy, öffnete die Notizen, tippte kurz etwas ein und verschickte anschließend eine Nachricht.

Maximilian wurde sofort aufmerksam.

— Wem schreibst du?

— Dem Mann, der morgen die Schlösser austauscht. Und einem Anwalt, damit ich weiß, welche Unterlagen nötig sind, falls du meinst, alles hinauszögern zu müssen.

— Was für ein Hinauszögern? Wovon redest du überhaupt?

— Vom Verfahren. Von der Scheidung.

Clara Meier sog hörbar die Luft ein.

Maximilian trat einen Schritt auf den Tisch zu.

— Hörst du dir eigentlich selbst zu? Wegen eines einzigen Abends?

Anna drehte sich zu ihm um.

— Es geht nicht um diesen einen Abend. Es geht darum, dass du es geschafft hast, in einem einzigen Abend alles zusammenzufassen, was ich viel zu lange nicht sehen wollte. Deine Respektlosigkeit. Deine eigenmächtigen Entscheidungen. Deine Gewissheit, dass du mich einfach vor vollendete Tatsachen stellen kannst. Und vor allem geht es darum, dass du mir jetzt in die Augen schaust und nicht einmal versuchst, deinen Fehler gutzumachen. Stattdessen willst du mich so lange drücken, bis ich mich daran gewöhne.

— Niemand drückt dich zu irgendetwas!

— Doch. Bis zu den Koffern in meinem Flur habt ihr mich bereits gedrückt.

Er presste die Kiefer aufeinander.

— Du übertreibst maßlos.

— Nein. Ich nenne die Dinge nur zum ersten Mal beim richtigen Namen.

Clara ließ ihren Koffer los und warf empört die Hände in die Luft.

— Mein Gott, was für ein Theater wegen nichts! Man könnte meinen, du hättest nur auf einen Anlass gewartet.

Anna wandte sich so abrupt zu ihr um, dass Clara mitten in ihrer Bewegung erstarrte.

— Nein, Clara. Der Anlass hat auf mich gewartet. Lange. Er hat die ganze Zeit in Kleinigkeiten an die Tür geklopft, und ich habe so getan, als würde ich nichts hören. Aber jetzt höre ich ihn sehr deutlich.

Sie nahm den Schlüsselbund vom Tisch und streckte Maximilian die Hand entgegen.

— Die Schlüssel.

— Was?

— Alle. Deinen Satz und den, den deine Schwester vermutlich ebenfalls hat. Jetzt.

— Wieso denn plötzlich?

— Weil du für mich nicht mehr der Mensch bist, dem ich ohne Bauchschmerzen Zugang zu meiner Wohnung lasse, wenn ich nicht da bin.

Für einen Moment verlor sein Gesicht jede Farbe.

— Das meinst du ernst?

— Ernster geht es kaum.

Clara sagte leise, beinahe genüsslich:

— Aha. Jetzt zeigt sich also dein wahres Gesicht.

Anna sah nicht einmal zu ihr hin.

— Nein. Heute hat sich ein wahres Gesicht gezeigt, aber es war nicht meins.

Die Stille dehnte sich aus. Dann griff Maximilian in die Tasche seiner Jacke, zog seinen Schlüsselbund hervor und warf ihn mit dumpfem Klirren auf den Tisch. Einer der Schlüssel sprang zur Seite. Clara zögerte, kramte schließlich in ihrer Handtasche und legte ihren eigenen Schlüssel dazu.

— Zufrieden? — fauchte sie.

— Das ist erst der Anfang.

Anna nahm die Schlüssel an sich und steckte sie in die Tasche.

— Ihr habt zwanzig Minuten, um eure Sachen zusammenzupacken und zu gehen. Und versucht besser nicht herauszufinden, ob ich wirklich die Polizei rufe. Nach heute habe ich keine Lust mehr, irgendwen auf seine Grenzen zu testen.

Maximilian schüttelte langsam den Kopf.

— Das wirst du bereuen.

