„Gute Nacht, Markus.“
Ich legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch. Daneben stand mein Tee, Lavendel mit Thymian. Markus hatte diese Mischung immer spöttisch „Apothekenbesen“ genannt.
Ich wusste, dass er wieder anrufen würde. Spätestens dann, wenn ihm klar wurde, dass dieses „daraus“ längst passiert war.
Die Gabel auf dem Teller
Das Familienessen fand eine Woche später im gemeinsamen Speisesaal des Seniorenheims statt. Es roch nach Kompott und gekochtem Huhn. In der Mitte stand ein langer Tisch.
Ich kam trotzdem. Ich brachte den Salat mit Möhren und Backpflaumen mit, den Ingrid Hoffmann früher einmal gelobt hatte. Drei Jahre lang hatte ich Marmelade, Salate und kleine Aufmerksamkeiten mitgebracht. Drei Jahre lang hatte ich gelächelt.
Die Kinder klapperten mit ihren Löffeln. Julia Wagner erzählte von Kreditraten fürs Haus. Markus verteilte Frikadellen auf die Teller. Ingrid Hoffmann saß am Kopfende, aufrecht, steif, beinahe gestärkt wie eine Tischdecke.
Ich aß und sagte nichts.
Dann stellte Ingrid Hoffmann ihr Glas mit Kompott ab. Sie sah zu Julia hinüber und sprach plötzlich laut genug, dass der ganze Tisch es hören musste, als wäre es nur eine beiläufige Bemerkung:
„Ich habe Markus immer gesagt, er hätte eine von uns heiraten sollen. Dann gäbe es keine fremden Leute im Haus. Sie ist eben nicht wirklich unsere, verstehst du, Julia. Eigen bleibt eigen.“
Ich legte meine Gabel zur Seite.
Langsam. Ohne Geräusch.
Dann stand ich auf.
Julia starrte in ihren Teller. Markus erstarrte. Sogar die Kinder hörten auf, mit den Löffeln zu klirren.
„Ingrid Hoffmann“, sagte ich leise.
So leise, dass sich alle zu mir umdrehten.
„Ab dem Ersten bezahlen Sie das Heim selbst.“
Ich wandte mich um und ging zum Ausgang.
Die Tür ließ ich ruhig ins Schloss fallen. Wozu hätte ich sie zuschlagen sollen?
Auf dem Flur roch es nach Chlor. Draußen blieb ich einen Moment stehen.
Auf dem Weg zum Auto fragte ich mich, ob ich wütend auf sie war. Nein. Wütend war ich auf mich. Darauf, dass ich drei Jahre lang Johannisbeermarmelade getragen und kein einziges Mal laut ausgesprochen hatte, was wehtat. Sie wusste nicht, dass sie verletzte. Weil ich schwieg und es Gelassenheit nannte. In Wahrheit war es eine Erlaubnis gewesen.
Es war April, aber die Luft war kalt.
Vier Tage voller Anrufe
Als Erster meldete sich Markus, vermutlich noch aus dem Speisesaal. Hinter ihm raschelte eine fremde Stimme.
„Katharina, was sollte das denn jetzt? Mama ist wieder völlig durcheinander, die Kinder haben alles gesehen …“
„Ich fahre nach Hause, Markus.“
„Warte doch, ich meine …“
„Auf Wiederhören.“
Am Abend rief er erneut an. Er sprach von Nerven, von Blutdruck, davon, dass sie nun einmal ein älterer Mensch sei.
Ich hörte zu. „Ich verstehe dich, Markus.“ Mehr sagte ich nicht.
Am nächsten Tag kam der nächste Anruf.
„So viel Geld habe ich nicht. 285 Euro, das ist fast anderthalb Monatsgehälter für mich …“
„Das verstehe ich.“
„Und jetzt?“
„Das ist eure Familie, Markus.“
Eine Pause entstand. Dann fragte er:
„Und wir beide sind keine Familie?“
Ich drückte auf „Beenden“.
Am vierten Tag rief Ingrid Hoffmann selbst an.
