Maximilian, du nimmst ihre Koffer, rufst ein Taxi und bringst deine Schwester dorthin, wo du sie untergebracht hättest, wenn es diese Wohnung hier nicht gäbe.
Clara stieß ein kurzes, ungläubiges Lachen aus.
— Ist das dein Ernst? Jetzt noch? Um diese Uhrzeit?
— Mehr Ernst kann ich kaum sein.
— Und wenn ich wirklich keinen Ort habe, an den ich kann?
— Das hättest du klären müssen, bevor du deine Sachen in eine fremde Wohnung schaffst.
Maximilians Gesicht verdüsterte sich.
— Du hast kein Recht, so mit meiner Schwester zu sprechen.
— Und du hattest kein Recht, über meine Wohnung zu verfügen.
— Da ist es wieder: meine Wohnung, meine Wohnung!
— Weil du mir gerade bewiesen hast, dass du es vergisst, sobald ich es nicht laut ausspreche.
Für einige Sekunden wurde es in dem Zimmer so still, dass selbst das Summen des Kühlschranks aus der Küche deutlicher klang als zuvor. Clara war die Erste, die den Blick abwandte. Sie ging zum Fenster. Draußen legte sich bereits die Dämmerung über den Hof, und die Scheinwerfer der Autos glitten wie helle Schnitte über die kahlen Äste der Bäume. Clara verschränkte die Arme vor der Brust. Und Anna erinnerte sich plötzlich mit erschreckender Klarheit daran, wie alles mit dieser Familie begonnen hatte.
Am Anfang war Clara freundlich gewesen. Auf der Hochzeit hatte sie Anna umarmt, sie vertraulich beim Namen genannt, sich nach der Renovierung erkundigt und ihren Geschmack gelobt. Später, als sie begriff, dass Anna die Wohnung nicht von ihren Eltern geerbt und auch nicht durch irgendeinen glücklichen Zufall bekommen hatte, sondern dass Anna sie schon vor der Beziehung mit Maximilian gekauft und jahrelang selbst abbezahlt hatte, mit Verzicht, Überstunden und strengem Haushalten, veränderte sich Claras Ton. Es war kein offener Neid. Das wäre beinahe ehrlicher gewesen. Es war schlimmer: dieses dünne, herablassende Lächeln eines Menschen, der eine Tatsache zwar anerkennt, sie aber innerlich für ungerecht hält.
— Du hattest eben Glück, hatte Clara einmal am Familientisch hingeworfen. Die Wohnungsfrage ist bei dir ja erledigt.
Damals hatte Anna noch ruhig geantwortet:
— Glück ist dafür nicht ganz das richtige Wort.
Clara hatte nur mit den Schultern gezuckt.
— Ja, ja. Wir sind schließlich alle müde vom Leben.
Nach solchen Bemerkungen verzog Maximilian meistens das Gesicht und sagte:
— Clara, lass das. Warum musst du immer sticheln?
Doch echte Empörung hatte nie in seiner Stimme gelegen. Nur der matte Wunsch, die Kante irgendwie abzuschleifen. Als wäre nicht Claras Satz das Problem, sondern die Tatsache, dass Anna ihn gehört hatte.
In den ersten beiden Ehejahren hatte Anna vieles übergangen. Menschen seien nun einmal verschieden, dachte sie. Familien hätten unterschiedliche Umgangsformen, jeder bringe seine eigene Art mit, sich auszudrücken. Sie wollte nicht zu einer Frau werden, die in jedem Satz der Schwiegerfamilie eine Bedrohung witterte. Aber Kleinigkeiten verschwinden nicht, wenn man sie ignoriert. Sie sammeln sich. Clara kam unangemeldet vorbei. Clara nahm ungefragt eine Handcreme aus dem Regal und sagte: „Ach, ich dachte, das macht dir nichts aus.“ Clara erklärte eines Tages, aus dem kleinen Zimmer müsse man endlich ein „richtiges Schlafzimmer“ machen, denn „wenn Gäste kommen, sieht das bei euch irgendwie nicht ordentlich aus“. Und jedes Mal bat Maximilian Anna, sich nicht daran aufzuhängen.
— Sie ist eben direkt. Nimm dir das nicht so zu Herzen.
