„Du gehörst nicht zu unserer Verwandtschaft!“ Ingrid Hoffmann sprach es so laut aus, dass es wirklich jeder im Zimmer mitbekam.
„Du warst nie eine von uns. Du bist Markus Schneiders Frau, mehr nicht.“
Ich blieb reglos stehen.
Und dachte nur: Merkwürdig — zählt dann die Rechnung für ihr Seniorenheim auch nicht zu „unseren“ Angelegenheiten?
Doch das kam erst später, ganz am Ende. Begonnen hatte alles mit Marmelade.

Ein Glas Johannisbeermarmelade
Schwarze Johannisbeere. In einem Einmachglas, oben mit einem Stoffdeckchen bedeckt und mit Bindfaden verschnürt — genau so, wie Ingrid Hoffmann es aus ihrer Kindheit liebte, so, wie ihre eigene Mutter es früher gemacht hatte. Dieses Gespräch hatte ich mir extra gemerkt. Ich machte es immer genauso.
An jenem Sonntag kam ich um drei zu ihr. Sie saß in ihrem Sessel am Fenster, einem bordeauxroten alten Ding mit eingedrückter Armlehne. Den hatte sie aus ihrer früheren Wohnung mitgebracht, als sie umzog. Aufgestanden ist sie nicht. Nicht einmal den Kopf drehte sie richtig zu mir.
„Marmelade?“, fragte sie und streifte das Glas nur kurz mit den Augen.
„Stell sie dort hin.“
Kein „Danke“. Kein „Setz dich, Katharina“. Nur dieses knappe: „Stell sie dort hin.“
Hinter ihr, auf der Fensterbank, hatte sich Renate Vogel niedergelassen, die Nachbarin. Sie war angeblich nur auf eine Tasse Tee vorbeigekommen und blieb, wie so oft, den halben Tag. Sie betrachtete mich mit diesem Gesichtsausdruck, den ich in drei Jahren zu deuten gelernt hatte: Mal sehen, was jetzt passiert.
„Das ist meine Schwiegertochter“, sagte Ingrid Hoffmann zu Renate Vogel.
„Na, sie ist also doch noch gekommen.“
Der Tonfall klang nicht nach „gekommen“, sondern eher nach „endlich aufgetaucht“.
Ich stellte das Glas ab, ging zum kleinen Tisch am Fenster und setzte den Wasserkocher auf. Auf der Fensterbank stand ein Topf mit Geranien — rot, gepflegt, ordentlich. Ingrid Hoffmann zupfte jeden Tag selbst daran herum. Im Zimmer roch es nach Herztropfen und trockenen Geranienblättern.
Für dieses Zimmer zahlte ich seit drei Jahren.
Für den Blick auf den Birkenhain. Für gestärkte Bettwäsche, die dienstags und freitags gewechselt wurde. Und für die Geranie auf der Fensterbank.
Als sie mich vor drei Jahren, an einer festlich gedeckten Tafel, zum ersten Mal „meine Tochter“ genannt hatte, wusste ich noch nicht, dass dieses Wort ein Verfallsdatum hatte.
Ein Küchlein für Julia
Julia Wagner traf vierzig Minuten später ein.
Kaum hörte Ingrid Hoffmann die Klingel, erhob sie sich. Ganz allein. Ohne sichtliche Mühe — obwohl sie Renate Vogel eben noch über ihre Knie geklagt hatte: „Sie gehorchen mir überhaupt nicht mehr, so ist das.“ Nun ging sie erstaunlich rasch zur Tür.
„Julchen!“ Ihre Stimme veränderte sich sofort. Warm wurde sie, lebendig.
„Schön, dass du da bist, ich habe schon gewartet!“
Im Flur fielen sie einander in die Arme. Ingrid Hoffmann klopfte ihrer Tochter langsam und zärtlich auf den Rücken. Julia Wagner sah erschöpft aus: Kredit für die Wohnung, zwei Kinder, ein Mann, der drei von vier Wochen auswärts arbeitete. Doch in diesem Moment wurde sie weich, ließ die Schultern sinken.