— Ich bereue bereits einiges. Nur nicht das, was du meinst.

Darauf wusste er nichts zu erwidern.

Die folgenden fünfzehn Minuten bestanden aus hektischem, schwerem, nervenzerreißendem Hin und Her. Clara packte ihre Sachen so ein, als sei jeder gefaltete Pullover eine Beleidigung von weltgeschichtlichem Ausmaß. Maximilian trug Taschen in den Flur, mit einem Gesicht wie aus Stein. Keiner von beiden sprach noch von „vorübergehend“. Diese Verkleidung war als Erste abgefallen. Wer wirklich nur vorübergehend Unterschlupf braucht, benimmt sich anders. Der weiß zumindest, dass er sich nicht in seinen eigenen vier Wänden befindet. Hier aber hatte von Beginn an etwas anderes dahintergestanden: eine Übernahme, weich verpackt in Familie, bequem für diejenigen, die sie durchsetzen wollten.

Als alles zusammengetragen war, blieb Maximilian an der Wohnungstür stehen.

— Ich fahre mit Clara, — sagte er.

— Natürlich.

— Und heute komme ich nicht zurück.

Anna nickte.

— Das ist deine Entscheidung.

— Du hättest das auch anders lösen können.

— Nein, Maximilian. Anders gelöst hast du es.

Clara stand bereits beim Aufzug. Ihr Gesicht war vor Wut verzerrt, doch ihre Stimme wurde plötzlich auffallend leise.

— Du nimmst dir gerade selbst die Familie weg.

Anna blickte sie ohne Regung an.

— Nein. Ich erlaube nur nicht, dass meine Wohnung unter dem Deckmantel der Verwandtschaft zu einem Durchgangslager gemacht wird.

Die Aufzugtüren schlossen sich.

Anna ging zurück in die Wohnung, verriegelte zuerst das untere Schloss, dann das obere. Im Flur hing noch der Geruch fremden Parfüms und von Reisestaub. Auf dem Sofa lag Claras Haarspange, billig, mit einer kleinen Plastikperle. Anna nahm sie mit zwei Fingern auf und ließ sie in den Mülleimer fallen.

Danach ging sie auf die Loggia, stellte ihre Kartons wieder dorthin, wo sie hingehörten, holte die Decken zurück, zog den Überwurf auf dem Sofa gerade und öffnete das Fenster weit, damit die Luft sich austauschte. Sie bewegte sich zügig, aber ohne Hast. Nicht, weil sie Angst hatte. Sondern weil sie den sichtbaren Abdruck dieses Eindringens beseitigen wollte — nicht die Erinnerung daran, sondern die körperlichen Spuren.

Erst als die Wohnung wieder annähernd wie ihre eigene aussah, setzte Anna sich in die Küche und starrte lange in die dunkle Fensterscheibe. Unten im Hof versuchte jemand, ein Auto zu starten. Der Motor sprang an, starb wieder ab, setzte dann erneut ein. Irgendwo bellte ein Hund einmal kurz und schwieg. Ein gewöhnlicher Abend. Und doch passte in diesen Abend ihr altes Leben nicht mehr hinein, jenes Leben, in dem man von der Arbeit nach Hause kam, die Tür öffnete und in sein Zimmer ging, ohne fremde Koffer erwarten zu müssen.

Das Handy lag mit dem Display nach unten auf dem Tisch. Erst nach vierzig Minuten vibrierte es.

Maximilian.

Anna sah auf den Namen und ging nicht ran. Er rief noch einmal an. Danach erschien eine Nachricht: „Du hast überzogen. Morgen komme ich zum Reden.“

Sie las sie und stellte das Telefon lautlos.

Am nächsten Morgen wurden die Schlösser tatsächlich ausgetauscht. Anna empfing den Schlosser um acht Uhr, zeigte ihm die Unterlagen zur Wohnung und blieb neben ihm stehen, während er arbeitete. Das Geräusch des Akkuschraubers vibrierte ihr bis in die Brust hinein und brachte eine seltsame Ruhe mit sich. Als würde jedes neue Metallteil nicht nur in die Tür eingesetzt, sondern auch in eine Grenze, die sie längst hätte ziehen müssen.