Nur funktionierte Claras Direktheit auffallend zuverlässig in eine einzige Richtung. Sie durfte fremde Dinge beurteilen, über fremde Zeit verfügen und fremden Raum betreten, als stünde ihr das zu. Antwortete ihr aber jemand im gleichen Ton, begann sofort das Theater: gekränkte Miene, Erschöpfung, und der Satz, sie werde „überhaupt nie wieder etwas sagen“.
Jetzt sah Anna ihren Mann an, und auf einmal wurde ihr klar, dass Clara gar nicht das eigentliche Problem war. Clara war nur dort hineingegangen, wo man ihr die Tür geöffnet hatte. Die entscheidende Frage stand vor Anna, in Jogginghose und T-Shirt, und tat mit großer Anstrengung so, als ließe sich die ganze Sache mit ein paar beleidigten Blicken wieder einrenken.
— Ich warte, sagte Anna.
— Worauf? Maximilians Stimme wurde scharf.
— Dass du die Koffer nimmst.
— Ich fahre sie jetzt nirgendwohin.
Anna nickte langsam, als hätte sie genau diese Antwort erwartet.
— Gut.
Sie holte ihr Telefon hervor.
Clara drehte sich sofort um.
— Was machst du da?
— Ich löse das Problem auf die einzige Weise, die du und Maximilian mir gelassen habt.
— Bist du völlig verrückt geworden? Maximilian machte einen Schritt auf sie zu. Willst du wegen eines Familiengesprächs die Polizei rufen?
Anna blickte auf das Display und dann wieder zu ihm.
— Nein. Noch nicht. Einen Schlüsseldienst.
Er wirkte einen Moment lang vollkommen überrumpelt.
— Was für einen Schlüsseldienst?
— Einen ganz normalen. Damit morgen früh die Schlösser ausgetauscht werden.
Clara schlug mit der flachen Hand auf die Armlehne des Sessels.
— Das wird ja immer lächerlicher.
— Nein, Clara. Lächerlich war es, bevor ich nach Hause kam. Als ihr beschlossen habt, eine Umsiedlung zu spielen, ohne die Eigentümerin dieser Wohnung zu fragen.
An Maximilians Wange zuckte ein Muskel. Wenn er wirklich wütend wurde, verhärtete sich seine linke Gesichtshälfte immer, als wäre dort etwas erstarrt.
— Du machst alles nur schlimmer.
— Nein. Ich sorge dafür, dass sich ein Tag wie dieser nicht wiederholen kann.
Er warf seiner Schwester einen kurzen Blick zu. Clara verstand ihn sofort und wandte sich ab. Zwischen den beiden blitzte etwas Vertrautes auf, etwas lange Eingeübtes: Jetzt standhalten, gemeinsam Druck machen, dann würde Clara bleiben, Anna würde sich beruhigen, die Nacht würde die Schärfe nehmen. So hatten sie es vermutlich geplant. Nicht ausgesprochen, aber fest einkalkuliert: Am Abend kocht es hoch, am Morgen ist es schon halb vergessen.
Anna kannte diesen Ablauf. Zuerst wird man vor vollendete Tatsachen gestellt. Danach heißt es, zum Widerspruch sei es nun zu spät, schließlich sei alles bereits passiert. Anschließend bittet man darum, die Sache nicht noch schwerer zu machen, weil es den anderen ohnehin schlecht gehe. Dann vergeht eine Woche, vielleicht zwei, und die neue Wirklichkeit haftet an der Wohnung wie feuchter Staub auf einer Fensterbank. Irgendwann ist es anstrengender, sie wegzuwischen, als sich mit ihr abzufinden. Genau darauf lief es hinaus.
— Du hast fünf Minuten, sagte Anna zu Maximilian. Entweder ihr geht von selbst, oder ich rufe die zuständige Dienststelle an und melde, dass sich Menschen in meiner Wohnung aufhalten, denen ich keinen Zutritt erlaubt habe.
— Bist du noch bei Verstand? fragte er, diesmal leiser.
— Mehr als je zuvor.
Clara hob den Kopf.
— Maximilian, hörst du das? Sie ist bereit, deine Schwester mit der Polizei hinauswerfen zu lassen. Mehr muss man über ihre Einstellung nicht wissen.
