„Die Wohnung gehört jetzt uns, der Familie! Du bist hier der Hausherr. Und die da …“ Die Schwiegermutter wedelte verächtlich in Richtung Laura Kraus. „Die soll ihr Fischmaul halten und sich unsichtbar machen!“
Kennengelernt hatten sie sich wie ein kurzer Funke in der Dämmerung. Nicht dieses große, pathetische „Liebe auf den ersten Blick“, sondern eher ein verlegenes „Oh, entschuldigen Sie“ in einem brechend vollen Bus, als Michael Hartmann ihr auf den Fuß trat und statt einer Beschimpfung ihr Lächeln sah — schüchtern, warm und erschreckend ehrlich.
Ein Jahr später heirateten sie klein, genau nach ihrem Geschmack: nicht Pracht zählte, sondern die richtigen Menschen. Laura trug ein schlichtes Hemdblusenkleid, Michael erschien ohne Krawatte, am Ufer wurde Sekt getrunken, und anstelle des Hochzeitsmarsches kreischten Möwen über ihnen. „Los geht’s“, murmelte er, während er sie küsste. Laura begriff in diesem Augenblick, dass er nicht die Fahrt meinte, sondern alles, was noch vor ihnen lag.
Sie zogen in ihre behagliche Zweizimmerwohnung, in der es nach Kaffee, altem Holz und vorsichtigen Hoffnungen roch. Die ersten beiden Monate waren zähflüssig süß wie Honig. Sie gewöhnten sich aneinander, lernten Macken und Rituale kennen: Er kochte morgens Kaffee, sie sang unter der Dusche schief und viel zu laut, und niemand verdrehte genervt die Augen. „Flug stabil, Kapitänin?“, fragte Michael jeden Morgen. „Wir setzen zur Landung an“, lachte sie zurück.
Dann jedoch kam das Unheil ins Haus — in Gestalt von Sabine Schneider.

Sie trat nicht wie ein Besuch ein, sondern wie eine Prüferin mit unsichtbarem Dienstausweis. Anfangs tarnte sich alles als gut gemeinter Rat: „Hier zieht es, Michael, du erkältest dich doch“ oder „Lauralein, Borschtsch muss kräftig sein, nicht diese rote Brühe mit Rote-Bete-Geschmack.“
Bald blieb es nicht bei Worten. „Ich habe in der Küche ein bisschen Ordnung geschaffen“, verkündete Sabine Schneider. Laura stellte die Pfannen schweigend wieder dorthin zurück, wo sie hingehörten, während in ihr ein dumpfer, stiller Zorn anschwoll.
Sie riss sich zusammen. Anstand, Erziehung — verflucht noch mal — und die Stimme ihrer Mutter: „Halte durch, Kind, es ist seine Mutter.“
Aber jede Geduld hat eine Grenze. Bei Laura war es die Kommode.
An diesem Tag machte Laura Kraus früher Feierabend.