Nachdem der Schlosser gegangen war, kam Hannah Schmitt vorbei — die einzige Person, der Anna in der Nacht doch noch geschrieben hatte.

Hannah trat ein, stellte eine Tüte mit Quark, Äpfeln und Wasser auf den Küchentisch, sah sich kurz um und fragte ohne Umwege:

— Hat er wenigstens begriffen, was er angerichtet hat?

Anna verzog den Mund zu einem freudlosen Lächeln.

— Bisher hat er nur begriffen, dass ich es ernst meine.

— Das ist schon mehr, als viele schaffen.

Ein paar Minuten saßen sie schweigend da. Dann sagte Hannah:

— Weißt du, das Schlimmste ist nicht einmal, dass er seine Schwester angeschleppt hat. Das Schlimmste ist, dass er fest davon überzeugt war, du würdest es schlucken.

Anna hob den Blick.

— Ja. Genau das hat mich innerlich umgeworfen.

— Wirst du dich scheiden lassen?

Anna antwortete nicht sofort. In der Küche tickte die Uhr, und dieses gleichmäßige Geräusch machte auf sonderbare Weise klar, dass sich Zeit nicht zurückdrehen lässt, egal wie sehr man es sich wünscht.

— Ja, — sagte sie schließlich. — Nach gestern kann ich nicht mehr mit einem Mann zusammenleben, der zuerst über mein Zuhause verfügt und sich danach über meine Reaktion wundert.

Hannah nickte.

— Wichtig ist nur, dass du dich jetzt nicht einwickeln lässt. Gleich kommen Reden über Familie, über Nerven, darüber, dass die Schwester ja in Schwierigkeiten steckt. Aber darum geht es nicht. Es geht nicht um die Schwester. Es geht um Grenzen.

— Ich habe das zu spät verstanden.

— Nein. Zu spät wäre es, wenn die Koffer geblieben wären.

Anna sah ihre Freundin an und spürte zum ersten Mal seit dem vergangenen Abend nicht nur Schwere, sondern eine kurze, fast stechende Dankbarkeit. Für einen einfachen Satz, der sich genau an die richtige Stelle legte.

Am Nachmittag kam Maximilian. Nicht allein — er brachte seine Mutter mit. Das war vorhersehbar. Wenn direkter Druck nicht ausreicht, wird eben schweres Geschütz aufgefahren.

Anna öffnete nicht sofort. Zuerst sah sie durch den Spion. Ihre Schwiegermutter stand etwas seitlich, in einem Mantel mit Pelzkragen, die Handtasche fest an den Ellbogen gepresst. Maximilian wirkte müde, aber wieder gesammelt. Also hatte er geschlafen und seine Rede vorbereitet.

Anna öffnete nur bis zur Kette.

— Was wollt ihr?

— Reden, — sagte Maximilian.

— Dann rede.

— Im Treppenhaus?

— Genau dort, wo ihr nach eurer Eigenmächtigkeit gestern gelandet seid.

Ihre Schwiegermutter hob empört das Kinn.

— Anna, jetzt übertreib nicht. Ich bin als Ältere in der Familie gekommen, um diesen Albtraum zu klären.

— Dann beginnen Sie bitte mit der Frage, wer Maximilian das Recht gegeben hat, Clara ohne meine Zustimmung hier einzuquartieren.

Die Schwiegermutter presste die Hand noch fester an ihre Tasche, als müsse sie sich daran festhalten.

— Clara steckt in einer schwierigen Lage. Man muss doch Mitgefühl haben.

— Mitgefühl ist nicht dasselbe wie freier Zugang zu einer fremden Wohnung.

Maximilian atmete scharf aus.

— Schon wieder dasselbe.

— Weil du auf das Entscheidende noch immer keine Antwort gegeben hast.

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