„Und eben diese Mutter hat meine Frau gerade eine dumme Gans genannt und anschließend in ihrer Unterwäsche gewühlt. Zieh dich an. Du gehst. Sofort.“
Da brach es endgültig aus Helena Fuchs heraus. Sie stieß einen Laut aus, halb Schrei, halb Heulen, wie ein verletztes Tier, und holte mit ihrer Handtasche nach ihm aus. „Undankbarer Bengel! Ich habe dich großgezogen! Diese Frau hat dir den Kopf verdreht!“
Leon Krüger sagte kein Wort mehr. Mit einer schnellen, sicheren Bewegung fing er ihren Arm ab, legte die andere Hand an ihre Schulter und drehte sie zur Wohnungstür. Es war keine rohe Gewalt, kein blindes Zupacken. Es war eine harte, klare Grenze, gegen die sie nichts ausrichten konnte. Helena strampelte, zerrte, kreischte unzusammenhängende Dinge von „Gift“ und „Verhexung“, während ihre Absätze kratzend über den Laminatboden rutschten.
Mia Baumann stand wie angewurzelt da, die Hand vor den Mund gepresst. Sie sah zu, wie ihr Mann, ihr sonst so sanfter, lachender Leon, ohne einen Augenblick zu zögern jemanden aus ihrem Zuhause schob, den viele für unantastbar hielten: seine eigene Mutter. In seinen Bewegungen lag keine Unsicherheit. Er blieb ruhig, präzise und unerbittlich.
Als die Tür ins Schloss fiel, wurde Helenas hysterischer Aufschrei abgeschnitten. Danach breitete sich in der Wohnung eine Stille aus, so vollkommen, dass sie beinahe laut wirkte. Mia hatte das Gefühl, das Schweigen vibriere in ihren Ohren.
Leon wandte sich langsam um. Sein Atem ging schwer, und die Hand, mit der er seine Mutter eben noch festgehalten hatte, zitterte leicht. Sein Blick suchte Mias Gesicht ab, als fürchte er, dort Abscheu zu finden. Oder Angst.
„Alles in Ordnung mit dir?“, brachte er hervor. Der Zorn war verschwunden, auch die Kälte in seiner Stimme. Übrig geblieben waren nur Erschöpfung und Sorge.
Mia ging auf ihn zu. Nicht hastig, nicht fluchtartig — einfach Schritt für Schritt. Sie sah in diese vertrauten Augen, die in diesem Moment so offen und verletzlich wirkten. Und ihr Herz, das eben noch vor Wut und Schrecken gerast war, füllte sich plötzlich mit einer warmen, stillen Verrücktheit, die ihr fast ein Lachen entlockt hätte.
„Ja“, sagte sie leise und legte ihm die Hand auf die Brust. Unter ihren Fingern hämmerte sein Herz. Dann schlang sie die Arme fest um ihn, barg das Gesicht an seinem Hals und flüsterte, mit Tränen und einem Lächeln in der Stimme: „Danke, mein Held. Jetzt ist es wirklich unser Zuhause.“