— Verdreh es nicht, sagte Anna. Meine Einstellung hast du in dem Moment gesehen, in dem du nicht einmal selbst bei mir angerufen hast. Du hättest meine Nummer wählen und sagen können: „Anna, ich stecke in Schwierigkeiten, darf ich ein paar Tage bei euch wohnen?“ Aber das hast du nicht getan. Warum nicht? Weil du die Antwort kanntest?
Clara wurde blass, presste jedoch sofort die Lippen zusammen.
— Weil man mit dir nicht normal reden kann.
— Normal wäre gewesen, zu fragen.
Maximilian ließ sich plötzlich auf einen Stuhl sinken und starrte auf den Boden. Für Anna war das ein schlechtes Zeichen. Es bedeutete, dass er nicht vorhatte, etwas zu klären. Er hatte sich in seine schweigende Verteidigung zurückgezogen, aus der später sein Lieblingssatz wachsen würde: Du hast alles kaputtgemacht.
Und mit einem Mal erinnerte Anna sich an den Tag, an dem sie zum ersten Mal gespürt hatte, dass in ihrer Ehe ein Riss entstanden war. Nicht durch einen Streit, sondern durch Maximilians Angewohnheit, Entscheidungen für sie beide zu treffen.
Das war fast ein Jahr her. Damals hatte er Clara ohne Absprache einen Schlüsselsatz gegeben, angeblich nur, damit sie die Blumen gießen konnte, während sie für drei Tage verreist waren. Anna erfuhr davon zufällig, als sie Claras Gesicht im Treppenhaus sah — zwei Tage vor der Abreise.
— Ach, ich wollte nur ausprobieren, ob der Schlüssel passt, hatte Clara munter erklärt.
Anna hatte sich innerlich zusammengezogen, doch Maximilian hatte wieder abgewinkt.
— Das ist doch nur für den Notfall.
Nur tauchte dieses „für den Notfall“ später noch zweimal auf. Einmal kam Clara herein, um sich „nach dem Regen schnell umzuziehen“, weil sie gerade in der Nähe gewesen sei. Beim zweiten Mal wollte sie ein Ladekabel holen, das sie angeblich nach einem Familienessen vergessen hatte. Anna verlangte die Schlüssel zurück. Clara gab sie zurück, ja. Aber mit einem Gesichtsausdruck, als hätte man ihr nicht den unberechtigten Zugang zu einer fremden Wohnung genommen, sondern eine wohlverdiente Auszeichnung entrissen.
Und nun standen die Koffer im Flur. Das war kein Zufall. Das war die Fortsetzung.
— Maximilian, sagte Anna, ich sage es nicht noch einmal. Entweder du regelst das jetzt wie ein erwachsener Mensch, oder ich regle es selbst. Aber dann beschwer dich nicht über die Folgen.
Er hob den Kopf.
— Welche Folgen denn? Willst du mir mit Scheidung drohen?
Sie hatte nicht erwartet, dass dieses Wort so schnell fallen würde. Nicht einmal wie Angst klang es. Eher wie ein gereizter Wurf, mit dem man den anderen zum Zurückweichen zwingen will.
Anna sah ihn lange an.
— War das gerade eine Drohung oder ein Vorschlag?
Maximilian zuckte mit der Schulter.
— Ich sage nur, dass man so keine Familie aufbaut.
— Eine Familie baut man auch nicht mit heimlicher Einquartierung auf.
Clara packte ruckartig den Griff ihres Koffers.
— Gut, Schluss jetzt. Wegen mir müsst ihr hier kein Drama veranstalten. Ich gehe.
Maximilian sprang sofort auf.
— Wohin willst du gehen? Es ist Abend.
— Das ist nicht Annas Problem, sagte Anna trocken. Ihr Bruder hat beschlossen, meine Wohnung als Ersatzflugplatz zu benutzen. Dann soll er jetzt auch anfangen, den Kopf einzuschalten.
Doch Clara ging nicht. Sie blieb stehen und sah Maximilian an. In ihrem Blick lag nicht die Bitte um Hilfe, sondern eine Forderung: Beweise, dass du auf meiner Seite bist. Anna hatte diesen Blick schon oft gesehen — am Feiertagstisch, in Nachrichten, bei kleinen häuslichen Reibereien. Clara war daran gewöhnt, dass ihr Bruder sich früher oder später zwischen sie und jede Unannehmlichkeit stellte. Auch dann, wenn sie sich den Ärger selbst eingebrockt hatte.
